Vorträge 2016

Montag, 25. Juli 2016 – 09.30 – 10.30 Uhr

Politik durch Erzählen
Die „Flüchtlingswelle“ und der Kamp um narrative Deutungshoheit in den nationalen Öffentlichkeiten Europas

Der massenhafte Zustrom von Migranten in die wohlhabenden Länder Europas hat dort vielfach eine politische Radikalisierung bewirkt, die das demokratische Gefüge zu sprengen droht. Ein Hauptmittel dieser Radikalisierung ist das Erzählen. In erheblicher Weise hängt die Reaktion auf das Problem der Migration in der Bevölkerung ebenso wie in der Politik davon ab, wie es erzählerisch gerahmt wird. Werden die Migranten lediglich als überzählig Ankommende wahrgenommen oder sind ihre Herkunft und die Ursache ihres Aufbruchs Teil des von ihnen gezeichneten Bildes? Haben sie ein Gesicht oder erscheinen sie lediglich als fremde und bedrohliche Masse? Welcher Aspekt ihrer Herkunft prägt ihre Charakterisierung in der Ankunftsgesellschaft? Wie ist Fremdheit markiert, und wie vergewissert man sich ihr gegenüber des Eigenen und Vertrauten? Wie wird die Unterscheidung zwischen „uns“ und „ihnen“ eingesetzt, um sich politisch zu positionieren? Wen ermächtigt diese Unterscheidung, welche neuen Sprecherrollen entstehen? Und wie kann man diesen radikalisierenden Tendenzen begegnen? – Der Vortrag geht diese Fragen von einem Ansatz her an, der politische Analyse, Medientheorie und literaturwissenschaftliche Begrifflichkeit miteinander verbindet.

Prof. Dr. Albrecht Koschorke,
ist Professor für Deutsche Literatur und Allgemeine Literatur­wissen­schaft an der Universität Konstanz. Arbeits­schwerpunkte: Deutsche Literaturgeschichte des 17. bis 20. Jahr­hun­derts, Kultur- und Erzähltheorie. Seit 2006 Vorstandsmitglied im Exzellenz Cluster ‚Kul­turel­le Grundlagen von Integration’, seit 2010 Sprecher des Graduierten­kollegs ‚Das Reale in der Kultur der Moderne‘.

Neuere Buchpublikationen u.a.: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allge­mei­nen Erzähltheorie (Frankfurt/M.: Fischer 2012, ³2013). –  Hegel und wir (Adorno-Vorlesungen 2013, Berlin: Suhrkamp 2015). – Hitlers ‚Mein Kampf‘. Zur Poetik des Nationalsozialismus (Berlin: Matthes & Seitz 2016)

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Montag, 25. Juli 2016 – 20.00 – 21.00 Uhr

“Gehst Du Bahnhof oder bist Du Auto?”
Deutsch-Türkische Poesie

»Kanakendeutsch«, »Kiezdeutsch«, »Assisprache« oder ähnliche, meist abwertende, Bezeichnungen sind in den Medien und der Öffentlichkeit für die Sprechweise und sprachlichen Eigenheiten der Jugendlichen zu finden, deren Geschichte durch die Arbeitermigration aus der Türkei geprägt ist. Da diese Art mittlerweile schon einen Kultstatus erreicht hat, scheint sich die deutsche Sprache fast schon zurecht mit Wortwahl und Grammatik bedroht zufühlen, oder?
Doch was ist es genau, was so anders scheint? Was sind die eigentlichen Ursachen der »Assisprache«? Warum ist sieso vermeintlich beliebt? Wer spricht sie und wann? Und vor allem: Wo führt sie letztendlich hin? Diana Marossek hat ein Jahr lang an 30 Schulen in Berlin über 1375 Schülern in 75 Unterrichtsstunden zugehört und das Gesagte vor allem in Bezug auf die Grammatik (z.B. »Kommst du mit Klo«) analysiert und ausgewertet, um drei Wirkungsszenarien zu entwickeln, die auch den letzten Argwohn entschärfen und das Ausgrenzen beenden sollten.

dianaDr. Diana Marossek,
geb. 1984. Studium der Betriebswirtschaft, Kommunikation und Sprachen. Aktuell arbeitet sie als Honorardozentin unter anderem an der Cimdata Medienakademie GmbH. Außerdem ist sie seit 2010 Geschäftsführerin des Schlehdornverlags. Im Sommer 2014 hat sie den Deutschen Studienpreis der Körber Stiftung für herausragende Dissertationen gewonnen.


Dienstag, den 26. Juli 2016 – 09:00 – 10:30 Uhr

Wir sind der Staat – Warum Volk sein nicht genügt. Chancen für ein anderes Europa

Wir sind der Staat – das ist keine Zustandsbeschreibung, sondern eine Aufforderung zur Selbstermächtigung an mündige, sachkundige Bürger, ihr Geschick stärker in die Hand zu nehmen. Im eigenen Staat und im eigenen Haus Europa. Wir erleben, wie der Globalisierung von oben nun mit der Flüchtlingsbewegung eine Globalisierung von unten folgt. Welche Folgen wird das haben, für die Demokratie, für unser Leben?  Haben wir überhaupt eine Flüchtlingskrise oder eine Besitzstandswahrungskrise? Wird es kurzfristig eine stärkere Polarisierung geben, aber langfristig eine nachhaltige Angleichung von Lebensstandard und Lebensbildern?

Daniela Dahn,
Daniela Dahn ist Schriftstellerin und Publizistin. Sie war Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“ und hatte mehrere Gastdozenturen in den USA und Großbritannien. Bei Rowohlt sind bislang zehn Essay-Bücher erschienen, zuletzt „Wehe dem Sieger“ und „Wir sind der Staat“. – www.danieladahn.de


Dienstag, den 26. Juli 2016 11:30 – 12:30 Uhr

Grenzen überwinden – Wege der Integration.

Seit Beginn des Schuljahres 2014/2015 bemüht sich die Schulgemeinschaft der Medardus-Schule um die Weiterentwicklung der Kultur des Willkommens für Kinder und Eltern nicht-deutscher Herkunftssprache.

Der Vortrag „Grenzen überwinden – Wege zur Integration“ informiert über  vielfältige schulische und außerschulische Aktivitäten, beschreibt einzelne Projekte und zeigt vereinzelt Stolpersteine auf.

Rolf Polcher ,
Jahrgang 1956, verheiratet, drei erwachsene Töchter. Seit 9 Jahren Schulleiter der Medardus-Grundschule in Bendorf. Eine Ganztagsschule in Angebotsform mit 329 Schülerinnen und Schüler. Davon haben 61 % der Kinder einen Migrationshintergrund (www.medardus-schule.de).


Donnerstag, den 28. Juli 2016 – 09:00 – 10:30 Uhr

Tod vor Lampedusa – Europas Sündenfall

„Tod vor Lampedusa. Europas Sündenfall“ im Jahr 2013 war längst nicht der erste. Alles begann 1990: Das Dublin-Abkommen besiegelte, dass Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten zum Problem der Länder am Rande der EU werden. 26 Jahre später sind wir auf dem Stand der Fürstentümer des 19. Jahrhunderts angekommen. Einzelne Staaten schließen ihre Grenzen, eine Verteilung der Flüchtlinge auf alle EU-Mitgliedstaaten ist weit entfernt! Mir scheint, Brüssel wäre am liebsten, wenn der mehr als umstrittene türkische Präsident Erdogan oder eine nicht vorhandene Regierung der Nationalen Einheit in Libyen den Flüchtlingsstrom stoppen könnte. Ein Armutszeugnis.

Ellen Trapp,
1975 geboren, wuchs ich auf einem Bauernhof in der Eifel auf. Kunstgeschichte, Italienisch und Neuere Geschichte studierte ich in Bonn, Florenz und München. Ich arbeitete als Reporterin für den Bayerischen Rundfunk in Berlin und regelmäßig in den Auslandsstudios Tel Aviv, Istanbul, Wien und Rom (mit Athen), für die ZDF Talkshow „maybrit illner“ im ZDF produzierte ich zahlreiche Reportagen und Dokumentationen für ARD, ARTE, SWR oder den rbb. Seit dem 1. Februar 2016 bin ich ARD-Korrespondentin für Italien, Malta, Griechenland und den Vatikan. In den vergangenen Jahren hat mich vor allem die Frage beschäftigt: „Warum riskieren Menschen Tag für Tag ihr Leben, um nach Europa zu kommen?“ . Wir haben versucht Antworten zu finden von Menschen, die dieses Risiko auf sich nahmen. Für die ARD-Dokumentation „Tod vor Lampedusa. Europas Sündenfall“ sind wir mit dem Katholischen Medienpreis 2015 ausgezeichnet worden. 


Donnerstag, den 28. Juli 2016 – 11:00 – 12:30 Uhr

Weltkrieg statt Weltethos!?

Der Gedanke ist angesichts der aktuellen Nachrichtenlage naheliegend: Was wäre, wenn Hans Küng falsch läge? Und wenn Samuel Huntington nach rund 20 Jahren nun doch recht bekäme? Wenn die Geschichte dieser Welt nicht auf einen Frieden zwischen den Religionen hinaus liefe sondern auf einen Kampf der Kulturen? Wenn uns ein neuer globaler Krieg bevorstünde und der Friede am Ende aller Geschichte nur eine Friedhofsruhe wäre?

Und dennoch: Erdrückender Pessimismus könnte verfrüht sein. Unsere Kriege und Konflikte könnten auch die Spannungen einer Transformationsperiode sein, die soziales und solidarisches Verhalten geradezu erzwingt. Warten wir es ab.

image12Uwe Bork,
geboren am 14. Juli 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik.

Nach dem Studium arbeitete Uwe Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 ist er Leiter der Fernsehredaktion ‚Religion, Kirche und Gesellschaft’ des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.

Zusätzlich zu seinen Filmen hat Uwe Bork auch mehrere Bücher veröffentlicht, in denen er sich mit Urteilen und Vorurteilen über Religion auseinandersetzt, und er ist regelmäßiger Autor für das Politische Feuilleton des Deutschlandradios.

Uwe Bork ist Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater eines Enkels. Mit seiner Ehefrau lebt er im baden-württembergischen Esslingen..


Freitag, den 29. Juli 2016 – 11:00 – 12:30 Uhr

Historische Migrationserfahrungen zwischen Auswanderung und Einwanderung

Migration ist nichts Neues, sondern ein historisch-anthropologisches Grundphänomen. Geschichte lernen heißt vergangene Ereignisse und Prozesse rekonstruieren, erzählen und zwecks Orientierung auf heutige Erlebnisse wie künftige Möglichkeiten beziehen. Die Art dieser Beziehung freilich kann recht verschieden sein, z.B. „traditional“, „exemplarisch“, „kritisch“ und „genetisch“. D.h. man wird einmal gegründete und begründete Einrichtungen bestätigen/befestigen, dann aus Vergleichen weiter gültige Regeln für künftige Fälle finden, auch gegen dominante Deutungen und Folgerungen protestieren oder schließlich bisherige Prozesse – einschließlich Regeländerungen – kontinuierlich fortschreiben bzw. extrapolieren.

Im Vortrag wird es um beispielhafte Wanderungsbewegungen der Vergangenheit gehen, z.B. (wahrscheinlich) „Deutsche“ im ungarischen Transsylvanien („Siebenbürger Sachsen“) und in den britischen Kolonien Nordamerikas („Pennsylvanian Dutch“), aber auch „Hugenotten in Preußen/Hessen“ und „Polen im Ruhrgebiet“. Wichtig ist, dass die „Deutschen“ (bzw. Mitteleuropäer) dabei jeweils in verschiedenen Positionen, d.h. teils als abgebende und teils aus aufnehmende Gesellschaft, in den Blick genommen werden (Perspektivität und Identifikation). Außerdem soll die Betrachtung keine von außen und oben (z.B. staatliche Statistik), sondern eine von „unten und innen“ sein („Erfahrungsgeschichte“).

Wer Migration sagt, meint auch „Grenzüberschreitung“. Und dazu muss es erst einmal Grenzen geben, was alles andere als selbstverständlich bzw. trivial ist. Im Verlauf der Geschichte sind nicht nur Staatsgrenzen überaus flexibel und variabel gewesen, sondern auch Sprach-, Kultur- und Religionsgrenzen. Was ist eigentlich das „Eigene“, was das „Fremde“ – und was unterscheidet (aufgrund bloßer „Konstruktion“?) beide wesentlich? Denn absolut Identisches gibt es ja niemals. Auch zu „Grenzüberschreitungen und Grenzverschiebungen“ werden Beispiele vorgeführt, die freilich nur Probleme aufreißen können, weil eine systematische Erörterung rasch ein ganzes Buch füllen würde.

Prof. Dr. Bodo von Borries
Jahrgang 1943, Promotion in Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und beide Staatsexamina in Geschichte und Deutsch; Politik-, Schul- und Hochschultätigkeit 1968-1976, Professor für Erziehungswissenschaft (Schwerpunkt Geschichtsdidaktik) an der Universität Hamburg (1976-2008); Arbeitsgebiete u.a.: Schulbuch- und Filmanalyse, alternative Unterrichtsmodelle (z.B. zur Frauen-, Kolonial- und Umweltgeschichte), empirische Studien zum Geschichtsbewusstsein Jugendlicher (qualitativ und quantitativ), Theorie und Praxis von Geschichtslernen..


Terminklärung mit Interessenten vor Ort

Visionen für die IAKM

Wie könnte die Zukunft für die IAKM aussehen? Welches Potenzial kann noch gehoben werden, um über die jährliche Studienwoche hinaus, die Zusammenarbeit und Weiterbildung unter den Mitgliedern und Gästen zu fördern? Wie lässt sich die Studienwoche an sich verbessern? Diese Fragen wollen wir in Brixen stellen, um die IAKM konstruktiv nach vorne zu bringen. Wir freuen uns jetzt schon auf kreative Impulse der Teilnehmer. Denn aus den Vorschlägen sollen handfeste Konzepte entwickelt werden.

image14Erich Karnicnik

geb. 1954, Ausbildung zum Kaufmann, Studium Diplom-Psychologie und Philosophie; Coach, Verhaltenstrainer und Organisationsberater. Berufliche Stationen: Filmproduktion, Privater Rundfunk; 25 Jahre als Berater und Trainer in einem Großunternehmen. Diverse freiberufliche Tätigkeiten als Berater und Trainer. Langjähriges Mitglied in der IAKM.

Julia Dührkop

Jahrgang 1977, M.A.Studium der Soziologie, Germanistik und Kunstwissenschaften in Oldenburg, seit 2013 Deskchefin (CvD) bei der Goslarschen Zeitung, Redakteurin bei Tageszeitungen in unterschiedlichen Positionen, Teamleitung im Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung, Engagement im Projekt für Volontärszertifizierung beim Verband Deutscher Lokalzeitungen. Engagement in der Junge-Leser-Initiative (JULE) des BDZV. Dozentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Volkshochschule.