Heimkinder gleich Assikinder? Interview mit einer Nachtwache aus dem Jugendheim.

Ein Beitrag von Vanessa Bönnighausen.

Ich habe eine 22-Jährige aus Hannover interviewt über ihren Job als Nachtwache im Jugendheim. Begonnen hat sie im Tagesdienst und hat dann in den Nachtdienst gewechselt. Sie ist ins Jugendheim gekommen, indem sie sich für ein freiwilliges soziales Jahr beworben hat.

Wie viele Kinder betreust du?

Zurzeit sind bei uns circa vierzig Kinder im Haus, aufgeteilt auf sechs Gruppen. Wir haben eine Jugendgruppe, in der Jungen und Mädchen im Alter von fünfzehn bis achtzehn Jahre sind. Wir haben eine Kleinkindergruppe, in der Kinder von zwei bis sechs Jahre drin sind, und wir haben drei Kindergruppen im Alter von sechs bis vierzehn. Die Kinder haben verschiedene Gruppenstärken, also wir haben eine Gruppe, wo zurzeit zehn Kinder sind, dann haben wir eine Gruppe, da sind nur acht Kinder drin und wir haben auch eine Gruppe, da sind nur sechs Kinder drin, aber das kommt dann auch darauf an, wie viele Erzieher oder Sozialpädagogen in der Gruppe arbeiten, darauf baut sich dann auf, wie viele Kinder in der jeweiligen Gruppe sind.

Wie ist das Verhalten der Kinder?

Das Verhalten der Kinder ist eigentlich ziemlich normal, weil es immer noch ganz normale Kinder sind, die ein halbwegs normales Leben führen. Sie gehen normal zur Schule, sie treffen sich normal mit Freunden, das Einzige ist, dass sie im Kinderheim wohnen, das heißt, sie sehen ihre Eltern nicht regelmäßig, oder schon regelmäßig, dürfen aber nicht über Nacht zuhause bleiben. Natürlich dürfen die Kinder, falls dies mit dem Ordnungsamt abgesprochen ist, mal fürs Wochenende nach Hause. Jedoch muss dies wirklich abgesprochen sein, da es Gründe gibt, warum die Kinder aus den Elternhäusern rausgenommen werden. Auch nachts verhalten sich die Kinder relativ normal, sie versuchen lange wach zu bleiben, versuchen noch weitere fünf Minuten fernsehen zu gucken. Manchmal ist es jedoch auch so, da wir die Türen nicht abschließen dürfen, denn wir dürfen die Kinder nicht einsperren, dass ein Jugendlicher sich rausschleicht und wir die Polizei verständigen müssen und nach ihnen gesucht werden muss. Ganz häufig kriegen die Kinder Heimweh, haben Angst oder möchten einfach nur, dass jemand da ist bei ihnen, aber das ist doch bei jedem so, wenn Kinder zum Beispiel ins Landheim fahren ist das ähnlich.

Welche Tätigkeiten müsst du ausüben?

Die Tätigkeiten im Nachtdienst sind eigentlich relativ einfach. Du bist für vierzig Kinder zuständig und ihr seid zu zweit. Eine vollausgebildete Kraft und eine in Ausbildung, dass bedeutet, dass wir eigentlich zum Dienst kommen und die ganz kleinen Kinder liegen schon im Bett, wenn wir Glück haben, wenn nicht, dann sind die auch noch wach. Unter der Woche bringen wir selten Kinder noch ins Bett, normalerweise ist das dann so, dass wir dann durch die Zimmer gehen und wir sagen: „Wir sind jetzt da, es ist jetzt alles gut, ihr könnt jetzt noch ein bisschen lesen, Musik hören etc.“. Von den Jugendlichen sammeln wir die Handys ein, damit sie die Nacht nicht durchzocken, oder wir schalten die Fernseher aus. Was dann auch wichtig ist, ist, dass wir für die Kinder da sein müssen. Das heißt, wenn sie Redebedarf haben, dann gehen wir zu ihnen und reden mit ihnen. Ebenfalls wenn sich Kinder übergeben, wenn irgendwas passiert, sind wir natürlich für sie da und behandeln sie, beziehungsweise geben wir ihnen Wärmeflaschen etc., wir wischen alles sauber. Auf der anderen Seite sind wir aber auch für hauswirtschaftliche Tätigkeiten da, das bedeutet Geschirrspüler ausräumen und Wäsche machen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem Tages- und Nachtdienst?

Im Tagdienst hast du ebenfalls hauswirtschaftliche Aufgaben zu erledigen, du bist dafür zuständig, dass die Kinder Essen kriegen, dass sie Wäsche haben, dass die Kinder sauberes Geschirr haben und so weiter. Aber man macht auch Aktivitäten mit ihnen, man geht raus in den Park, auf den Spielplatz, macht Hausaufgaben mit ihnen, geht mit ihnen schwimmen oder in den Zoo. Im Nachtdienst stellt man eine andere Bindung zu den Kindern her als im Tagdienst. Die Stundenzahl ist ebenfalls anders, der Frühdienst kommt morgens um halb sieben, zumindest in den normalen Gruppen, in den Kleinkindergruppen kommen sie sogar noch früher und wecken die Kinder, machen sie fertig für die Schule und schicken sie dann los. Im Tagdienst muss man verschiedene Aufgaben bewältigen. Man muss die Nachtwäsche waschen und man muss verschiedene Sachen mit dem Jugendheim und den Eltern abklären, Elternarbeit ist viel der Fall, wenn man Frühdienst hat. Wenn man den Spätdienst hat, dann isst man erst mit den Kinder Mittag und unternimmt dann etwas mit ihnen. Entweder holt man die Kinder von der Schule ab, oder sie kommen alleine, je nach dem wie alt sie sind. Wenn es regnet, muss man, wie wir es nennen, viel Beschäftigungstherapie machen. Beschäftigungstherapie ist einfach nur, dass du mit den Kindern spielst, mit ihnen liest und so weiter. Man hat einen groben Gruppenalltag, wo man auf das Verhalten untereinander achten und auf Kompromisse kommen muss. Im Nachtdienst kann man einfach sagen: „so Leute, Feierabend!“. Am Wochenende plant man im Tagdienst von morgens bis abends eine Aktivität durch und der Nachtdienst bringt die Kinder dann ins Bett. Am Wochenende ist es anstrengender, da man länger wach bleiben muss, es laut ist und die Kinder sehr aufgedreht sind.

Der Frühdienst kommt morgens um halb sieben. Der Spätdienst gegen eins oder halb zwei und bleibt bis einundzwanzig Uhr, dann komme ich als Nachtwache um Viertel nach Acht. Bis dreiundzwanzig Uhr habe ich Dienst, dies wechselt dann in den Bereitschaftsdienst, wo ich schlafen kann, jedoch immer verfügbar sein muss. Unsere Erstkraft ist wach bis um Eins und ist dann für zwei Stunden auf Bereitschaft. Aufstehen müssen wir um sechs, denn um Viertel nach Sechs ist, unter der Woche, für uns Feierabend. Am Wochenende müssen wir bis Zwölf wach bleiben, dadurch dass mehr zu tun ist und die älteren Kinder länger wach bleiben dürfen. Feierabend ist für uns dann um Viertel vor Sieben.

Welche Grundlagen gibt es für diesen Job?

Um diesen Job machen zu können, brauchst du, als Zweit-Kraft, die fertige Ausbildung zu einem Sozialassistenten und zu einer Erst-Kraft brauchst du einen fertigen Erzieher oder Sozialpädagogen. Man muss fertig ausgebildet sein. Du brauchst die nötigen Fachkenntnisse. Dein Führungszeugnis musst du vorweisen, einen guten Lebenslauf und gute Connections helfen dir.

Gab es schon einmal extreme Vorfälle?

Von extremen Vorfällen darf ich aufgrund von einer Schweigepflicht nicht erzählen. Aber die Definition von extremen Vorfällen kann ganz verschieden sein, von zwei Kindern, die sich prügeln, bis hin zu Eltern, die mitten in der Nacht vor der Haustür stehen und ihr Kind widerrechtlich sehen wollen.

Was ist das Schwierigste?

Das Distanzverhalten. Dies ist im Tagdienst deutlich schwerer als im Nachtdienst. Dadurch dass man im Tagdienst natürlich viel mehr mit den Kindern unternimmt und sie besser kennenlernt. Abends möchten die Kinder gerne reden, da ist es eine Schwierigkeit, ihre Geschichten nicht zu sehr an sich heran kommen zu lassen. Weil wenn man das alles mit nach Hause nimmt, was die Kinder durchmachen, dann macht einen das seelisch total fertig. Manchmal ist es mit älteren Kindern schwieriger als mit jüngeren Kindern. Denn jüngere Kinder reden offen mit dir, sie lügen nicht, das schließt die meisten Kinder bis sechs/sieben Jahre ein. Sie bauen schnell eine tiefe emotionale Bindung auf, bei älteren Kindern dauert es zwar länger diese Verbindung aufzubauen, aber diese hält dann auch länger. Und wenn ein Kind sich dir anvertraut und du plauderst das dann aus oder nimmst es mit nach Hause, dann zerstört dich das. Zum Beispiel wenn sich ein Kind ritzt, dann möchtest du da helfen, dass es aufhört, und bist dann wie ein Seelsorger. Das Schlimme ist, dass man niemanden hat, um darüber reden zu können. Wenn man dieses Nähe-Distanz Verhalten gut aufrechterhalten kann, dann ist man gut in diesem Job aufgehoben, wenn nicht, dann dauert es sehr lange dies zu erlernen.

Verändert der Umgang mit den Heimkindern den Blick auf andere Mitmenschen?

Definitiv. Wenn ich durch die Stadt gehe, da habe ich sie früher immer als laut und aufgeweckt erlebt, aber jetzt sehe ich ganz viele betrunkene Leute, Leute unter Drogen, bei so etwas denke ich mir dann, dass dies schade ist, denn aus solchen Familienverhältnissen werden unsere Kinder genommen. Die Kinder erleiden Traumata, erleben Zwangsräumungen, manche haben sogar Lungenkrankheiten.

Es hat mein Weltbild verändert, man sieht viel mehr Sachen, die Auswirkungen auf die nächste Generation haben, und das heißt, du denkst weniger über dein eigenes Leben nach, wie du das verbessern oder verschlechtern kannst, sondern du denkst eher darüber nach, wie es den Kindern heutzutage geht.

Deine einzige Option ist es dein Bestes für die Kinder zu geben und ihr Leben so schön wie nur möglich zu gestalten.

Was ich ganz schlimm finde ist, dass Heimkinder als Assikinder abgestempelt werden. „Sie haben ja kein Zuhause, denen geht es total gut, die fühlen sich voll cool, die müssen ja irgendwas tun, damit sie Aufmerksamkeit bekommen, denn die kriegen sie ja nicht Zuhause.“ Das stimmt schon, sie kriegen keine Aufmerksamkeit von ihren Eltern, da sie von dort weggeholt worden sind, aus vielen verschiedenen Gründen. Allerdings würde ich nicht sagen, dass jedes Heimkind automatisch ein asoziales Kind ist oder ein Kind von einer schlechteren Schicht. Man versucht den Kindern zu zeigen, wie sie sich in die Gesellschaft mit einbringen können, anstatt sich von ihr abzuschotten. Denn man möchte als Heimkind nicht sofort als Heimkind abgestempelt werden. Viele Leute, denen wir auf der Straße begegnen, waren vielleicht mal ein Heimkind und es geht ihnen heute sehr gut. Es geht nicht darum, wo sie aufgewachsen sind oder wie, es geht darum, was für Menschen sie sind, was aus diesen Kindern und Jugendlichen geworden ist. Diese Kinder werden viel zu früh ins kalte Wasser geschmissen, sie wachsen getrennt von ihren Eltern auf und müssen ohne ihre Eltern überleben. In einem Heim werden sie aufgefangen, man kann natürlich in einem Heim nicht die Eltern ersetzen, aber wir können unser Bestes tun, um für sie da zu sein. Diese Kinder gehen stärker und stolzer aus dieser ganzen Situation heraus und wenn sie erwachsen sind, müssen dies nicht immer die Leute sein, die Obdachlos sind oder mit Drogen vollgepumpt sind. Wenn sich Heimkinder nicht in diese Schublade der Gesellschaft stecken lassen, dann wird es auch nicht asozial. 

Denn Kinder aus dem Heim sind nicht automatisch asoziale Kinder, sie sind auch nur Kinder, so wie du und ich.

 

 

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