Eure Sommertexte.

In loser Reihenfolge erscheinen hier nun eure Sommertexte. Los gehts mit dem Sommertext von Celina, 15 Jahre alt

 Ich kann nicht wirklich in Worte fassen, was diesen Sommer los war. Irgendwie ging er an mir vorüber, ohne, dass ich es wirklich mitbekommen habe.

Vielleicht war es das Handy, das mich ständig abgelenkt hatte. Vielleicht war es aber auch einfach diese andere Geschichte, die mich den Sommer nicht hatte genießen lassen.

Egal, was es wirklich war, es war auf jeden Fall nicht gut gewesen. Und es hatte mich verändert.

Ich bin jetzt fünfzehn Jahre alt- ein Teenager mit besonderen Problemen. So nannte Mama das immer. Jeder Teenager hat außergewöhnliche Probleme, die, wenn man sie später rekapituliert, einem klarmachen, wie albern sie waren. Und doch hatte man sich wegen ihnen das Leben zur Hölle heiß gemacht. Ich finde es erstaunlich, wie Mama und Papa das ausgehalten haben. Respekt an sie, falls sie das jemals lesen werden.

Aber dann war da auch noch etwas Anderes. Es ist wie ein Vulkan gewesen: lange Zeit vegetiert er vor sich hin, bis er irgendwann ausbricht. Doch war es bei mir nicht ein Vulkan, dessen Lava sich über mich ergoss, nein, es war… genau, was war es eigentlich?

Ich werde nicht aufgeben.

Ich schaffe das.

Das waren die beiden Sätze, die damals mein Leben bestimmt hatten. Im Sommer 2017. Das war es, das war es, das mich den Sommer nicht hatte genießen lassen. Dass er an mich vorüber ging, ohne wirklich lebendig gewesen zu sein.

Ich sitze in meinem Zimmer. Das Fenster ist geöffnet, die kalte Nachtluft weht hinein. Ich hocke auf dem Boden, den Rücken an die kalte Wand gelehnt. Das Licht ist aus. Und es ist still.

Ich habe die Augen geschlossen, konzentriere mich ganz auf die zwei Sätze, die in mir eingebrannt worden waren. Ich werde nicht aufgeben. Ich schaffe das.

Ein Zittern durchfährt meinen Körper, meine Nackenhaare stellen sich auf und Gänsehaut bildet sich auf meinen nackten Armen, als eine kühle, eiskalte Brise durch das Fenster weht. Ich liebe die Nachtluft. Sie verschafft mir ein Gefühl von Stärke, ein Gefühl von Geborgenheit… und manchmal denke ich an die Magie, die der Wind in das trostlose Zimmer trägt.

Doch auch das kann mich nicht von dem Hunger abhalten, der tief in mir drin lungert. Er brüllt schmerzhaft, er zieht sich zusammen und führt mir immer wieder vor Augen, wie sehr ich Essen liebe.

Geliebt habe.

Jetzt ist es anders. Ich hasse Essen, das rede ich mir zumindest immer ein. In Wirklichkeit warte ich nur auf die wenigen Momente am Tag darauf, wieder Essen zu können. Kalorienzählen ist nämlich verdammt anstrengend und kostet mich jede Energie.

Drei Wochen ziehe ich das jetzt schon durch. Einundzwanzig Tage Hungern, nicht mehr als tausend Kalorien am Tag. Es macht mich wahnsinnig, es macht mich krank, und es macht mich verdammt, zur Hölle, unproduktiv.

Ich weiß, dass das eine Essstörung ist. Ich weiß auch, dass das ein verdammt heikles Thema ist. Oft wird es mit Aufmerksamkeit verbunden, oft mit dem Schönheitsideal, was man hat.

Denkt ihr, man leidet so schlimm nur für Aufmerksamkeit?

Wieder durchläuft ein Zittern meinen Körper. Ich weiß, dass es gleich Zeit ist, für das Abendessen.

Ich werde nicht aufgeben. Ich schaffe das, sage ich mir nochmal und komme auf die Beine.

Mein Körper hat sich verändert, ich habe nicht nur an dem restlichen Fett verloren, das ich hatte, sondern auch an Muskeln. Muskeln, die ich geliebt habe.

Die Ich-schaffe-das-Stimme schlägt sich im Moment wieder mit der Ist-mir-scheißegal-Stimme. So ist das in den Momenten, wo ich sehe, wie das Nutella von dem Messer meiner Schwester tropft. Im Prinzip gehörte Essen früher zu einem meiner Hobbys. Ich war nie besonders dick, sogar eher sehr dünn, doch trotzdem habe ich es geliebt, zu essen.

Dieses Abendessen soll alles verändern.

Einerseits wünsche ich mir, aufhören zu können, Kalorien zu zählen. Andererseits, wenn ich jetzt aufhöre, würde das alles, was ich mir in den letzten drei Wochen hart erarbeitet habe, zunichtegemacht werden.

Aber ich habe keine Kraft mehr. Ich war schon so oft an dem Punkt, einfach aufzuhören. Immer wieder konnte ich mich aufraffen, durchzuhalten. Der Stimme zu gehorchen.

Heute gönne ich mir zum ersten Mal seit drei Wochen einen Nutella-Aufstrich auf dem Brot.

Morgen würde ich mir eine zweite Scheibe Nutella-Brot gönnen.

Und übermorgen habe ich meine Diät schon ganz vergessen.

So einfach ging es bei mir, aus diesem Teufelskreislauf hinauszukommen. So einfach war es, diesen inneren Stimmen keinen Glauben mehr zu schenken.

Auch, wenn meine harte Arbeit zerstört wurde, und ich bis heute immer noch nicht genau weiß, wie ich es damals hinbekommen habe, bin ich froh.

Und wenn ich das schaffe, dann schafft einer von euch das auch.

Leute, diese inneren Stimmen sind unnötig! Sie machen euch nur das Leben schwer. Sie quälen euch. Sie lassen euch leiden.

Und mal ehrlich, Hungern ist schrecklich. Versteht ihr jetzt endlich, wie es den Kindern in Afrika geht? Oder warum das einen viel tieferen Hintergrund hat, als Aufmerksamkeit zu bekommen? Treibt euch das Wort Hungern in Zusammenhang mit euch aus euren Gedächtnissen. Genießt das Leben, so wie es ist. Um Kalorien zu zählen seit ihr noch viel zu jung.

 

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