Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

Der 1932 von Slatan Dudow inszenierte Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?, dessen Drehbuch Bertolt Brecht und Ernst Ottwald verfassten, gehört neben Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929, Regie: Phil Jutzi) und anderen Produktionen der Prometheus-Film GmbH zu den wenigen proletarischen Spielfilmen der Weimarer Republik. Bei seiner Fertigstellung verboten, mit Kürzungen schließlich freigegeben und 1933-1945 erneut verboten, stellt Kuhle Wampe heute ein bemerkenswertes Dokument aus der Spätphase der Weimarer Republik dar, das sich durch die Anprangerung der sozialen Mißstände und klare politische Positionierung zugunsten der KPD von den eskapistischen Unterhaltungsfilmen abhebt, die das Bild der frühen Tonfilmepoche prägten (Die Drei von der Tankstelle, Der Kongreß tanztu.a.).

Inhaltsangabe

Im Mittelpunkt des episodenhaft inszenierten Films steht die junge, aus einer Arbeiterfamilie stammende Anni Bönike. Nachdem ihr arbeitsloser Bruder Selbstmord begangen hat und die Bönikes die Miete für ihre Wohnung nicht mehr aufbringen können, zieht Anni mit ihren Eltern in die Arbeitslosenkolonie Kuhle Wampe – ein Zelt- und Barackenlager am Müggelsee vor den Toren Berlins. Auf Druck ihrer Eltern verlobt sich Anni dort mit ihrem Freund Fritz, von dem sie schwanger ist, dessen Kind sie aber mangels finanzieller Mittel nicht abtreiben kann. Da beide die Verbindung innerlich ablehnen, entschließt sich Anni noch in der Nacht ihrer Verlobung, Fritz, den Eltern und der Kuhlen Wampe den Rücken zu kehren und zu ihrer Freundin zu ziehen, der im Arbeitersportverein „Fichte“ engagierten Gerda. Gerda, ihr Freund Kurt und die Gemeinschaft der jungen Arbeitersportler nehmen Anni bei sich auf. Fritz, der im Heim der Arbeitersportler nach ihr Ausschau hält, wird von Gerda und Kurt auf die anstehenden Wettkämpfe hingewiesen, die die jungen Arbeiter in freier Natur austragen. Das Sportfest bildet den Schlussteil des Films. Anni und Fritz scheinen sich wieder näherzukommen. Auf der Heimfahrt mittels Straßenbahn verstricken sich die Arbeitersportler mit den bürgerlichen Fahrgästen in eine politische Diskussion, die die gesellschaftlichen Gegensätze deutlich hervortreten lässt.

Filmographie und Verleihinfos
Produktion: Prometheus Film-Verleih und Vertrieb GmbH Berlin, Praesens-Film GmbH Berlin
Drehzeit: August 1931 – Februar 1932
Erstverleih: Praesens-Film GmbH Berlin
Regie: Slatan Dudow
Buch: Bertolt Brecht, Ernst Ottwald, Slatan Dudow
Produzent: Willi Münzenberg, Lazar Wechsler
Produktionsleitung: Georg M. Höllering, Robert Scharfenberg
Aufnahmeleitung: Karl Ehrlich
Kamera: Günther Krampf
Musik: Hanns Eisler (Liedtexte: Bertolt Brecht, Ernst Busch)
Ton: Carl-Erich Kroschke, Fritz Michelis
Schnitt: Peter Meyrowitz
Bauten: Robert Scharfenberg, Carl Haacker
Uraufführung: 14.05.1932, Moskau
Darsteller:  
Hertha Thiele Anni Bönike
Ernst Busch Fritz
Adolf Fischer Kurt
Lilli Schoenborn Mutter Bönike
Martha Wolter Gerda
Gerhard Bienert Zeitungsleser in der S-Bahn
Erwin Geschonneck Arbeitersportler
Alfred Schäfer Otto
Martha Burchardi  
Carlheinz Carell  
Carl Dahmen  
Fritz Erpenbeck  

Verleihinformation

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? kann für die nichtkommerzielle Ausleihe bei der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und dem Deutschen Filminstitut (DIF) bezogen werden. Auf DVD wird der Film von Absolut Medien vertrieben. Diese im Jahr 2008 veröffentlichte Edition beinhaltet auch ein umfangreiches Booklet, den Kurzfilm Zeitprobleme: Wie der Berliner Arbeiter wohnt (1930, Slatan Dudow) und die Produktion des DDR-Fernsehens Feigenblatt für Kuhle Wampe (1975), in der die verschollenen Szenen und der Zensurprozess durch die Berliner Filmprüfstelle im Jahr 1932 nachinszeniert wurden.

Bezugsquelle: Es besteht eine Sichtungsmöglichkeit in den Räumen des Filminstituts Hannover.

Materialien

Fritz und Anni. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von absolut medien.


Zusätzlich zum Sequenzprotokoll des Films, retrospektiven Filmkritiken und Arbeitshinweisen für den Unterricht  finden sie hier folgende Arbeitsmaterialien:

M 1: Auszüge aus der Begründung des Verbots, das die Berliner Filmprüfstelle nach der ersten Prüfung des Films verhängte (Zensur-Nr. O.04636 vom 09.04.1932), und aus der Mitteilung über die Freigabe der gekürzten Fassung (Zensur-Nr. B.31425 vom 21.04.1932).

M 2: Zentrale Bedeutung für die agitatorische Absicht des Films bildet die hitzige Diskussion zwischen den Fahrgästen in der abschließenden Straßenbahn-Szene (Sequenz 19), deren Dialoge an dieser Stelle wiedergegeben sind. Gerhard Bienert spielt den Zeitungslesenden Fahrgast, der den Mitfahrenden eine Meldung kundtut, nach der die brasilianische Regierung ihre überschüssige Kaffeeproduktion vernichten lässt, um den Marktwert stabil zu halten. An dieser Meldung entzündet sich eine weltanschauliche Diskussion zwischen den jungen Arbeitern und einem reaktionär-bürgerlichen Wortführer. Im Film sprechen die Darsteller mit Berliner Akzent, der nicht in die Transkription übernommen wurde.

M 3: In seinem Text über „Hanns Eisler und die Musik in Kuhle Wampe“ untersucht Thomas Adank die Kompositionen Eislers und ihren kontrapunktierenden Einsatz in Dudows Film. Adank illustriert seine Darstellung mit zahlreichen Zitaten aus Eislers Materialien zu einer Dialektik der Musik und gibt auch den vollständigen Text des Solidaritätsliedes wieder.

M 4: enthält den Wortlaut des ursprünglich im Film zitierten § 218 Strafgesetzbuch (Abtreibungsparagraphen) in der Fassung, die vom 8. Juni 1926 bis 30. März 1943 gültig war.