Filmanalyse und -kritik „Lang ist der Weg“

LANG  IST DER WEG entstand in den Jahren 1947/48 in der amerikanischen Besatzungszone. Er zeugt von dem Versuch, eine ernsthafte filmische  Auseinandersetzung mit einem drängenden Problem der Nachkriegszeit zu führen:  den sogenannten displaced persons, die als Folge nationalsozialistischer Kriegsführung und Verschleppung sowie der damit zusammenhängenden Flucht  und Vertreibung vor allem in Deutschland lebten.  Ein Titel unmittelbar nach dem Vorspann  weist  hierauf hin und hebt die Aktualität sowie den Realitätsanspruch hervor:  „Aus politischen oder rassischen Gründen aus ihrer Heimat vertrieben,  leben heute noch weit über eine Million Menschen über ganz Europa verstreut.  Sie sind als  DP’s bekannt. Dies ist eine Geschichte aus dem Leben dieser Menschen, so  erzählt, wie sie sich wirklich abgespielt hat – von ihnen selbst erzählt.“ Der Film konzentriert sich dabei auf den Lebens- und Leidensweg jüdischer DP’s,  wenngleich zahlreiche Aspekte auf das grundsätzliche Problem verschleppter,  entwurzelter und  vertriebener Menschen zutreffen. LANG IST DER WEG versucht, Verständnis für DP’s und deren Lage zu schaffen in einer  Zeit,  in der sich die öffentliche Meinung gegen „marodierende Horden“[1] Heimatloser wandte. Daß der Film das Problem exemplarisch am Schicksal einer jüdischen Familie veranschaulicht, erscheint als adäquat: schließlich konnten diejenigen Juden, die   den  Holocaust überlebten,  weniger als andere Verschleppte und Vertriebene eine Heimat  finden.  In diesem Zusammenhang steht die Forderung des Films, Palästina zur Einwanderung von Juden freizugeben. Der Film entstand noch zur Zeit des britischen Mandats in Palästina und ist somit auch als Dokument jüdischer Hoffnung und Forderung nach einem eigenen Staat zu betrachten.

Entsprechend  der  Themenstellung ist die im  Film eingenommene Perspektive  durchgängig die eines verfolgten bzw. heimatlosen Juden in der Zeit von September 1939 bis 1946.  Diese sinnvolle und konsequent durchgeführte Perspektive  überzeugt,  was auch daran liegen mag, daß der Film großenteils von jüdischen Filmschaffenden realisiert  wurde – bei Drehbuch und CO-Regie, bei der Produktionsleitung  und bei vielen der Schauspieler.  Diese Perspektive wird  dadurch verstärkt,  daß nur die verfolgten und  heimatlosen jüdischen Opfer eine  nähere Charakterisierung erfahren. Die übrigen Personen, insbesondere die    deutschen Täter, Nationalsozialisten, Wehrmachtssoldaten und SS, erscheinen demgegenüber als Funktionsträger bzw. als Teile eines Unrechtssystems – am deutlichsten vielleicht der SS-Arzt im Lager Auschwitz, der mit den Kommandos „links – rechts“ über Tod oder Noch-leben-lassen entscheidet und von dem nur der befehlende  Arm bzw.  die Hand zu sehen ist.  Daß LANG IST DER WEG es  vermeidet, einzelne Deutsche zur Zeit der NS-Herrschaft als Individuen greifbar zu7 machen, zur Identifizierung und Auseinandersetzung anzubieten,  ist in der Konzeption des Films begründet: die Ursachen der Misere, die geschichtliche  Entwicklung, das Unrechtssystem sollen benannt sein, aber auf die Auseinandersetzung mit dem individuellen Täter, auf Haß und mögliche Vergeltung wird bewußt verzichtet. Exemplarisch sind hier die Ausführungen von David Jelin,  der einem polnischen Juden, welcher die Vertreibung Deutscher in Polen als Vergeltung begrüßt, antwortet:  „Ich kann nicht so denken …  Mir hat man auch Schlimmes getan – Vater und Mutter … ich wünsche niemandem, was ich erlebt habe. Ich möchte aber doch mal endlich in Ruhe leben. Wie kann denn Frieden sein, wenn niemand aufhören will zu hassen?“

Wie angedeutet, ist es ein Merkmal des Films, daß er das Problem der DP’s in seiner historischen Entwicklung darstellt, die Ursachen für die Probleme der Nachkriegszeit in der  Vergangenheit aufzeigt und schließlich ansatzweise eine  Zukunftsvision entwirft. Der Film geht dabei chronologisch vor, beginnend mit dem  deutschen Überfall auf Polen.  Die erste Hälfte des Films stellt so den Leidensweg der jüdischen Familie Jelin unter faschistischer Herrschaft dar – die eigentlichen Ursachen für die Probleme der Nachkriegszeit, insbesondere für die elende Lage der DP’s sollte dem deutschen Publikum nicht erspart bleiben.  Die Zusammenhänge von Vergangenheit und Gegenwart offenzulegen,  wird so zu einem konstituierenden Merkmal des Films und zwar nicht nur durch ein chronologisches „zuerst – daraus folgte“,  sondern darüber hinaus wird in der Charakterisierung und Beschreibung der Opfer in der Nachkriegsgegenwart die Aktualität des Vergangenen deutlich.  Als exemplarisch kann hier die Szene gelten,  in der Hanne und  David unabhängig voneinander erfahren,  daß  der bzw. die  andere noch lebt und sie sich auf die Suche nacheinander machen.

Dieser  Vorgang  wird in Form einer Parallelmontage inszeniert: abwechselnd werden in Doppelbelichtungen Hannes und Davids umherirrende Füße vor dem Hintergrund der aufgesuchten Orte gezeigt, dann ihre Köpfe von Suchdienst zu Suchdienst,  von einem „Nein“ zum anderen eilend. Das hilflose Umherirren, das  Hin-  und Hergeschicktwerden läßt bei der verzweifelten Hanne Erinnerungen an das Aussortieren in Auschwitz – links – rechts, Tod oder Noch-leben-lassen – aufkommen; links, links, links hämmert es in ihrem Kopf, das Bild ihres in die Vernichtung  geschickten  Mannes entsteht vor ihren Augen, sie erleidet einen Nervenzusammenbruch, von dem sie sich erst am Schluß zu erholen beginnt. Die filmische Realisierung hebt hier durch  Doppelbelichtungen,  Überblendungen und geschickte Montage die Bedeutung der leidvollen Vergangenheit für die Nachkriegsgegenwart hervor.

Wird in dieser Szene mit typischen Mitteln der Dramatisierung gearbeitet, so ist es für den Film als Ganzes dennoch bezeichnend, daß er eine Mischung aus Dokumentar- und  Spielfilm darstellt. LANG IST DER WEG besteht zu nicht geringen Teilen aus Archiv- und Wochenschauaufnahmen, die von einem Kommentar aus dem OFF im Reportagestil erläutert werden.  Diese Verwendung von Dokumentaraufnahmen soll den intendierten Realismus unterstützen. Während die Spielfilmszenen die Geschichte der Familie Jelin erzählen, sie als einzelne  Menschen, die verfolgt werden und leiden, sichtbar und erfahrbar werden lassen, sollen die Dokumentarszenen zeigen,  daß dies eben kein fiktives oder vereinzeltes  Schicksal war, sie demonstrieren den historischen Zusammenhang sowie  den Anspruch der Darstellung von historischer Realität.

Das Nebeneinander von Dokumentar- und Spielfilminszenierung beinhaltet allerdings die Gefahr eines stilistisch störenden, unverbundenen Nebeneinanders, besonders wenn ein Film das Dokumentarmaterial so ausgiebig verwendet wie dieser. Doch der Uneinheitlichkeit wurde in LANG IST DER WEG weitestgehend erfolgreich entgegengewirkt. Dies geschieht zum einen durch den Inszenierungsstil in  den   Spielfilmszenen: die Kameraführung ist hier durch unaufdringliche Beobachtung gekennzeichnet, das Leben der Familie Jelin wird behutsam  realistisch inszeniert. Zum anderen wird der Ton entsprechend eingesetzt: Die Dialoge in den Spielfilmszenen erfolgen zum größten Teil in jiddischer  bzw.  polnischer Sprache (mit deutschen  Untertiteln), was Authentizität und  dokumentarischen Charakter unterstreicht. Außerdem wird der über Dialoge hinausgehende Ton (Kommentarstimme,  Musik, Geräusche) so eingesetzt, daß er Spiel- und Dokumentaraufnahmen umfaßt und miteinander verbindet. Die Form des Films ist so insgesamt von einer realistischen Haltung gegenüber dem Sujet geprägt. Dieser Realismus ist es, der die Dokumentar- und Spielfilmteile zu einer homogenen Einheit werden läßt.

Problematisch erscheinen einige Bilder im letzten Drittel des Films, die von der wiederaufgenommenen Arbeit im DP-Lager berichten bzw. die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft illustrieren. Hier geht es bergauf mit fleißig arbeitenden und lernenden Menschen. Pflügende und säende  Bauern  demonstrieren Aufbauwille und Regsamkeit.  Auch David wird ein tüchtiger Arbeiter.  Fleiß und Mühe der Menschen werden jedoch durch das hoffnungslose Warten im Lager zermürbt. Während manch einer den Versuchungen des Schwarzmarktes nicht widerstehen kann, bleibt David auch hier standhaft. In der letzten Einstellung, in  der David seiner Mutter Hoffnung auf ein besseres gemeinsames Leben in der Zukunft macht, sehen wir die Einblendung „Doch lang  ist der  Weg“  vor  dem Hintergrund eines seine Scholle pflügenden Bauern. Nicht  unschuldig an diesen Szenen ist  vielleicht die amerikanische Besatzungsmacht: die zuständigen Amerikaner nahmen, so W. Schnurre, „derart Anstoß an der wahrheitsgetreuen Schilderung des Schicksals der jüdischen DP’s  (…),  daß sie Herbert Fredersdorf seinem sonst hervorragenden Film ‚Weit ist der Weg‘ ein völlig den Tatsachen widersprechendes Blut-und-Boden-happy-end anzuhängen befahlen.“ (Schnurre,  S.  48) In den hoffnungsvollen Aufbauszenen dokumentiert der Film auf diese Weise die Interessenlage und Einflußnahme der amerikanischen Besatzungsmacht 1947/48,  der an einem schnellen Wirtschaftsaufbau gelegen war.

Wenngleich Tendenz und Stil des Films durch diese Szenen beeinträchtigt werden, so ist LANG IST DER WEG doch ein sehenswertes und wichtiges Dokument dafür, daß es in der unmittelbaren Nachkriegszeit den – wenn auch seltenen – Versuch gab, sich mit drängenden Zeitproblemen filmisch auseinanderzusetzen und diese im historischen Kontext zu begreifen. Im Gegensatz zu den meisten Filmen der Nachkriegszeit, die trotz häufigen Zeitbezugs vor der faschistischen Vergangenheit flohen, wurde LANG IST DER WEG von der Öffentlichkeit weitgehend  ignoriert. Die  Geschichte des Films dokumentiert so nicht zuletzt die geringe Bereitschaft  der damaligen deutschen Öffentlichkeit, sich kritisch mit der faschistischen Vergangenheit und den durch sie hervorgerufenen Problemen auseinanderzusetzen. 

[1]Der Begriff taucht regelmäßig in zeitgenössischen Polizeiberichten auf.