Zur Entstehung des Films „Lang ist der Weg“

(…) Ein weiterer Film – der jiddische, deutsche und polnische Dialoge mischte – wurde in den Lagern der von den Nazis ver­schleppten Personen im besetzten Deutschland produziert, in denen die Zahl der Zuflucht suchenden jüdischen Menschen auf 225.000 angewachsen war. Neben Essen, Kleidung und anderen Unterstützungen sorgte das American Joint Distribu­tion Committee (JDC) in diesen Flüchtlingslagern für kultu­relle Aktivitäten. Israel Becker, 31 Jahre alt und aus Bialystok stammen^ der eine vom JDC unterstützte Schauspielertruppe leitete, schrieb ein autobiographisches Drehbuch und legte es der Jewish Film Organization (YAFO) vor, die 1946 vom JDC gegründet worden war, um jiddische und hebräische Versio­nen des von der US-Army produzierten Dokumentarfilms Death Factories herzustellen. YAFO empfahl Beckers Pro­jekt offensichtlich der US Army’s Information Control Division, die den Film dann produzierte. LANG IST DER WEG wurde in einem Münchner Studio mit Schauspielern des Münchner Jiddischen Kunst-Theaters gedreht, darunter auch Berta Litwina (die 1937 in Tkies Kaf und Der Purimschpiler mitgewirkt hatte), Bettina Moissi (Tochter des deutsch-jüdischen Schauspielers Alexander Moissi) und Alexander Bardini (der Leiter eines Jiddischen Theaters). Ein deutscher Filmemacher, Herbert B. Fredersdorf, wirkte als technischer Regisseur mit, während Marek Goldstein die Führung der Schauspieler oblag. (Obwohl Becker in den Stabangaben nur beim Drehbuch aufgeführt wurde, erzählte er Eric Goldman, daß es „Schwierigkeiten mit den Darstel­lern“ gegeben und er sich daraufhin entschlossen habe, den Film selbst zu inszenieren.)

Nach einem an eine Wochenschau erinnernden Prolog be­ginnt LANG IST DER WEG im von den Deutschen besetz­ten Warschau. Als sich Jacob und Hanna Jelin (Berta Litwi­na) gerade auf den Sabbat vorbereiten, platzt ihr Sohn David (Israel Becker) mit der schrecklichen Nachricht herein, daß die Nazis alle Juden zwingen, ins Ghetto zu gehen. Nach der Liquidierung des Ghettos gelingt es David, aus einem für Auschwitz bestimmten Transport zu fliehen, um auf dem polnischen Land eine Überlebenschance zu suchen. Wäh­rend der erste Bauer, dem er begegnet, versucht, ihn an die Deutschen zu verraten, wird er von einem zweiten Bauern (Alexander Bardini) gerettet, der ihm nicht nur Essen und Unterkunft gewährt, sondern ihn auch zu einer Gruppe jüdi­scher Partisanen bringt. In einer verblüffend ökumenischen Szene betet der Bauer vor einem Wegkreuz für Davids Sicherheit. (LANG IST DER WEG sucht jüdischen Chauvi­nismus zu vermeiden: Später, als David ein Zugabteil mit vertriebenen deutschstämmigen Polen teilt, wird er begrei­fen, daß auch sie gelitten haben.)

(…) LANG IST DER WEG war einer der ersten Spielfilme, der die nationalsozialistischen Konzentrationslager aus der Sicht der Insassen zeigte. Becker schneidet zwischen Davids Abenteuer Szenen aus Auschwitz, die – obwohl vollständig im Studio gedreht – durch Stilisierung und Großaufnahmen überzeugen. Das Sh’ma1 singend wird Jacob in die Gaskam­mer geschickt; Hanna gelingt es, bis zur Befreiung zu über­leben. In den Ruinen des befreiten Polens trifft David Dora (Bettina Moissi). Da sie eine deutsche Jüdin ist, reden sie deutsch miteinander. Er erfährt vom Tod seines Vaters und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter, zunächst in Polen, dann in der amerikanisch besetzten Zone Deutsch­lands. Sie sucht ihn ebenfalls, bis sie zusammenbricht und in ein deutsches Krankenhaus gebracht wird. (…) Davidkommt im Lager von Landsberg, dem größten rein jüdischen Flücht­lingslager in Bayern unter, findet eine Arbeit als Mechaniker und heiratet Dora. Nach einer eher tristen Hochzeitszeremonie begibt sich das glückliche Paar zu Bett, um eine Radiosen­dung zu hören, in der Delegierte des Jüdischen Weltkongres­ses sich für die Öffnung Palästinas für jüdische Einwanderer aussprechen. Zufällig entdeckt David in einer jiddisch spra­chigen Zeitung den Namen seiner Mutter und eilt in das Kran­kenhaus, in dem sie untergebracht ist. Obwohl sie ihn zu­nächst nicht erkennt, endet der Film mit einem tränenreichen Wiedersehen. Eine kurze Coda zeigt einen jungen Mann, möglicherweise David, der das Land in Palästina bestellt. (…) LANG IST DER WEG wurde Mitte November 1948 im Avenue Theatre (New York) aufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt existierte der Staat Israel bereits fünf Monate. Kritiken nahmen den Film natürlich immer noch als politisches Trak­tat auf. In ‚Variety‘ wurde er als „offene Propaganda“ und „sicherer Posten für anspruchsvolle Filmtheater“ bezeichnet, während in der ‚New York Herald Tribüne‘ herausgestellt wurde, daß nur 20 Prozent der europäischen Flüchtlinge Juden seien und dem Film sein besonderes Anliegen ange­kreidet wurde. (…)

1 Sh’ma, das ‚Höre Israel‘; das Bekenntnisgebet Israels, das mit ‚Höre Israel‘ beginnt und aus den Versen 5. Mose 6, 4-9 besteht. Es wird zweimal täglich rezitiert. Viele jüdische Märtyrer sind mit diesem Bekenntnis zu dem einen Gott gestorben.


Aus: Jim Hoberman: Bridge of Light. Yiddish Film Between Two Worlds, New York 1991