Filmkritiken zu „Zug des Lebens“

Als „ein stilles, herzliches Plädoyer für mehr Zwischenmenschlichkeit“ bezeichnet Thilo Wydra (K1) den Film in seiner wohlwollenden Rezension, die „Zug des Lebens“ nicht nur gegen „Das Leben ist schön“ abgrenzt, sondern ihn im Vergleich der beiden auch als den gelungeneren herausstellt. Auch Jan Schulz-Ojala (K 2) vergleicht „Zug des Lebens“ mit dem Benigni-Film. Ausgehend vom Märchen-Charakter beider Produktionen betont er – mit viel Sympathie für Mihaileanus Film – die Unterschiede in der durch jeweils spezifischen Humor geprägten Gestaltung. Heike Kühn (K3) sieht Mihaileanus Hauptanliegen mit „Zug des Lebens“ darin, dem Wahnsinn der nationalsozialistischen Massenvernichtung den Wahnwitz der Märchenerzählung entgegenzustellen. Lars-Olav Beier (4) kritisiert an „Zug des Lebens“ vor allem die schwache Figurenzeichnung, die Inszenierung der Nazis als „Pappkameraden“ und die Schluss-Szene, die er als „aufgesetzt“ empfindet.  Matthias N. Lorenz (K5) sieht in seiner Beurteilung von „Zug des Lebens“ im Vergleich zu „Das Leben ist schön“ Mihaileanus Film als den schwächeren an. Besonders scharf ist seine Kritik, Mihaileanu verwende „jüdische Stereotypen“, die mit „antisemitischen deckungsgleich“ seien.
Thilo Wydra: „Zug des Lebens“ (2000)

„Ein Vergleich mit Roberto Benignis Oscar-gekrönter Tragikomöide `Das Leben ist schön´ mag sich hier geradezu aufdrängen, doch sollte Radu Mihaileanus zweiter Spielfilm, der vielfach ausgezeichnete `Zug des Lebens´, völlig eigenständig betrachtet werden. Es wäre auch unfair, den wesentlich höher budgetierten Film von Italiens Starkomiker einem dafür deutlich engagierteren Projekt gegenüberzustellen, zumal Mihaileanus Road-Movie den Kern jüdischen Humors trifft und wohlüberlegt in den übergeordneten Kontext des Krieges einbaut.

Osteuropa 1941, in einem jüdischen Schtetl. Dorfnarr Schlomo hat erfahren, dass die Bewohner anderer jüdischer Dörfer deportiert und umgebracht werden. Was tun? Die Gemeinschaft entscheidet sich für eine ungewöhnliche Lösung: Sie deportieren sich einfach selbst! Um den Deutschen vorgaukeln zu können, dass es sich hier um eine echte Deportation handelt, muss zunächst ein Zug organisiert werden, müssen diejenigen, die für die undankbaren Rollen der Nazis auserkoren wurden, akzentfreies Deutsch lernen, müssen SS-Anzüge und Gefangenenkleidung besorgt werden. Schließlich ist der rettende Zug startklar. Doch die Fahrt ist risikoreich, immer besteht die Gefahr, von den Deutschen entdeckt zu werden, zudem verfolgen Partisanen den vermeintlichen Nazi-Transport. (…)
`Zug des Lebens´ ist ein kleines Meisterwerk, das nach einem wahren Preissegen auf diversen Festivals nun einen deutschen Verleih gefunden hat. Vor allem ist es ein Film über die skurrilen und liebenswerten Eigenschaften jüdischer Kultur, und nur selten wurde in einem Film der jüdische Humor derart erdig und greifbar inszeniert, sowohl amüsant als auch nachdenklich stimmend. (…) `Zug des Lebens´ enthält auch Momente der Verzweiflung, der Todesangst, und stellt diese paritätisch neben jene von ausgelassener Fröhlichkeit und uneingeschränkter Hoffnung. Dabei gelingt es Mihaileanu, diese Gratwanderung von Anfang bis Ende durchzuhalten, ohne einem der beiden Pole zu sehr nachzugeben.

Man wünscht diesen sich selbst Deportierenden nur das Beste, wünscht auch, dass sie mit ihrem Humor dazu beitragen, dass man zwar übereinander lacht, dabei jedoch den Respekt vor dem jeweils Anderen bewahrt. So ist `Zug des Lebens´ ein zutiefst humanistischer Film, ein stilles, herzliches Plädoyer für mehr Zwischenmenschlichkeit, für beiderseitige Akzeptanz, so sehr sich das Gegenüber auch von einem selbst unterscheiden mag. Wie schwer es der gebürtige Rumäne, der 1980 vor der Diktatur Ceaucescus nach Paris emigrierte, hatte, diesen Film überhaupt zu realisieren, ist jedoch ein Zeichen dafür, dass die unsichtbaren Grenzen in den Köpfen der Menschen noch immer weniger einfach zu überwinden sind als die geografischen.“

Thilo Wydra. In: Filmecho/Filmwoche 10/2000, S. 28.

Jan Schulz-Ojala: „Das Fenster zum Schmerz (2000

Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ – eine fulminante Holocaust-Komödie“:

„Ziemlich gegen Ende geht dieser Film in die Musik über, die er, bei genauerem Hinhören, schon die ganze Zeit war – und eines der denkwürdigsten Konzerte der neueren Filmgeschichte hebt an. Sein Anfang: eine Geige, eine kaputte Geigensaite, jemand spielt eine Melodie auf nichts anderem als dieser Geigensaite. Andere Musiker hören der kurzen Tonfolge zu, und als sie ihr Seufzen begriffen haben, das ein Aufseufzen ist, fallen sie ein: mit der Geige, mit Zupf-, Schlag- und Blasinstrumenten. Sie deuten das Aufseufzen als Auftakt. Und der Tanz, ein wunderbarer, kurzer Tanz beginnt.

Man kann über diesen Film nicht wie über andere Filme schreiben. Vielleicht, weil er so ist wie dieses Halbdutzend Töne auf der kaputten Geigensaite. So schön, so schlicht, so verletzlich auch. Da kratzt jemand auf einem Stück Pferdehaar und entlockt ihm eine große Melodie. Und doch: Man kann ihm auch den Resonanzboden entziehen, und dann ist da nichts weiter als ein Kratzen, eine Katzenmusik. Kein Konzert und kein Tanz, kein Auftakt, nicht einmal ein Abgesang. Vielleicht muss man, um diesen Film zu lieben, wie im Inneren einer Geige sein.
Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ ist das, was man – spätestens seit Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ – eine Holocaust-Komödie nennt. Nun ja, fast. Sie spielt nicht im Lager, sondern erzählt von einer ungewöhnlichen Reise, die die Bewohner eines osteuropäischen Shtetls im Sommer 1941 unternehmen, um gerade nicht dort, im Lager, anzukommen. (…)
Um es gleich zu sagen: `Zug des Lebens´ ist ein sehr altmodischer Film. Den guten, alten Linken unter den Zuschauern wird missfallen, dass die Kommunisten in dem Film ziemliche Karikaturen sind. Ja, der Witz, der sich über sie ergießt, hat etwas Raues, das man sicher gut lernt, wenn man in einem Land wie Rumänien aufgewachsen ist. Aber ob das Thema einen stört aus alter Liebe oder einen alten Hass bedient: Von gestern wirkt es auf jeden Fall. Und erst das Frauenbild von Radu Mihaileanu: Nicht nur Zuschauerinnen finden es vermutlich von vorgestern. (…) Und schließlich: Die Unsentimentalen unter uns – und wer ist das nicht heutzutage – dürften den Film stellenweise ziemlich sentimental finden. Also in die Ecke mit der alten Geige?

Anti-Benigni-Märchen

Andererseits: `Zug des Lebens´ ist ein Märchen. Erstens ist eine Holocaust-Komödie immer ein Märchen, das lehrt schon unsere Nachgeborenheit. Und dann sind Märchen sowieso immer altmodisch. Oder ewig. Aber das ist bekanntlich genau so weit weg. Und hat man nicht schon Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ mit der Kategorie des Märchens in Schutz genommen – auch gegen den eigenen erwachsenen Vorbehalt? Bei Benigni, der seine jüdische Kino-Familie ins Todeslager schickte, musste man gewissermaßen auf Kinderkopfhöhe gehen, um die Abbildung, die Zurichtung, die Schönung des KZs – mit all jenen sportlich schlanken, irgendwie doch elegant gekleideten Todgeweihten unter mediterraner Sonne – auszuhalten. Wenn man sich ganz klein machte, wurde dieser Film riesengroß. Ein Kindertraum: Vom guten Papa Benigni bis ins Letzte exekutiert, damit die Wirklichkeit nicht durchdringen möge.
Radu Mihaileanus Film, ein bisschen früher gedreht als der Benignis, kommt lange nach dessen Welterfolg ins Kino. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Denn wer ihn sieht, sieht ihn vor dieser so scheinbar ähnlichen Folie – und sich selbst plötzlich vor dem gewaltigen Horizont, den der Humor im Menschen aufzureißen vermag. Augenblicksweise, in der Komik einzelner Situationen, mögen sich die Konzepte Benignis und Mihaileanus berühren. Nur: Wie kommt man dorthin? Und: Was macht man draus? Benigni benutzt Situationen, um das Äußerste – meist an Übertreibung – aus ihnen herauszuholen, Mihaileanu lässt seine Figuren ihnen eher entgegentreiben und überlässt die Entschlüsselung dem Zuschauer. Benigni blickt von außen, der rumänische Jude Mihaileanu von innen auf die Welt des Holocaust; der eine nähert sich über die Komik der Trauer, der andere über die Trauer der Komik. Explosion gegen Implosion: ja, bis in das Präsentieren ihrer Filme scheinen die beiden Regisseure Antipoden. Benigni nutzte die zahlreichen fernsehwirksamen Preis-Auftritte zu eben jenem sympathischen, mitunter schwer erträglichen Klamauk, dem er schon als Schauspieler entstammt. Mihaileanus Freude – auch sein Film wurde mit, nun ja, nicht ganz so populären Preisen überschüttet – bleibt gebändigt, ein Fenster zum Schmerz.

Ganz recht, ich habe wenig vom Film selbst erzählt. Vielleicht weil ich mir wünsche, jeder möge darin so viel Eigenes wie möglich entdecken. (…)“

Jan Schulz-Ojala: „Das Fenster zum Schmerz. Im Kino: Radu Mihaileanus `Zug des Lebens´ – eine fulminante Holocaust-Komödie“. In: Der Tagesspiegel, 22.3.2000.

Heike Kühn: „Das Märchen als Glaubensfrage: Eugène Ionesco im Hinterkopf: Radu Mihaileanus tragikomischer Film `Zug des Lebens´“ (2000)

„`Es war einmal´, sagt der Erzähler, aber wie es ist, am Ursprung der Erzählung, das liegt im Dunkeln. Die Märchenworte schleudern Schlomo, den Faxen- und Geschichtenmacher, zurück ins Jahr 1941: `Ich bin geflohen, weil ich dachte, man könnte fliehen vor dem, was ich schon zu oft gesehen habe.´ Wie programmatisch dieser Anfang ist für einen Film, der gleich Roberto Benignis `Das Leben ist schön´ nicht den Tod in den Vernichtungslagern zeigt, sondern das Leben, das dort getötet wurde, wird sich erst spät erschließen.

(…) `Im Hinterkopf´, so Radu Mihaileanu, der von ahnungslosen Produzenten schon mal als `antisemitischer´ Irrer beschimpft wurde, weil niemand den spezifischen jiddischen (und rumänischen) Witz seines tragikomischen Projekts verstand, `hatte ich auch immer das Genie des Absurden: Eugène Ionesco´. Der Geist der Umkehr, die Einsicht ins Verrückte beflügelt auch den vorgeblich weltfremden Schlomo. Einen Zug wird das schtetl sich von den Spenden der verschworenen Gemeinde kaufen, eine Lokomotive, die fast auseinanderfällt, mit viel Farbe wieder zusammenkleben, Hakenkreuze an die Viehwaggons nageln, den auserwählten `Nazis´ Uniformen schneidern. Via Russland ins gelobte Land – eingelegte Essgürkelen und Purimplätzchen für die Kinder im Gepäck.

Doch während Lubitschs Helden in `Sein oder Nichtsein´ den polnischen Untergrund mit ihrer Kunst der Verstellung gefährden, weil sie aus gekränkter Eitelkeit oder künstlerischem Übermut aus ihren Nazi-Rollen fallen, werden es sich die falschen Nazis bei Mihaileanu nach anfänglichen Protesten über die zugedachte Rolle in ihrem neuen Dasein als Deutsche erstaunlich gemütlich machen. Wie ledergepolsterte Offizierswaggons und die Befehlsgewalt über die schtetl-Honoratioren auch fromme Juden in Versuchung bringen kann, gehört zu den Kabinettstückchen eines Films, dem es an entlarvend komischen Einfällen nicht mangelt. (…)
Warum er der Verrückte sein müsse, wird der prophetische Schlomo einmal gefragt. `Ich wollte Rabbi werden, aber die Stelle war schon besetzt´, ist die einzig denkbare Antwort. Miahaileanus Märchen ist eine Glaubensfrage. Der Schabbes wird auch auf der Flucht geheiligt, der Zug für den Lichtersegen auf offenem Feld angehalten. `Der Wahnwitz solcher Systeme´, schrieb Hannah Arendt in Israel, Palästina und der Antisemitismus über den Nationalsozialismus, `besteht natürlich nicht nur in ihren Ausgangsprämissen, sondern vor allem in der ehernen Logik, die sich durchsetzt, und zwar ohne Rücksicht auf die Tatsachen – und ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit.´ Der monströsen Irrationalität der Konzentrationslager, der systematischen Umwandlung von Unsinn in Sinn, die samt der Sinnfrage das Betroffenheitsgerede vom `sinnlosen Töten´ unmöglich gemacht hat, begegnet Mihaileanu mit der Ratio eines Glaubens, der sich seines Aberwitzes bewusst ist. Am Ende wird nur das Märchen weiterleben – hinter den Stacheldrahtzäunen eines KZs. Dass es erzählt worden ist, ist kein Trost, sondern eine Revolte. Ein Versuch, dem Buch Niegewesen wenigstens ein paar leere Seiten abzutrotzen.“

Heike Kühn: „Das Märchen als Glaubensfrage: Eugène Ionesco im Hinterkopf: Radu Mihaileanus tragikomischer Film `Zug des Lebens´“. In: Frankfurter Rundschau, 27.3.2000.

Lars-Olav Beier: „Bis zur letzten Saite. Dem Grauen mit Humor die Stirn bieten“ (2000)

„Da steht er nun, der Narr des Dorfes, Shlomo, dem Rat der Weisen gegenüber. Eben noch rannte er im Wald um sein Leben, mit Augen, die vor Angst geweitet waren, weil sie mit ansehen mussten, wie die deutschen Truppen das benachbarte Shtetl dem Erdboden gleichmachten und marodierend weiterzogen. Tod und Vernichtung rücken stündlich näher. Doch Shlomo hat einen Plan: Der Narr rät den Weisen, die Bewohner seines Dorfes sollten sich selbst deportieren, einen Zug zusammenstellen und versuchen, über Russland ins Gelobte Land zu gelangen. Shlomo steht mitten im Dorf und malt die Zukunft, die eben noch völlig hoffnungslos schien, mit großen Worten und Gesten aus. Hinter ihm, über dem Dach eines Hauses, leuchtet die rötliche Sonne, von der wir nicht wissen, ob sie gerade auf- oder untergeht. Sie sendet ihre wärmenden Strahlen über die Szenerie – ein echter Hoffnungsschimmer oder nur der falsche Schein?

Fast dreißig Jahre früher: ein anderer Film, ein ganz ähnliches Bild. Ebenfalls in Cinemascope, jenem Format, in dem Lebenslust und Todesangst Platz genug haben, sich nebeneinander auszubreiten, sehen wir einen Hochzeitszug durch ein Shtetl ziehen. Genau dort, wo in dem Film `Zug des Lebens´ das Haus steht, befindet sich in `Fiddler on the roof´ (Anatevka, 1971) noch ein Baum. Durch die Zweige bricht das Licht der Abendsonne, und wir wissen, dass hier weit mehr dämmert als der Tag: Während die Hochzeit gefeiert wird, kommen die Soldaten des Zaren als Vorhut des Pogroms immer näher. Der Geiger, der in der ersten Sequenz im Licht der Morgensonne auf dem Giebel eines Hauses die Balance zu halten versucht, fährt auch im `Zug des Lebens´ mit: Er steht auf dem Dach des Waggons, die Arme ausgebreitet, die Violine in der einen Hand, sich dem Wind entgegen stemmend. Am Ende des Films wird auf der letzten noch verbliebenen Saite gespielt.

Ungefähr die gleiche Anzahl der Jahre, die beide Filme voneinander trennt, liegt auch zwischen den Zeiten, in denen sie spielen: `Fiddler on the roof´ versetzt uns ins vorrevolutionäre Russland, `Zug des Lebens´ erzählt von den Bewohnern eines nicht näher bestimmten osteuropäischen Shtetls im Jahr 1941. Doch Norman Jewisons überaus erfolgreiches Musical, das wie kein zweiter Film das Bild von jüdischer Kultur im Kino prägte, ist die erste Station, an der der aus Rumänien stammende Regisseur Radu Mihaileanu Halt macht. Eine Sequenz, in der die Einwohner zu musikalischer Begleitung alle handwerklichen Fähigkeiten aufbieten, ist eine Reminiszenz an die legendäre `Tradition´-Nummer in `Fiddler on the roof´, in der im Rhythmus der Musik Fleisch geklopft, Teig gerollt und Eisen geschmiedet wird. Gleitet die Kamera bei Jewison von einem Soldaten auf seinem Pferd hinab zu den Menschen auf der Straße und bahnt sich dann einen Weg zu zwei Schachspielern, die alle Zeit der Welt zu haben scheinen, so setzt auch Mihaileanu das Geschehen in langen Einstellungen in Szene: Nur hat die Kamera bei ihm keineswegs die Ruhe weg, sondern wendet sich hektisch hin und her, weil sie keine Sekunde zu verlieren hat. Wie die Bewohner scheint auch sie zu ahnen, dass jeder Schritt eine Fluchtbewegung sein muss.

War das Leben nicht schön? Diese Frage, die `Fiddler on the roof´ in der ersten Hälfte stellt, bevor die Vertreibung beginnt, ist in `Zug des Lebens´ obsolet: Mihaileanu zeigt die Folklore von Anfang an am Rande ihres Untergangs. Doch er will die Vitalität und Phantasie der Bewohner des Shtetls gegen die Brutalität und Rohheit ihrer Verfolger setzen, dem Grauen mit Humor die Stirn bieten (…). Mihaileanu bedient sich einer ausgeprägten Typage, um seine Figuren zu zeichnen: Der Buchhalter des Shtetls (Bruno Abraham-Kremer) ist kaum mehr als ein kleiner Mann vor einer Wand voller Akten. Der Kommunist (Michel Muller) ist bebrillt und beschränkt, die Dorfschöne (Agathe De La Fontaine) niedlich und liebeshungrig. Der Rat der Weisen wird fast immer als Einheit ins Bild gesetzt – Cinemascope ist hierfür wie geschaffen –, zu selten gönnt es uns der Film, die einzelnen Gesichter in Ruhe betrachten zu dürfen.
Mihaileanu weigert sich letztlich, seinen Figuren soviel Individualität zu geben, dass sie ins Leben treten können. Es scheint, als wollte er schon vor Beginn der Fahrt die Emotionalität abkoppeln. Auch die Begegnungen mit den Deutschen wirken nie wirklich furchteinflößend. Ein paar Uniformen und ein bisschen Laienschauspielerei genügen, und schon gehen die Juden als stramme Nazis durch. Zwar ist es eine hübsche Idee, dass sie ihre ureigenen handwerklichen Fähigkeiten lebensrettend einsetzen und den Uniformen im Handumdrehen einen höheren Dienstgrad aufnähen, doch bringt uns Mihaileanu mit all diesen Szenen in Zugzwang: Wir kommen nicht umhin, sie an den Camouflagen zu messen, die wir seit Lubitschs `Sein oder Nichtsein´ aus dem Kino kennen, und stellen fest, dass es ihnen in `Zug des Lebens´ an der notwendigen Schärfe, Originalität und Bedrohlichkeit, die dem Humor erst ihre Kraft gibt, mangelt. Die Nazis sind in diesem Film Pappkameraden, die man nur umpusten muss. Den wahren Schrecken verbannt Mihaileanu komplett in ein Schlussbild, das alles Vorherige in einem gänzlich anderen Licht zeigt und uns nicht nur das Lachen im Halse stecken bleiben lässt, sondern geradezu die Kehle zuschnüren soll. Aber dieses Ende wirkt aufgesetzt: Ergeben dreißig Sekunden Tragödie nach hundert Minuten Komödie eine Tragikomödie?
Die Balance von Albernheit und Grausamkeit, die Roberto Benignis Film `Das Leben ist schön´ auszeichnet, glückt Mihaileanu nicht. (…) wenn jene Juden, die in die Uniformen der Nazis geschlüpft sind, auf einmal Herrenmenschengehabe annehmen, dann wird uns demonstriert, dass Kleider unter bestimmten Bedingungen Leute machen können. Aber dies erscheint nur wie ein Klischee, das sich der Film schnell überstreift, statt wie eine Erkenntnis, die er mit Leben füllen kann.“

Lars-Olav Beier: „Bis zur letzten Saite. Dem Grauen mit Humor die Stirn bieten: In Radu Mihailenaus Film `Zug des Lebens´ weiß nur der Narr guten Rat.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.3.2000.

Matthias N. Lorenz: „Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach `Schindlers Liste´“ (2003)

„Ein jüdisches Schtetl irgendwo in Osteuropa will sich vor den heranrückenden Deutschen retten, indem es sich selbst deportiert. Seine Komik bezieht der Film aus jüdischen Stereotypen, die teilweise mit antisemitischen deckungsgleich sind. So rennen in der Eingangssequenz die Männer des Ortes schreiend umher und fuchteln dabei wie beim Tanz mit den Händen in der Luft herum. Die drohende Gefahr wird chaotisch debattiert, es geht sprichwörtlich zu `wie in der Judenschul´. Als der eigene Deportationszug dann gebaut wird, bekommt der Verwalter der Gemeindekasse regelmäßig Herzattacken, weil er so mit seinem Geiz zu kämpfen hat.

Einige Juden müssen in dieser Verwechslungsgeschichte die deutschen Bewacher spielen und dazu ihren jiddischen Akzent ablegen. Der Deutschlehrer: `Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig. Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen, hat jedoch obendrein Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch sprechen wollen, ohne eine Spur von jiddischem Akzent, den Humor wegzulassen. Sonst nichts.´ Daraufhin Mordechai: `Wissen die Deitschen, das mir ihre Sproch parodieren? Vielleicht is dos der Grund für’n Krieg?´ Später kommen diese jüdischen Deutschendarsteller kaum mehr aus ihrer Rolle heraus, was wiederum für Heiterkeit sorgt. In `Zug des Lebens´ wird das Spiel – also die Umdeutung des Holocaust in etwas Harmloses – jedoch nicht mehr (wie bei Benigni) als eine von zwei Ebenen umgesetzt, die einander korrigieren, sondern als märchenhafte, geschlossene Erzählung. Diese Geschlossenheit wird erst in der Schluss-Szene – in der sich die ganze Geschichte als Fantasie des Dorftrottels im KZ herausstellt – mit der so völlig andersgearteten Realität konfrontiert. Dadurch, dass das eigene Filmexperiment erst rückblickend relativiert wird, erscheint `Zug des Lebens´ schwächer als `Das Leben ist schön´. Benigni denkt über seinen ganzen Film hinweg dessen eigentliche Unmöglichkeit mit, Mihaileanu dagegen hintergeht den Zuschauer.“

Matthias N. Lorenz: „Der Holocaust als Zitat. Tendenzen im Holocaust-Spielfilm nach `Schindlers Liste´.“ In: Die Shoah im Bild. Herausgegeben von Sven Kramer. München 2003. S. 270/71