Sequenzprotokolle zu den Filmen „Flüchtlingsnot an der Zonengrenze“

Sequenzprotokoll zu Flüchtlingsnot an der Zonengrenze (1959)

Flüchtlingsnot an der Zonengrenze (1959, Stummfassung, ca. 9 Min.)

Ein Einstellungsprotokoll ist im Bildungspaket zum Film „Asylrecht“ enthalten.

Nr.
Inhalt
Länge

1

In der Dämmerung überschreiten Flüchtlinge ein Feld

0.37

2

Grenze zur „Sowjetzone“. Flüchtlinge gehen bei Tag durch einen Wald bzw. an einem Graben entlang.

0.33

3

Flüchtlinge überqueren einen offiziellen Grenzübergang. Kontrollen

0.17

4

Flüchtlinge auf dem Weg in ein Auffanglager.

0.36

5

Flüchtlingsbetreuung im Auffanglager: Essensausgabe, das Leben in den Baracken, Gesundheitsuntersuchung.

2.01

6

Die Einzelfallprüfung im Auffanglager.

1.29

7

Sonderzüge bringen aufgenommene Flüchtlinge in niedersächsische Städte.

0.54

8

Notdürftig untergebrachte Flüchtlinge in einem alten Schloss.

1.27

9

Notdürftig untergebrachte Flüchtlinge in einem Bunker.

0.41

10

Menschen in einem großen Flüchtlingslager.

0.11

„Kurzgefasstes Erläuterungsblatt“ der FWU (1959)

„Bei Nacht und über unwegsames Gelände kommen die Flüchtenden über die Grenze. Diese Vorsicht ist geboten, denn die kommunistisch geleitete sog. Volkspolizei der SBZ hat den Auftrag, die Zone abzuriegeln. Pausenlos patrouillieren die Doppelposten entlang der Zonengrenze, die durch Schilder, abmontierte Eisenbahnschienen, Straßensperren, Waldschneisen und Brachstreifen systematisch zum Eisernen Vorhang ausgebaut wurde.

Die Absperrung war allerdings in der ersten Nachkriegszeit noch nicht so streng; es gab damals noch die von allen Besatzungsmächten gestattete Familienzusammenführung. Der Film zeigt deshalb auch eine Gruppe von Menschen, die die SBZ auf der Straße und bei Tag, ohne Furcht vor den wachsamen Augen der Posten, verlassen durften. In jedem Fall aber war das Verlassen der Zone mit dem Verlust allen Besitzes verbunden: die einen konnten auf der beschwerlichen Flucht nur das Allernötigste mitnehmen, den anderen war nicht mehr Gepäck erlaubt, als sie zu tragen vermochten. In erschütternden Bildern führt uns der Film die ganze Dürftigkeit dieser Flüchtlingshabe vor Augen.

Gleichgültig, ob sie legal oder illegal, aus politischen oder anderen Gründen in die Westzone kommen, alle erwartete auf westdeutschem Boden das sog. Auffanglager. Wir sehen, wie sich die Ankommenden vor dem Lagertor stauen, wie ihre Ausweise kontrolliert werden, und beobachten ihren müden, traurigen Zug zu den Baracken. Dieser Empfang im Westen mag deprimierend und ernüchternd sein, aber der Westen ist in den Jahren 1945-48 selbst noch arm; er kann nicht mehr bieten als die morschen Baracken, die den Krieg überstanden. Immerhin gibt es zu essen für die Flüchtlinge: die Kamera beobachtet die Schlange vor der Kantine, blickt den Wartenden ins verhärmte Gesicht und begleitet sie in ihre Unterkünfte. Bilder von der grauenhaften Enge und der erschütternden Armseligkeit dieser Elendsbehausungen bestürzen den Betrachter.

Die eigentliche Aufgabe der Verwaltung des Auffanglagers besteht in der Überprüfung der Person des Angekommenen und seiner Fluchtmotive. Der entscheidende Augenblick ist deshalb für den Flüchtling dann gekommen, wenn er vor den Aufnahmebeamten tritt. Es gelingt dem Film, die verhaltene Spannung einzufangen, die die wartende Menge vor dem Büro erfüllt. Und dann steht die Kamera verborgen hinter dem Beamten (in einem Nebenraum) und blickt mit ihm in die Gesichter. Dies ist einer der Höhepunkte des Films! Gesichter, die ängstlich auf diesen für ihre Zukunft so entscheidenden Mann und auf den vor ihm liegenden Aktenstoß blicken, Gesichter, die apathisch sein Blättern in den Papieren verfolgen, müde Gesichter, Gesichter, die Bitterkeit verraten und solche, die voll gespannter Hoffnung sind. Für den Beamten aber sind weder die Gesichter noch die unterdrückten oder vergossenen Tränen maßgebend, sondern nur die Papiere; die Aktenlage entscheidet; ihr entsprechend fällt er seinen Spruch: aufgenommen oder abgelehnt.

Im Film erleben wir mehrere Fälle. Die Aufgenommenen erhalten die Fahrkarte nach ihrem nächsten Bestimmungsort in Westdeutschland. Wer würde es nicht verstehen, dass sich die aufgestaute Spannung in haltlosen Tränen löst? Der Film zeigt die Menschen dann vor der Transporttafel, wo jeder seinen Namen zu entdecken versucht. Schon im nächsten Bild blicken wir auf den Auszug der Glücklichen, die mit ihrem bescheidenen Gepäck den bereitstehenden Zug besteigen. Mit Kreide sind auf die einzelnen Waggons die Bestimmungsorte geschrieben, denn die Verteilung der Flüchtlinge erfolgt in jenen Jahren nach einem genau bestimmten Schlüssel auf die einzelnen Länder der drei Westzonen.

Für Westdeutschland war dieser nicht mehr versiegende Zustrom von Menschen aus der SBZ ein nur schwer lösbares Problem, denn 1945 waren bereits ca. 9 von den insgesamt 13 Millionen Vertriebenen aus Osteuropa aufzunehmen gewesen; die meisten von ihnen lebten noch jahrelang in notdürftig eingerichteten Lagern. Man war deshalb gezwungen, auch die Flüchtlinge aus der SBZ in Lagern unterzubringen, von wo aus sie dann nach Arbeit suchen und später vielleicht in eine menschenwürdige Wohnung ziehen konnten. Wo es irgend möglich war, ersparte man den mit den Transporten aus den Auffanglagern Kommenden eine erneute Unterbringung in Baracken: Schlösser wurden zweckentfremdet, um die Menschen aufzunehmen. Hinter der imposanten Fassade unter dem weiten stuckverzierten Deckengemälde, die uns der Film vorführt, herrscht jedoch das nämliche Chaos wie in den Baracken. Von der barocken Üppigkeit der Decke stürzt der Blick auf den Boden des Raumes: aufs Engste zusammengepfercht hausen die Flüchtlinge, teilen mit Decken ihre „Zimmer“ ab, kochen auf primitiven Herden ihre dünne Suppe; für Stühle ist kein Platz, man sitzt auf den „Betten“, jämmerlichen mehrstöckigen Pritschen. Wir sehen im Film das Leben in diesen Räumen und erleben auch die erschütternde Szene, wie eine Mutter widerwillig ihr Baby füttert, das für sie in dieser Not eine große Last bedeutet.

Dabei haben die Schlossbewohner wenigstens noch Licht in ihren Räumen. Der Film zeigt uns auch einen fensterlosen Bunker, der als Flüchtlingslager verwendet wird. Überall ist die bedrückende Enge das Vorherrschende; – Essen, schlafen, kochen, waschen – alles erfolgt im gleichen Raum. Die arbeitslosen Männer sitzen auf den Betten herum oder vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen. Am ärgsten trifft es die Kinder. Die Kamera beobachtet eine Gruppe von ihnen: sieben Kinder sitzen um einen kleinen Tisch und spielen, malen und schreiben in dieser erzwungenen Enge.

Mit diesem Bild endet der Film.“

Dokument: Textblatt zur Stummfassung „Flüchtlingsnot an der Zonengrenze“ (PDF)

Sequenzprotokoll zu Flüchtlingsnot an der Zonengrenze (1960)

Flüchtlingsnot an der Zonengrenze (1960, Länge: ca. 21 Minuten)

Eine Sichtungskopie dieser Fassung kann hier heruntergeladen werden.

Nr.
Inhalt
Länge
Off-Kommentar

1

In der Dämmerung überschreiten Flüchtlinge ein Feld, überqueren einen Bach, übernachten in einer Scheune.

0.50

Spätherbst 1948. Täglich kommen etwa 1000 Flüchtlinge aus dem Osten in die Westzonen Deutschlands. Viele von ihnen überschreiten die Grenze nachts. Notunterkünfte bieten ein erstes Obdach. Diese Scheune befindet sich nur 50 Meter diesseits der Grenze.

2

Grenze zur „Sowjetzone“. Flüchtlinge gehen bei Tag über die „grüne Grenze“.

0.36

Auch bei Tag kommen Flüchtlinge über die „grüne Grenze“. Hier durch die Wälder nördlich von Helmstedt. Diese passieren die Demarkationslinie im Braunkohlengebiet von Offleben.

3

Grenzüberwachung durch West- und Ostpolizei bzw. Soldaten. Aufgegriffene Flüchtlinge werden der Grenzpolizei im Osten übergeben.

1.22

Die Grenze wird auf der einen Seite von der Polizei der russisch besetzten Zone und russischen Soldaten bewacht. Auf der anderen Seite stehen britische Soldaten und die Westzonenpolizei. Die Grenzposten im Westen können illegale Einwanderer zurückweisen. Hier werden aufgegriffene Flüchtlinge der Polizei der russisch besetzten Zone übergeben.

4

Flüchtlingslager. Szenen aus dem Lagerleben.

1.17

Hunderte solcher Flüchtlingslager gibt es bereits in der ohnehin übervölkerten britischen Zone. Schon vier Millionen deutsche Flüchtlinge sind infolge des Krieges und der Grenzveränderungen im Osten in die Westzonen gezogen.

5

Notdürftig untergebrachte Flüchtlinge in Schloss Eutin

1.22

Auch Schlösser dienen heute als Notunterkünfte. Viele Wohnungen in den Westzonen wurden durch Kriegseinwirkungen zerstört. Aber ständig vermehrt sich die Einwohnerzahl durch Flüchtlinge und Heimkehrer.

6

Notdürftig untergebrachte Flüchtlinge in einem Bunker.

0.45

Ein fensterloser Bunker. Viele Menschen leben hier seit Jahren bei künstlichem Licht.

7

Zurückkehrende Kriegsgefangene

0.14

Zu den Flüchtlingen kommt der ständige Strom von Kriegsgefangenen, die aus Russland heimkehren, aus Jugoslawien und der Tschechoslowakei.

8

Umsiedler steigen aus einem Autobus.

0.24

Dieser Autobus bringt Umsiedler aus den deutschen Ostgebieten. Auch für sie muss Platz gefunden werden.

9

Offizielle Grenzübergänge mit gültigen Papieren.

0.30

Entlang der Grenze gibt es mehrere offzielle Grenzübergänge, an denen der Übertritt in beide Richtungen erlaubt ist. Aber nur, wenn gültige Papiere vorgelegt werden können.

10

Legal eingereiste Flüchtlinge auf dem Weg in Auffanglager zur Überprüfung der Aufenthaltsgenehmigung.

0.40

Diese Flüchtlinge haben nur Ausweise für die Grenzkontrollen, aber noch keine Aufenthaltsgenehmigung. Ihr nächstes Ziel ist es, die erforderliche Aufenthaltsgenehmigung, eine Arbeitserlaubnis und Lebensmittelkarten zu erhalten.

11

Das Auffanglager Uelzen: Das Leben in den Baracken, Essensausgabe, medizinische Untersuchung

2.48

Das größte Auffanglager der britischen Zone befindet sich in Uelzen. In einer Baracke wohnen, essen und schlafen hier zeitweise mehr als 360 Menschen. Ausgabe der täglichen Lebensmittelration. Um Epidemien zu vermeiden, werden die Flüchtlinge auf Infektionskrankheiten untersucht. Eine typische Flüchtlingskrankheit ist Unterernährung.

12

Die Einzelfallprüfung im Lager Uelzen.

5.33

Alle Flüchtlinge warten auf den Bescheid, ob sie in der britischen Zone aufgenommen werden. Jeder einzelne Fall wird genau untersucht. Die deutschen Länderregierungen sind bestrebt, diejenigen aufzunehmen, deren Not am größten ist.
Der Mann im weißen Pullover ist Landarbeiter. Er ist gekommen, um Arbeit zu finden. Seine Eltern leben noch in der Ostzone, er wird zurückgeschickt.
Diese junge Frau ging zusammen mit ihrem Vater über die Grenze. Dabei haben sie sich aus den Augen verloren. Da sie längere Zeit in einem russischen Gefangenenlager war, wird sie aufgenommen.
Diese Frau aus Dresden möchte zu ihrem Sohn nach Lüneburg. Ihr Antrag kann nur vom dortigen Bürgermeister entschieden werden.
Diese Frau wurde im Oktober 1948 aus russischer Gefangenschaft entlassen. Ihr Mann ist gefallen. Man erlaubt ihr, zu ihrem Bruder nach Stade zu ziehen.
Der Mann einer dieser Schwestern lebt seit Kriegsende in der britischen Zone, hat jedoch keinen festen Wohnsitz. Die Frau muss in die russisch besetzte Zone zurückkehren und warten, bis ihr Mann die Afenthaltsgenehmigung hat. Die Schwester kann aber auch später nicht aufgenommen werden.
Dieser junge Arbeiter besitzt keinen Personalausweis. Er sagt, dass er aus einem französischen Gefangenenlager komme und gern hierbleiben möchte. Da er die letzte Nachricht von seinen Eltern aus der Sowjetzone bekam, wird es ihm nicht gestattet.
Diese Frau will mit ihren drei Kindern zu ihrem Mann, der im Ruhrgebiet arbeitet. Aber unter der genannten Anschrift ist er nicht zu ermitteln. Sie muss mit ihren Kindern in die Ostzone zurückkehren.

13

Sonderzüge bringen aufgenommene Flüchtlinge in niedersächsische Städte.

0.57

Für Flüchtlinge, die eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten haben, werden Sonderzüge mit Kurswagen bereitgestellt.

14

Abgewiesene Flüchtlinge werden zur Zonengrenze zurückgeschickt.

0.57

Vielen muss der Aufenthalt verweigert werden. Sie erhalten eine Fahrkarte zum nächsten Bahnhof an der Zonengrenze. Von dort aus müssen sie sich den Weg zurück selbst suchen.

15

Eine überfüllte Unterkunft an der Grenze.

0.45

An der Grenze dient ein ehemaliges Theater als Unterkunft. Aber nur sehr wenige der Abgewiesenen kommen hierher. Der Saal ist hauptsächlich mit Neuankommenden belegt. Diese Frau ist gerade über die Grenze gekommen. Sie war so erschöpft, dass sie stehend neben ihren Kindern einschlief

16

Abgewiesene Flüchtlinge, die nicht zurück wollen, wandern in den Westzonen umher.

1.04

Die Abgewiesenen aber, die nicht zurückkehren wollen, wandern in den Westzonen umher, in der Hoffnung, eines Tages doch Arbeit und Wohnraum zu finden.