Film in den Bildungsstandards für das Fach Geschichte

Film und Geschichtsunterricht – eine schwierige Beziehung

Ansatzweise sind in den vergangenen Jahren auch Diskussionsansätze aus der Medienbildung im historischen Diskurs wahrgenommen worden. Film ist das narrative Leitmedium für Kinder und Jugendliche. Das Medium hat für sie Bedeutung als Kinofilm und als Fernsehformat, als Lang- und Kurzfilm, als Spiel-, Dokumentar-und Animationsfilm, Musik- und Kunstvideo, Werbefilm, Handyfilm etc. Kinder und Jugendliche probieren und handhaben audiovisuelle Ausdrucksformen, nutzen sie kreativ-gestalterisch. Die ‚Bühne‘ dafür ist zunehmend das Internet geworden, in dem sich alle diese Formen und Gattungen in veränderten Kontexten wiederfinden. Der Umgang mit Film(en) ist ein kulturelles Handlungsfeld, dem weitreichende individuelle, soziale und gesellschaftlich kulturelle Bedeutung zukommt.[1] Die filmanalytische Arbeit wird in diesem Kontext als ein wesentliches Element des Erwerbs von Medienkompetenz im Geschichtsunterricht ausgewiesen. Bereits v. Borries hat in den 1980er Jahren Filme als „Medien historischer Sozialisation“ verstanden, „die für Vermittlung von Geschichtsinteresse, -kenntnis und -bewusstsein […] wesentlich wichtiger sind als die Schule insgesamt und erst recht der Geschichtsunterricht. […] Innerhalb des historischen Films dürfte die Gattung des Spielfilms weit einflussreicher sein als die der Dokumentation“ (v. Borries 1986: 211). Auch wenn diese These in jüngerer Zeit in Frage gestellt wird (Näpel 2013), wird nicht in Frage gestellt, dass der Geschichtsunterricht in der historisch-politischen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen keineswegs die alleinige Deutungshoheit über die Geschichte hat und dass der kritische Umgang mit Film auch im Geschichtsunterricht erfolgen muss. Es gibt aus den 1990er Jahren und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Reihe von Fachbeiträgen, in denen der Versuch unternommen wurde, medien-und kommunikationswissenschaftliche mit fachdidaktischen Ansätzen zu verknüpfen. Daran haben sich beispielsweise auch die Formulierungen zur Medien- und Methodenkompetenz in den Bildungsstandards für das Fach Geschichte aus dem Jahr 2006 orientiert (Verband der Geschichtslehrer Deutschlands 2007):

Kompetenzerwartungen in den Bildungsstandards Geschichte (in der Fassung von 2006)

Medien-/Methodenkompetenz am Ende von Klasse 6

Medien-/Methodenkompetenz am Ende von Klasse 8

Medien-/Methodenkompetenz am Ende von Klasse 10

Filmquellen erschließen,

d.h. konkret: Sie können

zwischen historisierenden Spielfilmen und Dokumentarfilmen unterscheiden,

einem Filmausschnitt konzentriert folgen und einfache Beobachtungsaufträge erfüllen,

einem Film einfache historische Informationen entnehmen.

Filme erschließen,

d.h. konkret: Sie können

einzelne Filmsequenzen historischer Themen identifizieren und deren Inhalt anhand eigener Notizen wiedergeben,

historische Zusatzinformationen mit dem Gesehenen in Verbindung bringen.

Filmquellen erschließen, d.h. konkret: Sie können

verschiedene Filmgattungen (Dokumentar-, Spiel-, Historienfilm) unterscheiden,

filmtechnische Mittel (Kameraeinstellung, -perspektive, -bewegung, Beleuchtung,

Schnitt, Montage, Ton) und deren Wirkung erkennen und

beschreiben,

ein Filmdokument (Quelle) nicht als Wirklichkeit, sondern als Interpretation von Wirklichkeit erkennen,

die Entstehungsbedingungen des Films in die Interpretation mit einbeziehen.

   

Deutungs- und Reflexionskompetenz am Ende von Klasse 9/10

   

den Konstruktcharakter von Geschichte erkennen, d.h. konkret:

erkennen, dass historische Kenntnisse aus Überlieferungen gewonnen werden, deren Aussagekraft begrenzt ist (Beispiele: die Inhalte von (…)

Fotografien und Filme als Material, das z.B. zu Propagandazwecken

geschönt oder manipuliert worden sein kann),

   

mit Darstellungen von Geschichte kritisch umgehen, d.h. konkret:

Sie können (…)

Deutungen, Präsentationen und Verwendungen von Geschichte (in der Geschichtskultur) kritisch (vergleichend) analysieren und als Sinngebungsangebot beurteilen (Beispiel: Filme und Fernsehsendungen).

In der gegenwärtig noch aktuellen Fassung der Bildungsstandards von 2011 sind die hier aufgeführten konkreten Kompetenzerwartungen für verschiedene Jahrgangsstufen allerdings wieder zurückgenommen und durch eine allgemeine Formulierung ersetzt worden: „Verschiedene Gattungen historischer Quellen und Darstellungen sowie weitere Überreste und Medien mit historischen Bezügen unterscheiden und auswerten. Text-, Bild-, Filmquellen sowie Darstellungen, Sachquellen, Denkmale, Bauwerke, Zeitzeugen, Geschichtskarten, Statistiken, Diagramme von höherer Komplexität mit geeigneten Arbeitsschritten und selbstständig erschließen“ (Verband der Geschichtslehrer Deutschlands 2011: 7).
Diese erneute ‚Zurückhaltung‘ dem Medium Film gegenüber deutet darauf hin, dass der Film in der Realität des Geschichtsunterrichts doch noch nicht wirklich angekommen ist. Das Leitmedium des Geschichtsunterrichts ist nach wie vor der schriftlich bzw. gedruckt vorliegende Text. Die Arbeit mit Filmen bleibt weiterhin randständig.


[1] Die Länderkonferenz Medienbildung hat deshalb zusätzlich zum referenzbildenden ‚Kompetenzorientierten Konzept für die schulische Medienbildung‘ ein kompetenzorientiertes Konzept für die schulische Filmbildung herausgegeben, in der Filmanalyse eines von vier Kompetenzfeldern darstellt: „Die Schülerinnen und Schüler schlüsseln die Zeichensysteme sowie die narrative Struktur von Film auf, wenden Inhalt/Form/Struktur-Beziehungen in Analyse, Erörterung und Interpretation an. Sie rezipieren Filme bewusst als gestaltete Werke und ordnen diese in ihre historischen und/oder kulturellen Kontexte ein.