Das Medium „Historischer Spielfilm“ als Herausforderung und Chance für den Unterricht (2016)

Das Medium Film erfreut sich auch knapp 100 Jahre nach seiner Entstehung einer ungebrochenen Beliebtheit und ist als fester Bestandteil unserer Alltagskultur nicht mehr wegzudenken. Zu verdanken hat das Bild-Ton-Medium Film dies seiner enormen Faszinations- und Suggestionskraft, die aber nicht nur aus seiner künstlerischen Form des Films mit seinen Effekten und Gestaltungsmitteln resultiert, sondern auch aus dem konkreten Stoff des Dargestellten, der im Alltag oftmals als Kriterium für die Zuteilung eines Films zu einem bestimmten Genre dient. Obgleich sich im allgemeinen wissenschaftlichen Kontext bis heute zur Unterscheidung der verschiedenen Filmgattungen noch keine einheitliche, allgemein akzeptierte Terminologie durchsetzen konnte, hat sich in der Geschichtsdidaktik eine gängige Typologie bei der Differenzierung von Filmen nach inhaltlich-gestalterischen Kriterien herausgebildet, der zufolge man zwischen Filmdokumenten, Dokumentarfilmen, historischen Unterrichtsfilmen und historischen

Spielfilmen unterscheidet: Filmdokumente (z.B. ein Wochenschaubeitrag) sind historische Filmaufnahmen, die als unmittelbare Quelle für die Entstehungszeit dienen können. Dokumentarfilme kommentieren Filmdokumente und andere Quellen, um – untermalt durch Einschätzungen von Experten oder Zeitzeugen – ein möglichst authentisches Bild tatsächlichen Geschehens zu zeichnen, wenngleich dies natürlich stets kritisch zu hinterfragen bleibt. Eine besondere Kategorie der Dokumentarfilme stellen historische Unterrichtsfilme dar, die bei Dominanz des Kommentars aus dem Off didaktisch aufbereitete Geschichte zu Unterrichtszwecken bieten.

Die am weitesten verbreiteten filmischen Inszenierungen von Geschichte stellen jedoch die Spielfilme mit historischen Stoffen dar. Der Ansatz, hierbei einerseits zwischen dem dokumentarischen Spielfilm (auch „Doku-Drama“ genannt), der dokumentierte Geschichte dramaturgisch rekonstruieren und sich zugleich an seiner Faktizität messen lassen will, und andererseits dem historischen Spielfilm, der Geschichte künstlerisch interpretiert, zu unterscheiden, überzeugt dabei letztlich nicht: Bleibt es doch eine Sache subjektiv persönlicher Präferenz, wieviel Spekulation ein Spielfilm aufweisen darf, um ihn noch als „dokumentarisch“ bezeichnen zu können, was eine Objektivierbarkeit dieser Unterscheidung unmöglich macht. So scheint es sinnvoller, lediglich von historischen Spielfilmen als Sammelkategorie zu sprechen, die sich durch folgende Merkmale auszeichnen:

  • Den Kern historischer Spielfilme bildet die Fiktion. So zeigen historische Spielfilme eine mehr oder weniger ausgedachte Handlung, die historisch orientiert ist, d.h. geschichtlichen Personen und Ereignissen nachempfunden der in ein geschichtliches Umfeld eingebettet ist. Letztlich nutzt diese Gattung das ureigenste Recht des Spielfilmgenres auf Inszenierung eines erdachten Geschehens, nicht nur weil es ihm zusteht, sondern auch weil der Spielfilm, der das vollständige Bild einer Handlung zeigen muss, auf das Ausfüllen von Leerstellen in der stets nur fragmentarisch vorliegenden Überlieferung historischer Realität angewiesen ist. Das bedeutet allerdings keineswegs Beliebigkeit: Historische Spielfilme sind durchaus nicht „ahistorisch“. In ihnen verbinden sich – je nach Film natürlich unterschiedlich gewichtet – historische und fiktionale Narration zu einer Neuinterpretation von Geschichte, die zunächst als Kunst verstanden und gewürdigt werden muss. Kreativ werden hier zugunsten der Dramaturgie in diesen Filmen Leerstellen der Überlieferung genutzt, die historische Handlung unter Beachtung ihrer medialen Verwertbarkeit verdichtet, tatsächlich Geschehenes neu gewichtet, manchmal ganz weggelassen oder gar Personen und Ereignisse frei erfunden. Dabei wollen historische Spielfilme eine Art innerer Wahrheit von Geschichte abseits von objektiver Richtigkeit zeigen, indem sie Geschichte deuten und sich so an der Leitfrage orientieren, wie es gewesen sein könnte bzw. hätte ausgehen können. Der Grad an Fiktionalität kann dabei von Film zu Film natürlich variieren, je nachdem, inwieweit sich ein historischer Spielfilm an den Quellen orientiert oder aber den historischen Stoff zur Hintergrundfolie für eine – meist auch ohne geschichtlichen Bezug funktionierende – Handlung degradiert, wie es z.B. in den heute als „Sandalenfilmen“ belächelten amerikanischen Blockbustern von „Ben Hur“ über „Spartacus“ bis „Gladiator“ der Fall ist.
  • Im Gegensatz zu den anderen oben genannten Gattungen ist der historische Spielfilm als Produkt zum Massenkonsum konzipiert, um an der Kinokasse Gewinn zu erzielen, d.h. seine primäre Absicht ist nicht die Information, sondern die Unterhaltung. Damit dies gelingt, orientiert sich die Gestaltung dieser Filme an den Sehgewohnheiten und Bedürfnissen des Publikums sowie an bewährten Rezepten erfolgreicher Blockbuster: Historisch-reale und damit stets ambivalente Akteure werden zu Archetypen einer Erzählung stilisiert (z.B. Held oder Bösewicht), charakterliche Dispositionen der historischen „Helden“, die oftmals ein hohes Identifikationspotential für den Zuschauer bieten, werden als Triebfedern der Geschichte dargestellt, das Geschehen personalisiert, dramatisiert und vereinfacht. Filmästhetik und Emotionalität stehen im Vordergrund.

Die Zusammenschau dieser Merkmale zeigt, dass historische Spielfilme nicht als Darstellung oder gar Quelle für die inszenierte Zeit dienen können. Sehr wohl kann ein historischer Spielfilm – verstanden als Zeugnis der Erinnerungskultur und Mittler gegenwartsorientierter Botschaften – jedoch als Quelle für seine Entstehungszeit herangezogen werden, wenn man die oft lohnenswerte Frage stellt, warum ein bestimmter Spielfilm zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft auf eine große oder geringe Resonanz stieß und wie vor diesem Hintergrund Geschichte gesehen werden wollte bzw. will.

Obwohl historische Spielfilme eher unterhalten als informieren, vermitteln diese Filme dem Zuschauer oft eine trügerische Nähe zum Geschehen und den Eindruck, als Augenzeuge selbst dabei zu sein, was in Teilen die Beliebtheit dieses Mediums erklärt. Dabei entsteht gerade für junge Menschen die Schwierigkeit, filmische und wirkliche Welt auseinanderzuhalten.

Historische Spielfilme locken in unserer Zeit ein breites Publikum in die Kinos und vermittelten gleichsam durch ihre Interpretation historischer Stoffe ein bestimmtes Geschichtsbild, dessen Wirkmächtigkeit wohl kaum zu unterschätzen sein dürfte. Auch wenn man eine Auffassung, die davon ausgeht, dass die „meisten Menschen […] das, was sie über Geschichte wissen, durch Filme bzw. über das Fernsehen vermittelt“ (Sauer (2005), S. 176.) bekommen, mit Blick auf die zahlreichen Desiderate in der Forschung zur Wirkung von Filmen auf das Geschichtsbewusstsein relativieren muss, so zeigt doch die Erfahrung, dass filmisch vermittelte Geschichtsbilder in den Unterricht hineinwirken. So hat der Geschichtsunterricht in der historisch-politischen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen keineswegs die alleinige Deutungshoheit über die Geschichte. Im Unterricht sitzen immer mehr Schülerinnen und Schüler, die glauben, durch Filme schon vieles über die Geschichte zu wissen, wenngleich ihnen die Differenz von filmischer und historischer Realität oftmals nicht bewusst ist. Dies bedeutet für den Unterricht Herausforderung und Chance zugleich: die Herausforderung, Spielfilme in den Unterricht zu holen und als Lernanlasse zu begreifen; die Chance, Schülerinnen und Schüler im Zuge der Filmarbeit zu einem kritischen und kompetenten Umgang mit diesem alltäglichen Medium zu befähigen und sie so mündiger zu machen.


= „Material M1“ aus dem interaktiven Bildungspaket zum Film „Luther“ (2003). Hrsg. vom NLQ,  Hildesheim 2016