Retrospektive Kritiken „Wir Wunderkinder“

Notiz zum Film [1982]

In der teilweise phantasievollen Satire mit Ansätzen zur Zeitkritik wird der Nationalsozialismus zu einer Angelegenheit des indi­viduellen Charakters: Bruno ist von Anfang an „schlecht“, ein Opportu­nist, der deshalb zum Nationalsozialismus tendiert – Hans hingegen ein empfindsamer Mensch und deshalb als Nicht-Nazi definiert. Gleichwohl wurde der kabarettistische Film der erste in Ost und West gleich aner­kannte Film der bundesrepublikanischen Produktion (er war der erste bundesdeutsche Film, der in Israels Kinos kam).

Ebenso wie für Kurt Hoffmanns Puszta-Romanze „Ich denke oft an Piroschka“ (1955) lieferte auch für diesen Film Hugo Härtung mit einem Ich-Roman die literarische Vorlage. Um im Drehbuch die Zeitbrücke von 1913 über die Weimarer Republik und die Nazijahre bis zum Wirtschaftswunder in den 50er Jahren zu schlagen, wurden zwei kabarettistische Kommenta­toren (Wolfgang Neuß und Wolfgang Müller) eingeführt, die im Stile und in der Aufmachung alter Stummfilmerklärer die Handlung von Ort zu Ort, von Jahr zu Jahr und von Schicksal zu Schicksal führen. (Dieses Stil­mittel erlaubte es sogar, eine neue französische Version mit zwei Pa­riser Kabarettisten, anstelle von Neuß und Müller, herzustellen.

Hugo Härtung: „Auch ist das Zwielichtige jener bitteren Satire erhal­ten geblieben, die mich mein Buch ‚den dennoch heiteren Roman unseres Lebens‘ nennen ließ, und welche 1956 die Juroren mit bestimmt haben mag, ihm den ‚Heinrich-Droste-Literaturpreis für den besten zeitge­schichtlichen humoristischen Roman1 zu verleihen.“


Zentrale Filmografie Politische Bildung. Hrsg. vom Institut Jugend Film Fernsehen, München, Band II: 1982, S. 242

Wir Wunderkinder [2007]

Der kleine Steppke will gerade den Bogen an seine Dreiviertelgeige setzen, da wird er von Wolfgang Neuss rüde aus dem Kinosaal gewiesen: Kurt Hoffmanns Deutschland-Revue, für die dieser Trailer warb, war nichts für Wunderkinder. Und die kamen im Film auch gar nicht vor. „Wir Wunderkinder“, nach dem Roman von Hugo Hartung, nahm Durchschnittsfiguren aufs Korn. „Es ist ein Wunder, dass wir Kinder des 20. Jahrhunderts noch leben“, erläutern die „Conférenciers“ dieser Deutschland-Revue den Titel – es sind die Kabarettisten Wolfgang Müller und Wolfgang Neuss, die mit ihren Zwischenrufen und Couplets dem Rückblick auf 30 Jahre deutscher Geschichte seine besondere Würze geben. Der Filmsatire „Wir Wunderkinder“, (…) kommt nicht nur künstlerische, sondern auch besondere historische Bedeutung zu: Derart unverblümt wie hier wurde selten im Nachkriegskino über Hitler und seine Gefolgschaft gelästert – und darüber, wie die alten Nazis sich in neuen Positionen breit machten.

„Was mir vorschwebte, war die ausgewogene Mischung von Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung“, erklärte Regisseur Kurt Hoffmann (1910-2001), der mit Wolfgang Staudte und Helmut Käutner zu den bedeutendsten Regisseuren der unmittelbaren Nachkriegszeit gehörte. Für heutige Ansprüche mögen die Anspielungen auf den Holocaust (den eine jüdische Nebenfigur überlebt), auf Naziterror und Bombenkrieg allzu verhalten ausfallen. Für die ambitionierten Macher der „Wunderkinder“ war diese Art, historische Ungeheuerlichkeiten und politische Kommentare in eine private Liebes- und Rivalengeschichte einzubauen, der einzig gangbare Weg, um überhaupt ein großes Publikum zu erreichen.

Das aus Jungstars und alten Komödianten wie Liesl Karlstadt oder Elisabeth Flickenschildt gemischte Ensemble kann sich heute noch sehen lassen. Und der junge Hansjörg Felmy durfte als sympathischer Feuilletonist Boeckel endlich die schneidigen Militär-Rollen abstreifen, auf die er zuvor abonniert war. Boeckel ist ein von der braunen Politik angewiderter Schöngeist und Literaturkritiker, der die Zeichen der Zeit dennoch übersieht und ohnehin von der Liebe zu zwei schönen Frauen (Wera Frydtberg und Johanna von Koczian) vollkommen absorbiert ist. „Innere Emigration“ wird hier als edelmütiges Verhalten präsentiert, während die stille Mehrheit der Mitläufer im Film nicht vorkommt.

Dafür tritt natürlich der aalglatte Nazi auf, trefflich gespielt von Hans Graf (dem 1966 früh verstorbenen Vater von Dominik Graf). Dieser Bruno Tiches ist Boeckels gerissener Schulfreund, der zum NS-Hauptstellenleiter und später zum „unpolitischen“ Kriegsgewinnler mutiert. Dass Tiches kurz nach dem Krieg flugs wieder obenauf und hoch angesehen ist, entsprach der weithin verdrängten Wirklichkeit: viele Altnazis wechselten einfach Namen und Identität. Schwamm drüber. Auf ins Wirtschaftswunder! „Jetzt gibt´s im Laden / Karbonaden schon / und Räucherflunder“, reimen „Die zwei Wolfgangs“ mit aufgesetzter Fröhlichkeit. Und auch das faule „Happy End“ dient ihnen als Anlass einer gesellschaftskritischen Bestandsaufnahme der späten 50er Jahre: Bevor der einflussreiche Tiches nämlich den kritischen Journalisten Boeckeler mundtot machen kann, stürzt er in einen Fahrstuhlschacht. Wolfgang Neuss’ Nekrolog lautet folgendermaßen: „Bruno Tiches ist verschieden. Aber Verschiedene seines Schlages leben weiter. So viele Fahrstühle können ja auch gar nicht repariert werden.“


Jens Hinrichsen in: film-dienst 10/2007

Wir Wunderkinder [2016]

Hoffmann verschafft dem Film eine gesellschaftskritische Bedeutung, in dem er anhand von Sprachwitz, Ironie und kabarettistischen Sequenzen den Rahmen vorgibt, um auf die Kontinuitäten der NS-Zeit bis hinein in die Bundesrepublik aufmerksam zu machen. „In Wir Wunderkinder wird die Zeitgeschichte mit den Mitteln des Kabaretts traktiert: Die deutsche Geschichte kann nur noch ironisch gesehen werden“ (Koebner, Filmklassiker Band 2, 330). Der Titel des Films und des Romans lehnt sich an den damaligen und bis heute allgemein gebräuchlichen Begriff des „deutschen Wirtschaftswunders“ an, den man 1949 erstmals in der Süddeutschen Zeitung lesen konnte.


Auszug aus: Maren Willkomm, Wir Wunderkinder (Kurt Hoffmann, 1958), publiziert am 7.12.2016, in: Historisches Lexikon Bayerns, (20.01.2021)

Wir Wunderkinder
Informationen in der gleichnamigen Ausstellung