„Komplexes einfach machen!“ – die Klasse 4 erstellt Erklärvideos

Die Lebenswelt der Kinder hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Bestand die Freizeit einst aus fesselnden Yu-Gi-Oh-Duellen, dem Sammeln begehrter Diddl-Maus-Blätter oder dem Wettkampf um die Beyblade-Meisterschaft, zeigt sich heutzutage ein starker Trend zum digitalen Endgerät – sei es das Smartphone, der PC oder zunehmend die Spielekonsole. Digitale Medien durchdringen nahezu vollends die kindliche Lebenswelt. Hierbei ist insbesondere der 2005er Boom – die erhebliche Zunahme im Videokonsum – auf der Plattform You­Tube als maßgebendes Phänomen dieses digitalen Wandels auszuweisen. Insofern sind Be­wegtbilder wie etwa das Erklärvideo letztendlich ein Ergebnis unseres veränderten Verhaltens. Hierbei darf das Erklärvideo aber nicht nur auf seinen passiven Zugang reduziert werden. So bietet es ein weitaus wirksameres Potential, indem es Kinder dazu befähigt, als Produzent*innen ihrer eigenen Lebenswelt aufzutreten – sie sitzen vor und zugleich hinter den Bildschirmen und avancieren zu ihren Kindheitsidolen wie Peter Lustig („Löwenzahn“), indem nun sie anderen die Welt erklären.

Vor diesem Hintergrund wird es die Aufgabe bzw. vielmehr die Herausforderung der Grundschulen sein, das Potential eines Erklärvideos für den Unterricht zu nutzen. In Kooperation mit dem Pro­jekt „Cu2RVE“ (Cumulativer und curricular vernetzter Aufbau digitalisierungsbezogener Kompetenzen zukünftiger Lehrkräfte) der Stiftung Universität Hildesheim nahm sich Frau Herschel vor den Weihnachtsferien dieser Herausforderung an. Zusammen mit den Mitarbeitern der Uni­versität – Herrn Kantorski und Herrn Kasemi – führte sie im Sachunterricht sechs Unterrichtsstunden zur Erklärvideoproduktion durch. So lernten die Kinder unter anderem, was ein gutes Erklärvideo auszeichnet und wie sie ihr eigenes Erklärvideo-Set aufbau­en können.

Hierbei stand stets eine Prämisse des zeitgenössischen Sachunterrichts im Vordergrund: das Selbermachen. Wie befestigen wir bloß die Beine, sodass unser Erklärvideotisch nicht mehr wackelt? Hier ist gar kein Anschluss – wo ste­cken wir denn das Mikrofonkabel rein? Auf dem Tablet sieht man die Unterlage kaum – was können wir machen? Dies sind nur einige Fragen, mit denen sich die Gruppen beim Set-Aufbau auseinandersetzen. Was diesen betrifft, konnten alle Kinder mit viel Engagement und – noch wichtiger – Bedacht das Equipment herrichten, sodass der Aufnahme des ersten eigenen Erklärvideos nichts mehr im Wege stand… mit Ausnahme der Zeit: Zwar endete die letzte Unterrichtsstunde, doch keineswegs die (Vor­-) Freude der vierten Klasse auf die nächste digitalisierungsbezogene Sachunterrichtsstunde.

In dieser führte Herr Kasemi zunächst das Drehbuch – das Herzstück des Erklärvideos – ein, denn vor der Aufnahme müssen erst wichtige W-Fragen geklärt werden – so etwa „Was erklären wir eigentlich im Erklärvideo?“. Da sich die vierte Klasse zuvor mit dem elektrischen Strom beschäftigte, wählten Herr Kasemi und Herr Kantorski ein problemorientiertes Phänomen der Stromkreise, das die Kinder so aufbereiten sollten, um es Gleichaltrigen in ihrem Erklärvideo verständlich zu machen. „Warum leuchten manche Lichterketten weiter, wenn eine Glühlampe herausgedreht wird, während andere Lichterketten nach dem Rausdrehen der Glühlampe ausgehen?“ – diese komplexe Frage wurde von allen Gruppen mit geschultem Gespür für etwaige Stolpersteine der Drehbucherstellung beantwortet. Zwar erscheint dieser Prozess recht trivial, doch verbirgt sich hinter ihm eine herausfordernde Aufgabenstellung: Wie erkläre ich ein Phä­nomen, sodass es Viertklässler*innen verstehen? Welche Informationen sind bedeutsam, wel­che könnte ich auslassen? Wie gehe ich strukturiert vor, sodass mein Text auch die gan­ze Zeit verständlich bleibt? Welches Bild muss ich wählen – welches passt am besten zu meinem Sprechertext? Dies sind erneut nur ausgewählte Fragen, mit denen sich die einzelnen Gruppen auseinandersetzen. Mit viel Grübeln und Ab­wägen möglicher Alternativen meister­ten die Kinder diese Herausforderung. So verfassten die Gruppen sechs umfangreiche Drehbuchtexte, die den Anforderungen des Erklärvideos mehr als gerecht werden bzw. besondere Anerkennung verdienen müssen. So zeigte sich in der vierten Klasse ein überaus hohes Leistungsniveau – alle Kinder unterstützten mit ihren individuellen Stärken die Erstellung des Sprechertextes und bewiesen hierbei höchst ausgeprägte Kompetenzen in der digitalen Welt. Dem abschließenden Dreh stand insofern nichts mehr im Wege.

Mit viel Hingabe und vor allem dem geschulten Blick für mediale Details nahm die vierte Klasse am letzten Tag der digitalisierungsbezogenen Sachunterrichtseinheit ihre ersten Erklärvideos auf. Hierfür wurden zunächst routiniert bzw. nahezu mühelos die Video-Sets errichtet. Bildkarten und Drehbücher wurden im Anschluss positioniert – der Dreh konnte nun endlich starten! Verständlicherweise missglückten noch die ersten Versuche. „Warum hast du bloß so früh auf die Pause-Taste gedrückt? Warum legst du das Bild nicht weg? Ohhh, das ist ja auch eh das falsche Bild. Sag den Text mal etwas betonter auf.“ Diese Sätze schallten vorerst durch die Räume und be­wiesen, dass es gar nicht so einfach ist, ar­beitsteilig ein Erklärvideo aufzunehmen. So erfordert es höchste Konzentration, in den Rollen des Sprecher-, Kamera- und Schiebekindes ein gemeinsames Produkt zu generieren. Die Kinder bewiesen aber großen Ehrgeiz wie auch beträchtliche Freude am Produktionsprozess und ließen sich nicht entmutigen.

 

Mit jeder Aufnahme stieg die Qualität der Erklärvideos. Dies zeig­te auch die abschließende Präsentation im Plenum. Mit tosendem Applaus wurde jedes Video zu Recht von den Kindern geehrt. So entstanden sechs Erklärvideos, die absolut verständlich den Unterschied zwischen einer Reihen- sowie Parallelschaltung offenlegten. Überdies legten sie aber auch das Potential offen, fachspezifische Lerninhal­te durch die Erstellung von Erklärvideos zu festigen oder gar zu vertiefen. Insofern birgt der zunehmen­de digitale Wandel nicht nur Gefahren, sondern so­wohl für die Schule als auch für die private Nutzung die Chance, selbstgesteuerte Lernprozesse zu initiieren. Die vierte Klasse der Grundschule Neuhof hat bewiesen, dass das Lernen mit und über digitale Medien im Primarbereich nicht nur möglich, sondern zugleich auch förderlich ist – sei es im Hinblick auf die Motivationssteigerung sowie die Förderung von (digitalisierungsbezogenem) Fachwissen.

Text: Tobias Kantorski und Adrian Kasemi