{"id":1075,"date":"2021-01-17T14:52:44","date_gmt":"2021-01-17T13:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/?p=1075"},"modified":"2023-03-07T21:03:07","modified_gmt":"2023-03-07T20:03:07","slug":"reihe-medien-in-der-krise-was-tun-wir-als-gesellschaft-gegen-hassrede-und-desinformation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/reihe-medien-in-der-krise-was-tun-wir-als-gesellschaft-gegen-hassrede-und-desinformation\/","title":{"rendered":"Reihe &#8222;Medien in der Krise&#8220;:  Was tun wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-size: 14pt\"><em><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Dass die Verkaufszahlen der klassischen Zeitung seit 1991 kontinuierlich sinken und das Internet eben nicht ein Neuland ist, sondern gerade f\u00fcr die jetzigen und kommenden Generationen ein nat\u00fcrliches Habitat ist, sollte keine Neuigkeit sein. Ob damit auch ein Exitus des klassischen Journalismus einhergeht, dar\u00fcber gibt es gerade einen Diskurs.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>Ein Essay von JEREMY BEN ZIMMERMANN, 13. Jahrgang<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Zwei Medienwissenschaftler stehen besonders im Fokus: Dr. Bernhard P\u00f6rksen und Dr. Jochen H\u00f6risch. In seinem \u201eZeit\u201c-Kommentar von 2018 erkl\u00e4rt P\u00f6rksen, dass die Autorit\u00e4t des klassischen Journalismus gesunken sei. Jeder sei praktisch zum Sender geworden, da er \u00fcber die digitalen Netzwerke wie Twitter, Facebook etc. seine Meldungen verbreiten kann. Um den Autorit\u00e4tsverlust aufzuwiegen, schl\u00e4gt er vor, dass man die Normen und Prinzipien des klassischen Journalismus in allgemeing\u00fcltige, von der Gesellschaft angenommene, Werte \u00fcbertr\u00e4gt. Zu diesen Prinzipien geh\u00f6rt unter anderem recherchieren, analysieren, vorurteilsfrei sein, skeptisch sein und die beiden antiken Lehren \u201ecredo auditur et altera pars\u201c (ich glaube, man h\u00f6re auch den anderen Teil) und \u201ein dubio pro reo\u201c (im Zweifel f\u00fcr den Angeklagten). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Dar\u00fcber hinaus fordert P\u00f6rksen Reformen im Bildungswesen, im Medienbetrieb und im Plattformvertrieb. Eine Forderung in der Schule ist beispielsweise ein Fach namens \u201eangewandte Irrtumswissenschaften\u201c, in diesem Fach w\u00fcrde man dann das Erkennen von F\u00e4lschungen und Fehleinsch\u00e4tzungen unterrichten.\u00a0 Auch solle man vermehrt Rhetorik in den Fokus der Lehre r\u00fccken, um so besser vor Desinformation, Propaganda und Manipulation gewappnet zu sein. Im Medientbetrieb fordert er zudem eine grunds\u00e4tzliche Vermittlung der Qualit\u00e4t einer Quelle und immer eine Anregung zum Dialoge. Bei den Plattformen m\u00f6chte P\u00f6rksen verschiedene Ombudsgremien und unter anderem einen Plattformrat (quasi mit \u00e4hnlicher Zusammensetzung und Befugnisse wie der Presserat) einf\u00fchren. Juristische Mittel sollten P\u00f6rksens Ansicht nur die ultima ratio sein.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1076\" aria-describedby=\"caption-attachment-1076\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1076 size-medium\" src=\"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/school-3765919_1920-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/school-3765919_1920-300x300.jpg 300w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/school-3765919_1920-150x150.jpg 150w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/school-3765919_1920-80x80.jpg 80w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/school-3765919_1920-320x320.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1076\" class=\"wp-caption-text\">Bild 1: Der Autor pl\u00e4diert f\u00fcr ein neues Schulfach.<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Ich stimme zu, ein neues Schulfach namens \u201eangewandte Irrtumswissenschaften\u201c und mehr Rhetorik k\u00f6nnte durchaus n\u00fctzliches Wissen f\u00fcr die Sch\u00fcler vermitteln. Doch w\u00e4re es erstmal sinnvoll, die Lehrer im Umgang mit digitalen Medien zu unterrichten und ein elementares Wissen \u00fcber die Funktionen und Prozesse des Internets an die Sch\u00fcler durch pflichtgebundenen Informatikunterricht bundesweit (nebst Deutsch, Mathematik, Englisch) weiterzugeben. Denn ohne dieses elementare Wissen sind fortgeschrittene Themen wie digitale Propaganda, Filterblasen und viel mehr schwer nachzuvollziehen. Des Weiteren w\u00e4re es begr\u00fc\u00dfenswert, wenn Medienh\u00e4user die Qualit\u00e4t ihrer Quellen offenlegten, einen transparenten journalistischen Prozess anb\u00f6ten und zum Dialog anregten; dadurch k\u00f6nnte man in Teilen das Misstrauen senken. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Doch zur Realit\u00e4t geh\u00f6rt auch, dass es immer unnachgiebige Querulanten geben wird. Man nehme da nur die \u201eBild\u201c, welche leider neben \u201eThe Sun\u201c oder der \u201eKronen Zeitung\u201c kein nationaler Einzelfall ist. Und selbst trotz akribischer wissenschaftlicher Arbeit und klarer Quellenlage existieren bis heute unter anderem Horoskope, Wahrsagerei und Hom\u00f6opathie. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Beim Plattformrat kann man leider nur starke Zweifel daran haben, ob er funktionieren w\u00fcrde. Denn laut Deutschem Presserat ist die \u201eBild\u201c mit 219 R\u00fcgen seit 1986 die Zeitung mit den meisten Verst\u00f6\u00dfen gegen den Pressekodex. Zum Vergleich, die \u201eBerliner Zeitung\u201c ist mit 21 R\u00fcgen im gleichen Zeitraum die Zeitung mit den zweitmeisten Verst\u00f6\u00dfen gegen den Pressekodex. Und dennoch: Bis heute ist die \u201eBild\u201c trotz aller Verst\u00f6\u00dfe die auflagenst\u00e4rkste Zeitung. Ein Instrument wie ein Plattformrat w\u00e4re also nur ein weiterer krallenloser Tiger.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Kommen wir nun zu Dr. H\u00f6risch. In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau aus dem Jahr 2017 beschreibt er, Journalisten m\u00fcssten sich heute mehr als \u201eBarkeeper\u201c denn als \u201eGatekeeper\u201c verstehen. Gemeint ist, dass die journalistischen Medien nicht mehr die prim\u00e4re Aufgabe haben, zu sortieren, was wichtig ist und was nicht (Torw\u00e4chter bzw. Gatekeeper), sondern eine personalisierte Nachrichten-Bereitstellung an den Rezipienten leisten m\u00fcssen (\u00e4hnlich eines Barkeepers). Diese personalisierte Leistung bezeichnet H\u00f6risch treffenderweise als \u201ehochwertigen Nachrichten-Cocktail\u201c, der im Kontrast zum \u201eGift der Internet-Trolle\u201c stehe. Diese Leistung solle sich (eine Parallele zu P\u00f6rksen) an den professionellen Prinzipien des Journalismus, insbesondere der Recherche, orientieren. Er sieht daher keine Gefahr f\u00fcr den Journalismus, besonders, da es fast immer einen \u201ePendel-Effekt\u201c gegeben h\u00e4tte. Als Beispiel f\u00fchrt er die R\u00fcckkehr zu Schallplatte trotz CD an.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1077\" aria-describedby=\"caption-attachment-1077\" style=\"width: 313px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1077 \" src=\"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/vinyl-records-945396_1920-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"313\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/vinyl-records-945396_1920-300x300.jpg 300w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/vinyl-records-945396_1920-150x150.jpg 150w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/vinyl-records-945396_1920-80x80.jpg 80w, https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/files\/2021\/01\/vinyl-records-945396_1920-320x320.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 313px) 100vw, 313px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1077\" class=\"wp-caption-text\">Bild 2: Ist das Ph\u00e4nomen der &#8222;R\u00fcckkehr zur Schallplatte&#8220; auch auf Zeitungen anwendbar?<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Dabei bemerkt H\u00f6risch selbst, dass dieser \u201ePendel-Effekt\u201c nur durch eine kleine Gruppe an Konsumenten verursacht wurde. Und darin liegt genau das Problem. P\u00f6rksen hat es fast richtig gesagt, jedoch verlieren Journalisten nicht an Autorit\u00e4t, sie verlieren an Macht. Als das Automobil das Pferd abl\u00f6ste, verschwand es auch nicht vollkommen aus der Welt, bis heute ist es im Sport oder als Hobby f\u00fcr privilegierte Menschen zu finden. Doch wird es noch zum Transport genutzt? Zieht es heute unseren Wagen voll mit G\u00fctern? Reiten wir heute auf ihm in die Schlacht? So wird es auch mit den Zeitungen geschehen: Aus den machtgef\u00fcllten Bereichen Wirtschaft und Politik werden sie verschwinden, sie werden ein nettes Hobby f\u00fcr privilegierte Menschen sein. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nne man argumentieren, dass B\u00fccher ja auch noch existieren. Noch existieren sie. Im Buchjahr 2017 sind exakt 82636 Titel erschienen. Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei rund 95000. (1) Au\u00dferdem hat der Buchmarkt zwischen 2013 und 2017 rund 6,4 Millionen K\u00e4ufer verloren. (2) Man kann also erkennen, der klassische Journalismus wird sich minimieren, wohl aber nicht ganz verschwinden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">Die Frage bleibt aber, was machen wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation? Die Ans\u00e4tze von P\u00f6rksen im Bildungswesen w\u00e4ren hilfreich, sofern man das elementare Wissen \u00fcber das Internet vermittelt hat. Alles andere, wie ein Plattformrat oder Journalisten als \u201eBarkeeper\u201c, ist Wunschdenken. P\u00f6rksen sieht die Justiz als letztes Mittel, doch genau das ist kritisch. Die Legislative hat jetzt noch die M\u00f6glichkeit Gesetze gegen mehr Hassrede und Desinformation zu verabschieden. Des Weiteren m\u00fcsste auch die Exekutive mehr tun, um das Strafrecht in der digitalen Welt durchzusetzen, einfach nur die Kommentare etc. l\u00f6schen ohne juristische Konsequenzen bringt nichts. Wir haben die Tatbest\u00e4nde der Volksverhetzung, der \u00fcblen Nachrede und der Verleumdung, und man sollte sie nicht nur in der analogen Welt verfolgen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">(1) Deutsche Welle, Zwischen Krise und Hoffen: Der deutsche Buchmarkt, in https:\/\/www.dw.com\/de\/zwischen-krise-und-hoffen-der-deutsche-buchmarkt, Zugriff am 22.11.2020.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif\">(2)\u00a0 Ebd.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass die Verkaufszahlen der klassischen Zeitung seit 1991 kontinuierlich sinken und das Internet eben nicht ein Neuland ist, sondern gerade f\u00fcr die jetzigen und kommenden Generationen ein nat\u00fcrliches Habitat ist, sollte keine Neuigkeit sein. Ob damit auch ein Exitus des klassischen Journalismus einhergeht, dar\u00fcber gibt es gerade einen Diskurs. 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