{"id":464,"date":"2019-02-17T18:14:26","date_gmt":"2019-02-17T17:14:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/?p=464"},"modified":"2023-03-07T21:07:42","modified_gmt":"2023-03-07T20:07:42","slug":"ein-direktor-sagt-adieu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.nibis.de\/leine85\/ein-direktor-sagt-adieu\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Begegnung mit den Menschen im Haus empfand ich zutiefst bewegend&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Herr Hunfeld, Sie sind jetzt seit neun Jahren an dieser Schule und seit dem Jahr 2001 generell als leitende Kraft an Schulen t\u00e4tig. Was empfanden Sie in diesem Zeitraum als besonders sch\u00f6n? <\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich befinde mich seit dem Sommer 2010 an der KGS Neustadt. Als besonders sch\u00f6n finde ich gerade an unserer Schule, so trivial<span style=\"font-size: 8pt\"><sup>1<\/sup><\/span> das klingen mag, die Begegnung mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern. Ich bin emotional sehr ber\u00fchrt, wenn mir Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler freundlich begegnen, wenn sie mich gr\u00fc\u00dfen und wenn ich in ihren Gesichtern sehe, dass es sch\u00f6n ist, dass wir uns hier begegnen k\u00f6nnen, obwohl Schule ja nun auch Zwang ist!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Begegnung mit den Menschen im Haus empfand ich zutiefst bewegend. Egal, ob es die Reinigungskraft war, ob es ein Sch\u00fcler aus f\u00fcnf oder zw\u00f6lf war, ob es Lehrer waren, Schulleitungsmitglieder, Hausmeister, v\u00f6llig egal, ob es die Cafeteria-Mitarbeiter waren \u2013 Ich habe mich immer gefreut, wenn ich tolle Kontakte mit Menschen hatte, die waren echt richtig sch\u00f6n und viele von ihnen werde\u00a0ich\u00a0vermissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>K\u00f6nnen Sie diese positiven Eindr\u00fccke auch f\u00fcr Ihren Unterricht an der KGS Neustadt\u00a0best\u00e4tigen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nat\u00fcrlich gilt das auch f\u00fcr den Unterricht: Wenn ich mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gearbeitet und gemerkt habe, dass das, was ich mit ihnen gemacht habe, gefruchtet hat. Sie waren mit Begeisterung dabei, nicht immer, aber sie waren\u00a0mit\u00a0Freude\u00a0dabei. Und das gilt auch f\u00fcr die Zusammenarbeit mit den Lehrkr\u00e4ften: Wir haben tolles Neues entwickelt und Ideen gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Und\u00a0was\u00a0war\u00a0besonders\u00a0m\u00fchselig?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">M\u00fchselig ist eigentlich genau das Gegenteil: Wenn ich das Gef\u00fchl habe, dass weggeguckt wurde, dass Sch\u00fcler, Eltern und Lehrer ignorieren, wenn es gerade nicht so gut l\u00e4uft. Dass sie einen selber ignorieren, kann passieren, aber wenn sie das System ignorieren, wenn sie sich nicht verantwortlich f\u00fchlen, wenn sie erwarten, dass alles f\u00fcr sie gemacht wird. Mit diesem zunehmenden Egoismus umzugehen, finde ich richtig schwierig. Das ist m\u00fchselig und das nervt mich auch! Wenn das Ganze dann auch noch in Meckern und Motzen und Beschweren und vielleicht sogar noch L\u00e4stern \u00fcbergeht, dann finde ich das sehr sehr m\u00fchevoll und da habe ich auch echt mit zu knapsen<sup>2<\/sup>. Mit Kritik, oder wenn mir jemand sagt, was er nicht in Ordnung findet, kann ich sehr gut umgehen, aber wenn das so hintenrum l\u00e4uft, das finde ich das aller Letzte und das finde ich m\u00fchselig.<\/p>\n<p><strong><em>Sie sind nun seit l\u00e4ngerer Zeit Schulleiter an der KGS Neustadt. Was war das Gr\u00f6\u00dfte, das Sie in dieser Zeit bewegt haben?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich m\u00f6chte gar nicht die Zeit nehmen, seitdem ich hier Schulleiter bin, sondern auch diese gesamten fast neun Jahre: Worauf ich wirklich bis heute ein bisschen Stolz bin, dass ich von einer fremden Schule kam und tats\u00e4chlich den Stundenplan hinbekommen habe. In den Sommerferien im Jahr 2010 und auch in der Zeit danach bin ich an meine Grenzen gekommen. <em>Aber: <\/em>Ich bin wirklich, das sage ich auch so, ein bisschen Stolz darauf, dass ich das hingekriegt habe! <em>Und:<\/em> Frau J\u00fcrgens, unsere Hauptschulzweigleitung, hat mir damals vor allem geholfen. Toll fand ich auch, dass ich an bestimmten gestalterischen Elementen mitarbeiten konnte: Der hintere Sek-II-Bereich, die beiden neu gestalteten Klassenr\u00e4ume, die Homepage der KGS und der Sch\u00fclerwald sind alles Meilensteine, auf die ich stolz bin \u2013 aber nicht, weil ich in deren Gestaltung so toll war, sondern weil ich mich nach wie vor freue, das mit anderen gemeinsam gemacht zu haben.<em> Insofern:<\/em> Das Gr\u00f6\u00dfte gab es auch hier nicht, sondern vieles, was sch\u00f6n war, aber auch manches, was nicht so sch\u00f6n war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Viele Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler m\u00f6chten wissen, warum Sie jetzt die KGS verlassen. Daher kursieren<sup>3<\/sup> auf dem Pausenhof Fragen wie: Streben Sie eine noch h\u00f6here Laufbahnebene an? Wollen Sie Ihre Ideen f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen Kreis an Schulen nutzbar machen? Oder ben\u00f6tigen Sie einfach nur einen \u201eTapetenwechsel\u201c nach all den Jahren an der KGS?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nein, einen Tapetenwechsel brauche ich nicht. Ich will hier eigentlich auch gar nicht weg, sondern ich sagte ja gerade, dass es hier noch ganz viel zu tun gibt und ich auch wirklich noch vor Ideen sprudele \u2013 Ich k\u00f6nnte hier noch sehr viel machen. Allerdings gibt es gerade jetzt eine M\u00f6glichkeit, an \u00fcbergeordneter Stelle noch eine andere Verantwortung zu \u00fcbernehmen: Demn\u00e4chst bin ich im Grunde nicht nur eine Art \u00fcbergeordneter Chef f\u00fcr eine Schule, sondern f\u00fcr \u00fcber 20 Schulen. Das hei\u00dft auch, dass ich \u201eSchule\u201c nochmal anders kennenlernen und vielleicht auch an anderer Stelle mitgestalten kann und dass ich mit den Ideen, die ich so habe, vielleicht auch noch etwas bewegen kann. Das treibt mich! Also ich fliehe hier nicht, sondern es ergibt sich gerade f\u00fcr mich die M\u00f6glichkeit in der Landesschulbeh\u00f6rde an einer Stelle zu arbeiten, von der ich glaube, dass ich auch von dieser aus auf etwas breiterer Ebene \u201eSchule\u201c gestalten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><em>Sie haben eben erw\u00e4hnt, dass Sie es vermissen werden, in die vielen Sch\u00fclergesichter zu schauen. Unter uns: Ist da noch mehr, was Sie vermissen werden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein bisschen werde ich nat\u00fcrlich den direkten Kontakt vermissen, zwar ist das auch ein Kommunikationsjob, den ich in der Beh\u00f6rde aus\u00fcben werde, aber ich werde vermutlich mehr schreiben, mehr telefonieren und mehr mailen. Aber: Den \u201eeveryday-talk\u201c werde ich mir trotzdem nicht nehmen lassen: Ich werde weiterhin mit vielen Schulen reden, mit Schulleitern sprechen und in der Beh\u00f6rde viele Besprechungen haben. Auch dort werde ich mir diese Offenheit nicht nehmen lassen auf Menschen zuzugehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 120px;text-align: justify\">\u201eEs ist nicht so, dass ich mich in irgendeine Kammer setze und von morgens bis abends nur am Rechner sitze, sondern ich muss auch da ganz viel kommunizieren.\u201c\u00a0 T. Hunfeld (01\/2019)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Selbstverst\u00e4ndlich werde ich die Kontakte auch vermissen, aber es ist jetzt entschieden und jetzt schaue ich auch nicht zur\u00fcck, jetzt schaue ich nach vorne, aber nat\u00fcrlich bleibt immer auch ein Teil von mir hier und auch die Menschen, mit denen ich hier gearbeitet habe, die bleiben auch ein St\u00fcck weit in mir (ohne das jetzt zu sehr pathetisch<sup>4<\/sup> klingen zu lassen).<\/p>\n<p><strong><em>Stellen Sie sich vor, Sie h\u00e4tten drei W\u00fcnsche frei. \u00a0Was w\u00fcrden Sie gerne am \u201eSystem Schule\u201c \u00e4ndern?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich finde die KGS ist das gro\u00dfartigste System, das es gibt. Hauptschule, Realschule, Gymnasium werden miteinander vereint, so auch die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die etwas langsamer lernen, dann die, die mit Realien, aber auch auf einem hohen theoretischen Niveau arbeiten und schlie\u00dflich die, die in die Theorie verliebt sein sollten, lernen an einem Ort. Diese Spannweite in einer Schule zu haben, finde ich gut, \u00fcbrigens auch f\u00fcr ganz Niedersachsen. Ich finde die Vielfalt unseres Schulwesens manchmal bedrohlich: Gymnasium, Hauptschule, Oberschule, Realschule, IGS \u2013 Warum nicht nur eine Schule? <em>(erster Wunsch)<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 120px;text-align: justify\">\u201eWarum nicht die KGS als guten Kompromiss zwischen denen, die irgendwie alles zusammenhaben wollen und denen, die alles getrennt haben wollen? Das ist ein utopischer<sup>5<\/sup> Wunsch, das wei\u00df ich, aber ich finde das toll, ich finde die KGS als System toll.\u201c T. Hunfeld (01\/2019)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dann w\u00fcnsche ich mir, nicht nur f\u00fcr diese Schule, sondern f\u00fcr alle, dass nicht jede Schule das Rad neu erfinden muss, sondern dass es einen Rahmen gibt, in dem ich mich gut bewegen kann und den ich gestalten kann, aber dass nicht jede Schule beispielsweise ihren eigenen Arbeitsplan selber schreiben muss und definieren muss, was sie wann in welchem Unterrichtsfach macht \u2013 Und dieser wird dann von au\u00dfen kontrolliert. In diesem Rahmen haben die Schulen auch viele Freiheiten, schlie\u00dflich bedeuten mehr Vorgaben nicht zwangsl\u00e4ufig Einschr\u00e4nkungen <em>(zweiter Wunsch).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und drittens w\u00fcnsche ich mir, dass die Schulen in einem guten Zustand sind. Diese Schule ist zwar in einem ganz guten Zustand, aber die Situation in den Klassenr\u00e4umen ist ausbauf\u00e4hig: Es ist zu laut, es ist auch teilweise zu voll, weil manche Klassenr\u00e4ume zu klein sind. Das Licht passt nicht immer und die digitale Technik funktioniert ebenfalls nicht immer. Ich w\u00fcnsche mir einfach, dass wir auf einen zeitgem\u00e4\u00dfen Stand kommen, damit sich Kinder wirklich im Klassenraum wohlf\u00fchlen k\u00f6nnen <em>(dritter Wunsch).<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Wir bedanken uns f\u00fcr das ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4ch und w\u00fcnschen Ihnen alles erdenklich Gute f\u00fcr die Zukunft.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <strong>Emma Boye (11G3)<\/strong>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1 &#8211; simpel, einfach, schlicht<\/p>\n<p>2 &#8211; hier: Mit etwas zu k\u00e4mpfen haben<\/p>\n<p>3 &#8211; verbreitet werden<\/p>\n<p>4 &#8211; zu gef\u00fchlvoll<\/p>\n<p>5 &#8211; unerreichbar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Hunfeld, Sie sind jetzt seit neun Jahren an dieser Schule und seit dem Jahr 2001 generell als leitende Kraft an Schulen t\u00e4tig. Was empfanden Sie in diesem Zeitraum als besonders sch\u00f6n? Ich befinde mich seit dem Sommer 2010 an der KGS Neustadt. 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