{"id":1,"date":"2024-10-10T11:48:36","date_gmt":"2024-10-10T09:48:36","guid":{"rendered":"https:\/\/wordpress.nibis.de\/roepke-journal\/?p=1"},"modified":"2024-10-21T16:36:38","modified_gmt":"2024-10-21T14:36:38","slug":"75-jahre-grundgesetz-die-muetter-der-deutschen-verfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.nibis.de\/roepke-journal\/2024\/10\/10\/75-jahre-grundgesetz-die-muetter-der-deutschen-verfassung\/","title":{"rendered":"75 Jahre Grundgesetz: Die M\u00fctter der Deutschen Verfassung"},"content":{"rendered":"\n<p>Unsere Verfassung feiert 75. Geburtstag! Anl\u00e4sslich des Jahrestags ihrer Entstehung am 23. Mai wird oft von den \u201eM\u00fcttern und V\u00e4tern des Grundgesetzes\u201d gesprochen. Dabei handelt es sich um diejenigen Personen, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges der Herausforderung angenommen haben, eine Verfassung f\u00fcr ein demokratisches, freiheitliches, soziales Deutschland aus dem Boden zu stampfen &#8211; die Verfassung, die bis heute das Fundament unseres Landes darstellt. Die Landesparlamente w\u00e4hlten damals die insgesamt 61 Politiker des Parlamentarischen Rates, der mit dem Beschluss eines Grundgesetzes beauftragt war. Darunter waren jedoch lediglich vier Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders ihnen haben wir Artikel 3 des Grundgesetzes zu verdanken. Darin ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie das Verbot von Diskriminierung festgeschrieben. Denn w\u00e4hrend viele Aspekte der Verfassung von den Alliierten bereits festgelegt waren, wurde um andere Themen gerungen. Die \u201eV\u00e4ter des Grundgesetzes\u201c wollten etwa eine ausdr\u00fcckliche, w\u00f6rtliche Aufnahme der Gleichberechtigung verhindern. Es reiche, wenn Frauen in der Theorie die gleichen staatsb\u00fcrgerlichen Rechte bek\u00e4men. Die weiblichen Ratsmitglieder gaben sich damit jedoch nicht zufrieden. Angef\u00fchrt von Elisabeth Selbert machten sie \u00f6ffentlich auf die Missst\u00e4nde aufmerksam und erzeugten landesweit eine Druckwelle. Sprich, der Rat wurde mit Briefen w\u00fctender Frauen bombardiert. Letztendlich konnten sie sich nach vielen z\u00e4hen Verhandlungen durchsetzen und erreichten die Integration des Artikels ins Grundgesetz.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Umfrage in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone von Hannover zeigte sich jedoch, dass das Wissen \u00fcber die Beteiligung von Frauen am Grundgesetz durchaus vorhanden ist. Viele der Befragten sch\u00e4tzten die Zahl der beteiligten Frauen richtig als sehr gering ein, wobei die meisten annahmen, dass es zwischen null und zehn Frauen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wer genau waren diese \u201eM\u00fctter\u201c eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frieda Nadig<\/strong> (SPD), eigentlich Friederike Charlotte Luise Nadig, hatte eine soziale Ader und engagierte sich schon fr\u00fch f\u00fcr Frauen und ihre Rechte. Stark machte sie sich vor allem f\u00fcr die Gleichstellung ehelicher und nicht-ehelicher Kinder sowie f\u00fcr die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau. Bei letzterem gelang es ihr allerdings nicht, sich gegen ihre m\u00e4nnlichen Kollegen durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elisabeth Selbert <\/strong>(SPD) setzte sich als Juristin vehement f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Rechtswesen ein. Ihr besonderer Verdienst liegt aber in der Formulierung des Gleichheitsgrundsatzes. Zudem beharrte sie in endlosen Sitzungen auf seine Aufnahme ins Grundgesetz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Helene Weber<\/strong> (CDU) war bereits lange vor der Entstehung unserer Verfassung politisch t\u00e4tig, wurde aber von den Nationalsozialisten aus dem Amt verdr\u00e4ngt. Sie kam in Folge auf den Protest der Frauenarbeitsgemeinschaft ihrer Partei, es sollte wenigstens eine Frau an den Beratungen beteiligt sein, in den parlamentarischen Rat. Als aktive Katholikin trat sie f\u00fcr den Schutz von Ehe und Familie sowie f\u00fcr das Elternrecht ein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Helene Wessel<\/strong> (Zentrumspartei) war genau wie ihre Kollegin Helene Weber Verfechterin f\u00fcr den Schutz von Ehe und Familie. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt der Unterst\u00fctzung lediger M\u00fctter. Da sie immer f\u00fcr das einstand, wovon sie \u00fcberzeugt war, stimmte sie letztlich aber gegen den Beschluss des Grundgesetzes &#8211; aus ihrer Sicht fehlten wichtige Grundrechte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vier M\u00fctter des Grundgesetzes stehen als Vorbilder f\u00fcr den unerm\u00fcdlichen Einsatz und die Entschlossenheit, die notwendig sind, um Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Ihr Wirken erinnert uns daran, dass Frauen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung unserer Gesellschaft spielen k\u00f6nnen und sollen. Insbesondere mit der Integration des Artikels 3 in die Verfassung haben die vier Frauen und ihre Mitstreiterinnen Geschichte geschrieben und einen Meilenstein im Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, mehr als siebzig Jahre nach der Verabschiedung des Grundgesetzes, ist Artikel 3 immer noch von entscheidender Bedeutung f\u00fcr Frauen. Trotzdem unsere Gesellschaft einen langen Weg gekommen ist, sind Frauen in der Praxis noch immer mit Ungleichheiten und Diskriminierung konfrontiert, sei es im Berufsleben oder in anderen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens. Ein \u00e4hnliches Bild zeichnete sich bei unserer Umfrage in Hannover ab. Themen wie Kinderbetreuung und Pflege sowie Karriere und Gehalt wurden immer wieder genannt. Eine Frau, die in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone befragt wurde, meinte auf die Frage hin, in welchen Bereichen es bei der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern noch Ausbaubedarf g\u00e4be, konkret: \u201eAlso ich glaube, mindestens im Berufsleben und ich finde auch in der Familie, in der Care-Arbeit, da ist durchaus Nachholbedarf oder \u00fcberhaupt Bedarf.\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Festzuhalten ist, dass Frieda Nadig, Helene Wessel, Elisabeth Selbert und Helene Weber bis heute beispielhaft f\u00fcr Engagement und Durchsetzungsverm\u00f6gen stehen. Mit Hartn\u00e4ckigkeit und unerschrockenem Einsatz haben sie es geschafft, sich einem Konflikt vom Kaliber David gegen Goliath zu viert gegen 61 M\u00e4nner durchzusetzen. Ihre Vorbildfunktion erinnert uns daran, dass mit Hartn\u00e4ckigkeit und Entschlossenheit viel erreicht werden kann. Es liegt an uns, ihr Erbe fortzuf\u00fchren und f\u00fcr unsere \u00dcberzeugungen einzutreten \u2013 so unbequem es auch sein mag.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Partizipation beginnt bei der Teilnahme an Wahlen, der Arbeit in Jugendparlamenten oder der Sch\u00fclervertretung. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler k\u00f6nnen sich auf niedrigschwellige Weise politisch engagieren, indem sie sich in der Sch\u00fclervertretung f\u00fcr ihre Belange einsetzen, an lokalen Projekten teilnehmen oder ab dem Alter von 16 Jahren bei Europa- und Kommunalwahlen bzw. ab 18 Jahren bei Landes- und Bundestagswahlen ihre Stimme abgeben. Jeder Beitrag, ob gro\u00df oder klein, kann einen positiven Einfluss auf unsere Gesellschaft haben und dazu beitragen, die Werte von Frieda Nadig, Helene Wessel, Elisabeth Selbert und Helene Weber lebendig zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Verfassung feiert 75. Geburtstag! Anl\u00e4sslich des Jahrestags ihrer Entstehung am 23. Mai wird oft von den \u201eM\u00fcttern und V\u00e4tern des Grundgesetzes\u201d gesprochen. Dabei handelt es sich um diejenigen Personen, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges der Herausforderung angenommen haben, eine Verfassung f\u00fcr ein demokratisches, freiheitliches, soziales Deutschland aus dem Boden zu stampfen &#8211; die Verfassung, die bis heute das Fundament unseres Landes darstellt. 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