Lehrerfrage und Klassengespräch

Bei Unterrichtsbesuchen beobachtet der Autor Peter Orth häufig Fehler im Klassengespräch. Um die Reflexion über Lehrerfragen und Schüleräußerungen zu fördern formuliert er die folgenden Regeln.

Fehler bei Lehrerfragen:
– Frage unklar formuliert
– Gespräch dreht im Kreis
– richtige Schülerantworten werden nicht aufgenommen
– Lehrer gibt die Antwort selbst

Elf Regeln zur Lehrerfrage
1. Sorgen Sie dafür, dass „das Thema, die Fragestellung und das angestrebte Gesprächsergebnis allen Gesprächsteilnehmern klar sind“!
– bedeutsame Fragen in den Mittelpunkt stellen, statt einer Flut von ziellosen Fragen
– das Gesprächsziel im Auge behalten
– klare, einfache Sprache (vorformulieren!), auf Plakat etc. für Schüler visualisieren

2. Lassen Sie geeignete Fragen in Partner- oder Gruppenarbeit beantworten!
– breite Palette von Schülerantworten
– ruhige und stärkere Schüler werden einbezogen

3. Achten Sie auf das Niveau Ihrer Fragen!
Kontrollieren Sie, welche Frageformen Sie meist brauchen:
Wissens- und Denkfragen:
– Wissensfragen = erinnern, wiedererkennen. z.B.: „Wie heißt der Weltrekordler in xyz?“
– Denkfragen = Informationssuche, Übertragung = Impuls. z.B. „Wie erklärst du dir …?“
Konvergente und divergente Fragen:
Konvergente Fragen = es gibt nur eine Lösung z.B.: „Welche wichtige Entwicklung wurde durch … ermöglicht?“
Divergente Fragen = Produktion neuer Gedanken z.B.: „Stell dir vor … Wie würde es dann heute aussehen?“
Gefühls-, ablaufgerichtete und rhetorische Fragen:
Gefühlsgerichtete Fragen = affektive Aspekte des Unterrichts z.B.: „Wie ging es dir mit der Gruppenarbeit?“
Ablaufgerichtete Fragen = ablauftechnische Details „Habt ihr eure Sportsachen dabei?“
rhetorische Fragen = Lehrer will keine Antwort = „Holger, wirst du das bitte lassen?“
(vgl. Petersen, Sommer: Die Lehrerfrage im Unterricht)

– eine provokative Frage / Impuls fordert sofort Widerspruch heraus. Gelegentlich anwenden!

4. Stellen Sie auch „weite“ Fragen!
– enge Fragen strukturieren vor, weite Fragen fördern Initiative und Raum
z.B. eng: „Wisst ihr noch den Namen von …?“
z.B. weit: „Wie war das als …“

5. Lenken Sie das Klassengespräch verstärkt durch Impulse!
– Impulse sind offener als Fragen, motivieren zum Nachdenken
z.B.: L zeigt Gegenstand – Schüler äußern sich

6. Setzen Sie non-verbale Impulse ein!
– Gegenstände, Bilder ermuntern zu Äußerungen

7. Vermeiden Sie Fragen der anspruchslosen Bewertung!
– anspruchslose Fragen vermeiden, kein Denkleistung

8. Vermeiden Sie Suggestivfragen!
– kein didaktischer Wert: z.B.: „Du meinst doch wohl nicht …“

9. Bevorzugen Sie kurze eindeutige Formulierungen
– Hauptsache in Hauptsätze, keine verschachtelten Sätze
– geschliffene Sätze nach anglikanischem Vorbild: Subjekt, Prädikat, Objekt
– 9 Wörter sind die Obergrenze der optimalen Verständlichkeit laut dpa, weniger Wörter für Sprechtexte
– 47% der Sätze in der Bildzeitung haben 4 Wörter oder weniger

10. Vermeiden Sie das Häufen von Fragen (Kettenfragen)!
– Ist eine Frage klar genug, braucht sie nicht durch angehängte Fragen erläutert zu werden.

11. Sprechen Sie die gesamte Lerngruppe an!
– nicht: „Dennis, sag mir mal …“ => Einbahnkommunikation (Lehrer -> Schüler)
– günstiger: „Was hat … getan, als … passiert ist?“

Das Studienseminar Koblenz fasst in einem Arbeitspapier zusammen:
„Regeln für Lehrerfragen
1. Konzentration herstellen, dann die Frage stellen
2. sich möglichst auf einen einzelnen Satz beschränken
3. präzise formulieren
– keine Kettenfragen!
– keine Suggestivfragen!
– keine anspruchslosen Fragen!
– keine Abfragen!
– keine Stocherfragen!
4. Impulse setzen statt zu fragen
5. auch nonverbale Impulse nutzen
6. „weite“ Fragen stellen, Umwege zulassen
7. die Schüler herausfordern
– Unverständnis signalisieren
– gegenteilige Meinung äußern , „provozieren“
– zur Stellungsnahme auffordern
– nachfragen, ob alles verstanden wurde

Regeln zur Lehrerreaktion auf Schülerbeiträge
1. Zeit lassen zum Nachdenken, nicht auf den ersten Fingerzeig reagieren
1. erst zuhören und mehrere Schüler zu Wort kommen lassen (Beiträge sammeln)
2. Freiraum geben für das eigene Denken und nicht kommentieren (Lehrerecho vermeiden)
3. sparsam und passend Rückmeldung geben: mimisch, Gesten, „mh“…
4. auch schon mal Schüler aufrufen, die sich nicht gemeldet haben
5. dabei auf das Anspruchsniveau achten: bei Reproduktion schwächere Schüler drannehmen
6. Fehler und Ungenauigkeiten nur im notwendigen Umfang korrigieren, Impulse bevorzugen
7. Fragen nicht selbst beantworten, Schüler aber nicht raten lassen, statt dessen Impuls setzen
8. Gesprächsphasen (sammeln ? bewerten ? clustern …) für die Schüler sichtbar machen
9. sich klar machen, wann ich als Lehrer gefordert bin aktiv einzugreifen
– geeignete Beiträge akzentuieren, verbreitern und sichern, zurückgeben …
– Falsches klären und korrigieren (evt. durch Mitschüler)
– Fehler nutzbar machen
– zusammenfassen und einen Überblick geben
– den Blick der Schüler richten, z.B. auf die Ausgangsfrage
– zum Strukturieren auffordern (Kategorien bilden, Vergleichen, …)
– Ergebnisse sichern“

Quelle:
Peter Orth. „Neunzehn Regeln für ein gutes Klassengespräch. Das Klassengespräch als schwierige Lehr- / Lernform“. Pädagogik 9/92 S. 44ff und Zusammenfassung durch Studienseminar Koblenz

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