Problempunkte der Beurteilungspraxis

Bearbeitet nach Richard. Bessoth, Lehrerberatung u. -beurteilung, 1994 (Bezug: Regelbeurteilung von Lehrkräften)

Auftrag:
Am Ende des vierzehnten Ausbildungsmonats werden die Leistungen mit einer Note bewertet.
Die schriftliche Arbeit wird von zwei Ausbildenen mit einer Note bewertet.
Jede Prüfungsleistung wird mit einer Note bewertet.
Ziel des Vorbereitungsdienstes ist es, dass in der Anlage der APVO-Lehr genannten Kompetenzen erworben werden.
(vgl. APVO-Lehr)

Richard Bessoth meint dazu, dies seien „unbestimmte Rechtsbegriffe“, sie ermöglichen einen weiten, gerichtlich nicht voll prüfbaren Spielraum (S. 187)
Personalbeurteilung ist von vielen Normen bestimmt. Rechtsgrundlagen sind nur eine Teilmenge.

Beurteilungsgrundlagen alt:
Grundlage von Lehrerbeurteilung = Unterrichtsbesuche; Argumente gegen ausschließlich Unterrichtsbesuche:
Jeder Besuch beeinflußt/beeinträchtigt das Unterrichtsverhalten.
Die Stichprobengröße ist völlig unzureichend.
Unbekanntes Ausmaß an Vorurteilen bei der Unterrichtsbeurteilung.
Fehlen gesicherter Erkenntnisse über Unterrichtsmethoden und ihre Wirkungen.
Das Allwissenheits-Syndrom der Unterrichtsbeurteiler.
Fehlende Übereinstimmung von Beurteiler- und Schülerperspektive.

Aufbau neuer Beurteilungsgrundlagen: (Anlage: S. 304ff)
Funktionsbereiche: Unterrichten und Erziehen; Beurteilen und Beraten; Organisieren und Verwalten; Innovieren
Unterrichtsarbeit bei Lehrern > 70%; Wie erfolgt Verbesserung der Informationsbasis? Fragebögen:
Einschätzung und Urteile von Schülern (mehrere Klassen, Fächer, Zeitpunkte)
Lernerfolge der Schüler (komplexe Messungen über langen Zeitraum – 3 Jahre)
Urteile von Kollegen (Arbeitsprodukte durch Kollegen begutachten)
Selbstevaluation (zum Vergleich mit Fremdurteil)
keine einzige Informationsbasis allein ausreichend; Abstützung durch andere; multiple Datengrundlage notwendig

Beurteilungsbericht:
Anlage S.254 f = ganz offene Form, läßt Freiraum, wenige oder viele Kriterien zu nutzbar;
Anlage S.259ff = offene Form mit Richtlinien, Gewinn Informationsgehalt, Aussagen häufig vage
Obwohl es um Leistung geht, werden Tätigkeiten beschrieben; selten: Aussagen über Erreichtes
Kriterienkataloge bedeuten Schritt zu mehr Gebundenheit, sie beschränkten auf Merkmale und Skalen
Gegenbeispiel (Anlage S. 262f) = gebundene Form Wirtschaft; z.B.: schwammiger Händedruck und Leistung?!
„Der dienstlichen Beurteilung von Pädagogen kann nicht durch noch ausgefeiltere Kriteriensysteme geholfen werden, (…) Sie kann nicht durch Kriterienlisten zur Unterrichtsbeurteilung verbessert werden. Positive Veränderungen sind nur möglich durch Rückkehr zur Einfachheit.“ (Bessoth, S. 274)
Idee: Beurteilungsverfahren an Kontrakt über Zielvorstellungen / Zielvereinbarungen orientieren.

Problem der Urteilsfindung:
Trennung der Teilurteile vom Gesamturteil: Das Ganze ist mehr / weniger als die Summe / Durchschnitt der Teile. „Eine faire Endnote läßt sich in der Regel nicht aus den Teilurteilen herausrechnen.“ (vgl. Bessoth, S.275)
Fehlende Leistungsstandards im Schulbereich fordern Beurteiler bei Gesamtnote heraus.
Gewichtungsmethode als Entscheidungskrücke (Anlage S. 284)
Paar Vergleiche (Stapelbildung: Ist Kollegin A besser als B? Vergleich aller Kolleginnen)
Rangordnungs-Matrix (Anlage S. 288)
Blockbildungsmethode (hervorragend 5-10%; akzeptabel 80-90%; unterdurchschnittlich 5-10%)

Beurteilungsgespräch:
Viele Beurteilungsgespräche sind für alle Beteiligten peinliche Pflichtübung. Die Beurteiler haben mit Frühwarnungen hinterm Berg gehalten, weder Einwände, noch Leistungsstandards vorgebracht. Gespräche finden für Lehrer unter hoher psychischer Belastung statt => keine positiven Erwartungen
Günstig: leistungsbezogenes Feedback immer unverzüglich geben; Sofortige Rückmeldung schützt beide Seiten vor unangenehmer Situation im Gespräch. Lehrer bevorzugen negatives Feedback vor fehlendem.
Kompetente Beurteiler gehen nicht in das Gespräch mit festem, unveränderlichem Urteil. (Bessoth, S. 310)

Fehlerquellen:
Informationsmängel, – Lücken, Beurteilungsfehler
siehe Anlage „Fehlertendenzen S. 204“ und „Hauptfehler S. 311“

Rechtsschutz:
Beurteilungen sind dem Prüfling zur Kenntnis zu geben; Prüfling kann dazu eine Stellungnahme abgeben (PVO § 9 u. DB)
Anlage S. 321f: Anforderungen eines Arbeitsgerichts an beweiskräftige Lehrerbeurteilungen.

Zusammenfassung:

    1. Beurteilungsgrundlagen, mehr als Unterricht (vgl. PVO zu §2.2 Qualifikationsbereiche der Ausbildung)
    2. Kriterien ja, aber Meßskalen oder Merkmalsbeschreibungen nein

Gespräch über Bericht mit Anwärtern um Fehlerquellen möglichst auszuschließen (unberücksichtigte Leistung, fehlende Objektivität)

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