Situative – überraschungsoffene – Unterrichtsplanung

Ulf Mühlhausen schreibt auf dem Einband zu seinem Buch: Überraschungen im Unterricht: „Dieses Buch räumt mit zwei Vorurteilen auf: dem einen, man könne Unterricht planen, und dem anderen, man könne unterrichten ohne zu planen.“

Die Idee scheinbar unplanbares planbar zu machen und damit ins Kalkül zu ziehen, steckt hinter Mühlhausens Gedanken. Mühlhausen geht davon aus, dass die Analyse von Überraschungen den Schlüssel zum tieferen Verständnis von Unterrichtsprozessen liefert.

Abweichungen vom Entwurf – meist Überraschungen für den Lehrer
Wenige, Mühlhausen sagt: „keine einzige“ Unterrichtsstunde verläuft so, dass die Schülerreaktionen so sind, wie von der Lehrkraft geplant. Geht die Lehrkraft auf unerwartete Schüleräußerungen ein, so hat das oft weitreichende Konsequenzen für den geplanten Verlauf. 
Mit einer Vielzahl von Modifikationen reagieren Lehrkräfte situativ. Erfahrene Lehrkräfte modifizieren meistens die Schlußphase, angehende Lehrkräfte modifizieren häufiger im gesamten Stundenverlauf. Manchmal heißt es auch, das gesamte Konzept zu verwerfen, wenn dieses nicht zum Ziel führt. Mit viel Unterrichtserfahrung, den richtigen Materialien und Ideen in Reserve, kann der Unterricht noch erfolgreich werden.

Schüler als Auslöser von Überraschungen
Aus der Sicht der Lehrkraft sind der Planung entgegenstehende Schülerbeiträge überraschend. Die Lehrkraft hat dann Schwierigkeiten, den ursprünglichen Entwurf umzusetzen.
Mühlhausen unterscheidet fünf Arten von „entwurfsdiskrepanten Schülerbeiträgen“:
1. Schüler bringen falsche Beiträge.
Häufen sich fehlerhafte Schülerbeiträge, ist das ein Zeichen dafür, dass die Lehrkraft Vorkenntnisse und Fähigkeiten der Schüler falsch eingeschätzt hat.
2. Schüler weichen mit ihren Fragen und Beiträgen vom Thema ab.
Eine unzureichende vorausschauende Planung kann zu überraschenden Schülerbeiträgen führen.
3. Schüler haben dringende Anliegen ohne unmittelbaren Bezug zum Unterrichtsgeschehen.
Bekommt die Lehrkraft z.B. „plötzlich“ ein Schülergeschenk, muß sie darauf eingehen, dies bringt die Planung aber durcheinander.
4. Schüler verweigern sich und stören
Hinter Störungen stecken Wünsche.
5. Schüler kritisieren Handlungen des Lehrers oder von Mitschülern
z.B: „Schon wieder „
Mühlhausen bewertet diese fünf Arten von Schülerbeiträgen so, dass er sie als aktive Planungstätigkeit der Schüler versteht, die konstruktive Elemente von Unterricht enthalten. Sie lassen sich nicht eliminieren, Lehrkräfte können nur mehr oder weniger angemessen damit umgehen.

Überraschungstraining mit Hilfe eines Überraschungsarchivs
Eine Idee den Umgang mit überraschenden Situationen im Unterricht zu bewältigen, ist das Überraschungsarchiv. Durch dieses Archiv soll ein Repertoire von Korrektur und Entstörungsideen angelegt werden. Dies können persönliche Fehlerlisten oder alternative methodische Schritte sein, um in Zukunft auf ähnliche überraschende Situationen angemessener reagieren zu können.
Auf Karteikarten werden Situationen beschrieben und mögliche Bewältigungsansätze genannt.
Formulierungsvorschlag: Wenn , dann 
z.B.: Wenn Peter sich in die Ecke verzieht und nicht mitarbeiten will, dann gebe ich ihm die Hundertertafel.

Arbeitsauftrag:
für Gruppe P, wie praktisch:
Stillarbeit: Bitte finden Sie für sich 2 – 3 eigene Unterrichtsbeispiele für Überraschungen und notieren diese.
Stellen Sie sich gegenseitig (reihum) die Überraschungen vor. 
Prüfen Sie: Sind darunter vielleicht Überraschungen für die es sich lohnt, Strategien im Sinne eines Überraschungsarchivs zu entwickeln? Sammeln Sie Lösungsideen im Sinne eines Brainstormings.

für Gruppe T, wie theoretisch:
Mühlhausen erweitert den Begriff von Unterrichtsplanung und stützt sich dazu auf psychologische Handlungstheorien. Darin wird Planung als eine Tätigkeit verstanden, „mit der Menschen ihre Handlungen vorbereiten, steuern und nachträglich auswerten (…)“ (Mühlhausen 1994, S. 83) 
Setzen Sie sich bitte mit diesem erweiterten Planungsbegriff auseinander anhand des vertiefenden Textes von Frau Clausen. Welche konkreten Maßnahmen leiten Sie aus dieser Sichtweise für Ihren Unterricht her?

Literatur:
Ulf Mühlhausen: Überraschungen im Unterricht – Situative Unterrichtsplanung. Weinheim und Basel (Beltz) 1994

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