Störende Schülerinnen und Schüler – Verstörte Lehrkräfte

Protokoll des Vortrages von Prof. Rainer Winkel
beim Seminartag der GEW in Verden 2008
aufgezeichnet von Karen Bisanz

Als Referent des Tages wurde Professor Dr. Rainer Winkel begrüßt, der zum Thema „Störende Schülerinnen und Schüler – Verstörte Lehrkräfte“ vier Impulsreferate hielt. In den Pausen zwischen den Referaten bot er den Anwesenden die Möglichkeit zum Nachfragen und zur Diskussion, was diese auch kräftig nutzten. Sowohl in den Referaten als auch in der Diskussion zeigte sich Rainer Winkel nicht nur als Mann der Hochschule, sondern auch als Kenner der Praxis, war er doch fünf Jahre lang Gründungsmitglied und Leiter einer Gesamtschule im Ruhrgebiet.
In seinem ersten Teilreferat betonte er neben der Notwendigkeit der Fachkompetenz der Lehrenden die Bedeutung einer funktionierenden Beziehung zwischen Schüler/in und Lehrkraft. „Vor aller Erziehung kommt die Beziehung!“, lautete sein Plädoyer. Im nächsten Teil stellte er Fallberichte von Lehrkräften aus dem Schulalltag vor, aus denen vielfach Schulängste der Betroffenen sprachen. Winkel verdeutlichte die Notwendigkeit von Zusammenarbeit und Solidarität in einem Kollegium. Normen müssten gemeinsam erstellt und akzeptiert werden. In seinem nächsten Abschnitt ging er auf die Notwendigkeit von Regeln in der Schule und im Klassenraum ein. Dabei komme es nicht auf die Quantität von Regeln, sondern auf Klarheit und Konsequenz weniger, für alle verbindlichen Regeln an.
Abschließend dann stellte er zehn Merkmale guten Unterrichts vor. So forderte er zu gegenseitigen Hospitationen auf, sprach sich für eine intensive Elternarbeit aus, betonte die Notwendigkeit einer echten Ganztagsschule als Ort des gemeinsamen Lebens und Lernens und schloss mit den Worten: „Strahlen Sie Freude aus! In den Schulen wird heute zu wenig gelächelt oder gar gelacht!“ (vgl. E&W Niedersachsen 11/08 S. 27)

Vortrag R. Winkel:
Verhaltensprobleme

  • betrifft oft Kinder, die ganz auf sich allein gestellt sind
  • enorm zugenommen (in der Wahrnehmung von Lehrern) haben:
  • aggressive Verhaltensweisen (qualitativ + quantitativ)
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Angst von Lehrern gegenüber ihrer S
  • Lehrer fühlen sich oft allein gelassen

Konsequenzen aus Fallberichten/ Klagen:

  • viele S leiden unter sog. Regeldiffusion (kaum Regel- u. Unrechtsbewusstsein)
  • viele Lehrer u. Eltern fühlen sich rat- u. hilflos
  • viele Lehrer sind bei der Lösungssuche gefährdet (resignativ oder durchboxen)

Mögliche Ursachen der heutigen Schulprobleme:

  • Regelbewusstsein der heutigen Schule: S machen die Erfahrung, dass alles erlaubt ist
  • Eltern gegen Lehrer
  • Unfähigkeit des Lehrers, Nachrichten zu entziffern ( Schulz v. Thun)

„Könnten wir die Störung als Mitteilung des Schülers entschlüsseln, sprich verstehen, so könnten wir eine adäquate Antwort geben.“ (Peter Fritz Hallberg, 1977)

Typische Anfängerfehler von jungen Kollegen:

  • Lautstärke mit Lautstärke bekämpfen -> Welleneffekt
  • Ruhephasen außer Acht lassen
  • Uneindeutiges Handeln
  • Methodenschrumpfung

Zudem: schlechte bildungspolitische Rahmenbedingungen, die das Handeln des Lehrers beeinflussen
– wir werden immer weniger eine Unterrichtsschule als eine Erziehungsschule!
(Kritik: heutige Lehrer lernen „Schwimmen im Trockenen“)

Handlungsperspektiven:
1. klare Regeln verabreden (nicht autoritär setzen!)

  • Regeln: klar und eindeutig (keine Regel, die nicht kontrollierbar ist!)
  • Rituale: glaubwürdig und überzeugend
  • Referees: mutig und unparteilich (Lehrer muss Rolle als Schiedsrichter akzeptieren lernen! Manchmal müssen Sanktionen bei Regelübertretung ergriffen werden!) -> „Die 3 Rs in der Erziehung“: Regeln werden entlang von Ritualen eingeübt und von Referees überwacht

Beispiel:

  • Ich höre zu, wenn jemand spricht.
  • Ich melde mich, wenn ich etwas sagen will.             AUSREICHEND!
  • Ich bleibe ganz cool, auch wenn es Probleme gibt.

2. Verstehen lernen (heißt nicht: einverstanden sein!); jede aggressive Handlung will mir etwas sagen (leider oft in entstellter form)
„In jeder Faust steckt ein wimmerndes Herz.“
„Krönung“ der Entzifferungskompetenz:
Aggressionen (im lat. „auf jemanden zugehen“) sind weder gut noch böse erst das, was sie anrichten, kann problematisch werden!

Es gibt mindestens 6 Sinnperspektiven aggressiver Verhaltensweisen:

  1. als Abwehr einer vermeintlichen Bedrohung (Angst beseitigen)
  2. als spielerischer Kampf (Stärke ausprobieren)
  3. als Reaktion aufgrund von Frustrationen (Ausgleich für eine Niederlage herbeiführen)
  4. als bloßes Auskundschaften (wie weit kann ich gehen?)
  5. als Einschüchterung (häufig bei Migrations- S)
  6. als entstellte Liebessehnsucht (lieber negativ auffallen als nicht beachtet werden)

Stützsysteme, die meinen Erfolg bei Sanktionen ausmachen:

  • Schulleitung
  • Eltern
  • Klasse (z. B. Klassenrat)

3. Vertrag mit einem Kind (Verhaltensvertrag):
„Ich, XY, verspreche zu meinen MitS freundlich zu sein…“
„Die Lehrer verpflichten sich, weiterhin Geduld zu haben…“

4. Sozialstation: SS werden als Mediatoren ausgebildet (S- Lotsen, Konfliktlösungshelfer); nicht zu verwechseln mit amerikanischem Trainingsraum
aber: es gibt Konflikte, die gehören nicht in S- Hände!

+ 10 Kriterien eines guten Unterrichts: s. Meyer/ Kiper
+ Lernfreude (nicht Spaßvermittlung)
+ Erziehung (muss der Bildung vorangehen)

!!! Methodenvielfalt !!!
aber: gestufte Entwicklung (ehe ich Partnerarbeit mache, müssen die S Einzelarbeit können!)
– Voraussetzungen bedenken u. schaffen

HUMOR: ohne diese Fähigkeit ist vieles umsonst

(Buch: „Love is not enough“)
… aber ohne Liebe ist vieles umsonst…

Angst ist etwas Verhängnisvolles; wer Angst hat, verbreitet auch Angst
Appell: solidarisiert euch! Als einzelner hat man keine Chance in diesem System

Winkel: Der gestörte Unterricht
Ein Grund, warum bis heute wenig adäquate u. konstruktive Lösungen für schulisch- unterrichtliche Dilemmata vorliegen:
gestörte Unterrichtsprozesse sind multikausal bedingt, d. h. neben den klassen- und schulspezifischen Ursachen gibt es individuelle, familiäre, gesellschaftliche, historische u. a.

Aspekte, die den gestörten Unterricht zu verursachen scheinen:

  1. lehrerzentrierter Verbalunterricht mit frontalunterrichtlichen Ermüdungserscheinungen
  2. angstbesetzte Schullaufbahnregelungen bei subjektiv bedrohlich erlebten Leistungsanforderungen
  3. geheime Lernplaninhalte1 (= das, was der Lehrer mitteilt, ohne es eigens auszusprechen)
  4. Einflüsse der Neuen Medien

Hinzu kommen folgende Realitätserfahrungen, die ein heutiger Schüler täglich macht:

  • man versteht einander nicht mehr, d. h. Lehrer u. Schüler reden aneinander vorbei
  • Empfindung von Angst, Aggression, Gleichgültigkeit usw. gegenüber Lehrern
  • Aktivierung von Konkurrenz, Bedrohung, Hass… gegenüber Mitschülern
  • Angst vor Zensuren, Mobbing, Zukunft…

Was sind überhaupt Unterrichtsstörungen?
Begriff Unterrichtsstörung bezeichnet eine Fülle von verschiedenen Geschehnissen; i. d. R. wird dem S die Schuld zugesprochen

W. unterscheidet versch. Arten von Unterrichtsstörungen:
* Disziplinstörungen
* Provokationen + Aggressionen
* akustische od. visuelle Dauerstörungen sowie allg. Unruhe bzw.
Konzentrationsstörungen
* Störungen aus dem Außenbereich des Unterrichts
* Lernverweigerung und Passivität
* Desmotivationen
* neurotisch bedingte Störungen

Def., die die Unterrichtsstörung vom Unterricht her kennzeichnet (Pädagogik geht es um das Verstehen- sie will erziehen – geht nur, wenn Schuldfrage erst einmal beiseite gelassen wird; statt dessen: nach möglichen Absichten fragen!)

Eine Unterrichtsstörung liegt dann vor, wenn der Unterricht gestört ist, d. h. wenn das Lehren u. Lernen stockt, aufhört, pervertiert, unerträglich oder inhuman wird.
ein bestimmtes S- Verhalten kann ganz verschiedene Reaktionen hervorrufen; wichtig: sich zu fragen, ob gerade wirklich der Lehr- u. Lernprozess gestört ist! (oft: scheinbare Störungen)
Die meisten Unterrichtsstörungen sind Signale des S, der etwas mitteilen will! Jedes menschliche Verhalten hat Gründe u. verfolgt Ziele.

Unterrichtsstörungen können auf 3 Ebenen analytisch betrachtet werden:

  1. als „anormale“ Abweichungen der S von den „normalen“ Forderungen des Lehrers (führt zu Disziplinierungsstrategien)
  2. als „normale“ Abweichungen der S von „anormalen“ Forderungen des Lehrers (diszipliniert den Lehrer bis er kapituliert)
  3. als bestimmte Mitteilungen aufweisende Verhaltensweisen, die das Lehren u. Lernen beeinträchtigen (führt in das Bemühen, über eine Entzifferung der jeweiligen Störung den Unterricht als sinnstiftendes Lehr- u. Lernarrangement zu gestalten)

– der gestörte Schulalltag ist das Problem aller! Nachdenklichkeit, Sich- in- den-anderen- hineinversetzen führt zu humanen Handlungsstrategien

– als Lehrer nicht den Konflikt an sich reißen, sondern ihn an alle Beteiligten geben: „Verantwortliches Handeln gründet im Gespräch“

Bsp.: neuer Lehrer, Begrüßung, ein S bleibt „mit gelähmten Beinen“ stehen
Wie reagiert er?

  • kein Vorwurf
  • kein Abblocken
  • kein Ignorieren
  • kein laisser- faire

– er spielt mit und nimmt das Spiel ernst, indem er den Test für berechtigt hält

„Techniken“ des Lehrerverhaltens:

  • Humor aktivieren
  • Gelassenheit anbieten
  • Eindeutigkeit zur Richtschnur des Handelns machen

Wenn ich „mittendrin“ bin:

  1. niemals mit Schülerinnen und Schülern kämpfen – sie sind die Stärkeren
  2. vor jeder Reaktion: kurze Besinnungspause (blockt unmittelbare Triebäußerungen ab)
  3. sich u. die Schülerinnen  und Schüler zunächst fragen, was auf gar keinen Fall unternommen werden sollte
  4. Katalog pädagogischer Maßnahmen innerlich Revue passieren lassen
  5. Leitfrage: wenn ich in der Rolle des SS wäre, welche Motive mögen mich geleitet haben, welche Hilfen erwarte ich, welche Maßnahmen würden mein Verhalten nur noch verschlimmern?
  6. fällt mir nichts pädagogisch sinnvolles ein: humorvoll reagieren

Das Lehrerverhalten ist dann besonders effektiv, wenn es von

  • Souveranität – gekonnt geleitet
  • Elan – schwungvoll gestaltet
  • Mobilität – gruppenbezogen
  • Spannung u.
  • Abwechslung gekennzeichnet ist (= bestes Mittel gegen Störungen).
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