Umgang mit „schwierigen“ Schülern

aus: Bergsson, M/ Luckfiel, H (1998): Umgang mit „schwierigen“ Kindern Cornelson Scriptor, Berlin.

Schwierige Kinder haben Probleme – schwierige Kinder machen Probleme

1. Was sind schwierige Schüler?
aggressive Schüler
rebellische Schüler
unruhige Schüler
träumerische Schüler
Kinder mit motorischen Schwierigkeiten
u.v.m.
Kinder also, die in unterschiedlicher Art auffällig in ihrem Verhalten sind und eine besondere und intensive Aufmerksamkeit fordern.

Es lassen sich drei Felder benennen, die den Hintergrund für die Problematik bilden:
Unangemessene Gestaltung der Lernumwelt, hauptsächlich in der Schule
Schwierigkeiten in der Lebensgeschichte und Lebensumwelt des Kindes
Probleme in der Entwicklung und der Motorik

Viele Kinder sind in der Lage mit Problemen in einem der Felder umzugehen. Treten allerdings Probleme in zwei oder drei der Felder auf, sind die Kinder oft überfordert. (Motorik-Schreiben-Schule-Eltern).

Am nächstliegenden für Fördermaßnahmen sind die Möglichkeiten der Schule. Hier gibt es eine Fülle von Organisationsstrukturen und Maßnahmen, die Lernen und Verhalten fördern können.

2. Erklärungsmuster
Jeder Pädagoge hat vorhandene Erklärungsmuster. Dies  ist die Voraussetzung zur Erweiterung der eigenen päd. Handlungsmöglichkeiten.
Das Kind war schon direkt nach der Geburt „hyperaktiv“
Manche Kinder sind schon von Natur aus aggressiv
Mangelnde Liebe in den ersten Lebensjahren
Das Kind hat eben gelernt, dass es damit durchkommt
So, wie Schule heute ist, macht sie Kinder geradezu auffällig
Auch dieses Verhalten muss irgendwie sinnvoll sein
Das Kind liegt in der sozial-emotionalen Entwicklung zurück

3. Störungen in der Wahrnehmung und Motorik
Störungen der „Wahrnehmung und Motorik“ erfolgen  auf drei Ebenen:

1. Ebene: Primäre Störungen können vorliegen
Bei der Informationsaufnahme
Störungen der Körperwahrnehmung
der Wahrnehmungsdifferenzierung
der Wahrnehmungsquantität
der Gestalterfassung
bei der Informationsausgabe („Signale“, die das Kind gibt)
Störungen der Körperkoordination
der feinmotorischen Koordination
der Sprachkoordination
bei der Informationsverarbeitung

2. Ebene: Auf der zweiten Ebene kommt es zu sekundären Störungen auf Grund des Zusammenspiels von primären Störungen und Umweltanforderungen:
geringe Belastbarkeit
Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwäche
Leichte Ablenkbarkeit und Unruhe
Leistungsinstabilität, Impulsivität und Stimmungsschwankungen
Kommunikationsstörungen

3. Ebene: Das Zusammenspiel von primären, sekundären Störungen und den Anforderungen, die an das Kind gestellt werden kann zu tertiären Störungen führen.
Durch andauernde Überforderung werden Aufbau und Automatisierung von Denk-, Sprach- und Verhaltensmustern nachhaltig beeinträchtigt. Das hat häufig Erfahrungsdefizite, verfestigte Bewegungs- und Sprachstörungen sowie Lernstörungen zur Folge.

Die Techniken, die Bergsson und Luckfiel vorstellen, sind aktiv satt reaktiv. D.h. der Einsatz der folgenden Interventionen ermöglicht dem Schüler ein angemessenes Verhalten zu zeigen.
Die folgenden Interventionen und Techniken sind sinnlos ohne die entsprechende Haltung des Lehrers (das akzeptierende und wertschätzende Zugehen auf das Kind).

Handwerkskoffer – Techniken und Interventionen
• Technik + pädagogische Haltung = sinnvoller Einsatz bei Kindern
• analog dem „richtigen“ Handwerkszeug
• Prinzip: aktives Handeln, nicht reaktiv den Verhaltensauffälligkeiten hinterher sein
• Grundhaltung: Akzeptanz und Wertschätzung des Kindes
• Haltung wird in der Wahl der Technik bereits mittransportiert

1. Strukturierung des Unterrichtsgeschehens
Eine äußere Struktur hilft dem Kind, sich auch innerlich zu strukturieren,
Halt und Orientierung zu finden.
Je mehr die innere Struktur wächst, desto weniger kann die äußere zurücktreten.

Plan der Unterrichtsaktiviät
• Zu Stunden- oder Tagesbeginn den Schülern einen Ablaufplan geben
• Die Schüler sollen wissen, was sie erwartet
• Medium kann die Tafel sein
• In diesem Rahmen können auch klare Verhaltensregeln gegeben werden:
• „in den nächsten 10 Minuten erwartet euch … , daher solltet ihr dann besonders auf …

Phasenwechsel
• Routine im Phasenwechsel des Unterrichts

• Beispiel:
– Begrüßung
– Tagesplanbesprechung
– Erzähl-/Vorlesephase
– Arbeitsphase
– Bewegung und Spiel
– Erneute Arbeitsphase
– Kreative Phase
– Frühstück

Berechenbarkeit schafft Orientierung!

Strukturierung des Raumes
• Phasenwechsel müssen auch visuell unterstützt werden
• Problem: In vielen Klassen fehlt die Möglichkeit zur Funktionsteilung
• Es müssen also andere Signale geschaffen werden, die einen Wechsel im Unterrichtsgeschehen visualisieren:
– mit Klebeband Raum einteilen
– Wachstischdecken
– veränderte Tischanordnung
– Raumwechsel durch spielerische Elemente begleiten

Wochenthema
• Durch thematische Kontinuität wird ein Orientierungsrahmen geschaffen, in dem soziale, emotionale und kommunikative Elemente erwachsen können
• Sicherheit wird durch organisatorische und motivierende Brücken geschaffen
-> Roter Faden
Beispiel: eigene Geschichtsschreibung, die täglich fortgesetzt wird

Auswahl von Unterrichtsaktivität
• Verhaltensauffälligkeiten sollen nicht nur durch didaktisch-methodische
Aufbereitungen des sachlichen Lerninhalts als Ziel formuliert werden.
• Verhaltenskompetenz soll ebenso gefördert werden.
• Das Erziehungsziel geht mit dem Bildungsziel einher.
Bspl.: „Wo, wann und wie hast du heute diese Fähigkeit gezeigt?“

2. Loben
 Lob bestärkt die Kinder im angemessenen Verhalten;
loben wird oft vergessen, da angemessenes Verhalten als normal angesehen wird;
werden Regeln als Gebote formuliert, kann man deren Einhaltung loben, anstatt den Verstoß zu ahnden;
Gefahren: Übertreiben und Unglaubwürdigkeit;
Feedback zu bestimmten Zeitpunkten;

• „Du bist ein fleißiges Kind!“ – „Das hast du toll gemacht!“
• Lob zielt auf die Person nicht auf die Arbeitsleistung ab.
• Loben setzt ein gewisses autoritäres Gefälle zwischen Lobendem und Gelobtem voraus.

• Lob für angemessenes Verhalten ist besonders wichtig
• Kind hat das Gefühl, dass man öfters hinschaut, wenn alles in Ordnung ist.
• Systematisch einsetzen
• aber: keine Übertreibungen, und Problem des Umgangs mit Lob bei Kindern mit einem schwachen Selbstwertgefühl.

In dem Moment, wo Regeln positiv formuliert sind, kann der Lehrer die Einhaltung der Regel auch loben. Bei einer Negativformulierung wird das störende Verhalten zurückgemeldet:
Regel: „Du sollst nicht reinrufen“
Feedback: „Jetzt hast du schon wieder reingerufen“.
Der Schüler bekommt ein negatives Feedback

Beim Aussprechen von Lob sollten Lehrer ehrlich sein und das Lob an einen konkreten Inhalt koppeln.

3. Spiegeln
 wirksamste Intervention zum Aufbau von angemessenem Verhalten, die systematisch, planvoll und professionell sein muss
beschreiben von angemessenem Verhalten, orientiert an formulierten Entwicklungszielen;
zeigt der SchülerIn, dass man positives Verhalten bemerkt hat. Die SchülerIn kann es in ihr Selbstbild integrieren;
drei Anteile des Spiegelns: Beschreibung des Verhaltens, Erinnerung an den Fortschritt, Aufrechterhaltung der Anforderung;
evtl. auch unangemessenes Verhalten spiegeln (als Rückmeldung);

Spiegeln bedeutet ohne zu werten die (erwartete) Handlung des Schülers zu beschreiben:
z.B.: „A, B, C sitzen ruhig am Platz“
„Du hälst dich an die Melderegel“
Für Kinder, die Lob nicht gut aushalten können, eignet sich Spiegeln besser. Es hilft dem Schüler eine positive Selbstwahrnehmung aufzubauen.
Wörter, die verdeckte Wertungen beinhalten, wie „schon“, „bereits“ sollte man beim Spiegeln nicht verwenden.

• Dem Kind soll eine beschreibende Rückmeldung über das Verhalten/die
Leistung gegeben werden.
• hilft, positive Wahrnehmung aufzubauen
• Spiegelsatz enthält kein Lob, konzentriert sich auf die angemessenen Anteile des Verhaltens und gibt darüber Rückmeldung
• Im Idealfall:
– Beschreibung des Verhaltens
– Erinnerung an den Fortschritt oder die Bestätigung
– Aufrechterhaltung der Anforderung

Gewünschtes Verhalten wird operationalisiert, da es beschrieben wird.

4. Umlenken und Umgestalten
Umlenken: die Konzentration der SchülerIn wird wieder auf den Unterrichtsgegenstand gelenkt; (Zur Aufmerksamkeit zurückführen: Lob, Humor, Zunicken, Hilfsangebot …)
Umgestaltung: eine Aufgabe wird so umgestaltet, dass die SchülerIn sie bewältigen kann; (Hilfsmaterial, Aufgaben zusammenfassen oder kürzen)
wichtig: auf erste Anzeichen des Schülers achten und angemessen darauf reagieren

5a. Regeln 
Regeln sollten als Gebote formuliert werden, die das erwünschte Verhalten beschreiben;
das Verhalten sollte beobachtbar sein;
Regeln beginnen mit „Ich“ oder „Wir“ und gelten für SchülerInnen und LehrerInnen;

Regeln gilt es positiv zu formulieren, d.h. das zu erwartende Verhalten sollte formuliert werden, statt das zu Vermeidende:
z.B. statt „Du sollst keine Schimpfwörter benutzen“

„Ich spreche freundlich mit meinen Mitschülern“
statt „Du sollst nicht reinrufen“

„Ich melde mich, wenn ich etwas sagen möchte“

Das positive Formulieren von Regeln hat zwei Gründe:
Wenn das erwünschte Verhalten formuliert wird, wird dieses auch visualisiert.
Bei einer Negativformulierung („Wir sollen nicht streiten“), wird auch das Bild eines Streits hervorgerufen). Immer das was benannt wird, wird auch visualisiert.
Bei einer Negativformulierung, weiß ein Schüler zwar was er nicht tun soll („Du sollst nicht schlagen“) aber er weiß nicht, was er stattdessen tun könnte. Dies ermöglicht das Formulieren des erwünschten Verhaltens („Ich spreche freundlich mit meinem Mitschülern und behandle diese freundlich“).

Regeln über Regeln:
Eine Regel enthält ein Gebot, kein Verbot.
Eine Regel ist einfach, konkret, bildhaft und beschreibt das zu erwartende Verhalten.
Das erwartete Verhalten sollte beobachtbar sein.
Kurze Regeln ohne Nebensätze!
Vollverben benutzen (sprechen, spielen, … ), kein „sollen“, „müssen“, „versuchen“, etc.!
Eine Regel wird durch „ich“ und „wir“ persönlicher (kein „man“)!
Regeln gelten für Schüler und auch für Lehrer!

5b. Rituale
Etwas ist ritualisiert, wenn für die Schüler klar ist, dass etwas immer so gemacht wird. Rituale dienen der Strukturierung des Schulalltags, geben Sicherheit und schaffen Verbundenheit.

 Rituale dienen der Strukturierung des Schulalltags.
• Sie sind meist nicht schriftlich festgehalten.
• Sie sind weniger rational und haben mehr emotionale Qualitäten.
• Sie vermitteln Transparenz, Sicherheit, Berechenbarkeit.
• Tradition

Rituale können bestimmte Positionen einnehmen:
• in der Zeit (Tagesrhythmus, Wochenrhythmus, Jahresrhythmus)
• im Raum (Bereiche für bestimmte Aktivitäten)
• in der Abfolge (Unterrichtsaktivitäten)
• im Aufbau (einer einzelnen Unterrichtsaktivität, z.B. dem Frühstück)
• in Krisen (Streit-Schlichtung)
• bei besonderen Anlässen (Geburtstagen, etc.)
Beispiele: Toilettenampel, Hilfetafel, Geburtstagskrone,
pro Tag ein oder mehrere „Glückskinder“

6. Grenzen setzen
Kinder benötigen Grenzen als Orientierungshilfe, fordern diese sogar mitunter ein: „Zeig mir Grenzen, damit ich mich daran reiben kann!“
Setzen Sie Grenzen aus gebotener Distanz, nicht aus Ärger oder persönlicher Verletztheit;
Prinzipiell ist es einfacher, eine Grenze früh zu setzen, bevor eine Krise sich hochschraubt;
wichtig: Beschreiben Sie, was Sie erwarten;Eine Grenzsetzung kann sowohl Aktion als auch Reaktion sein.

• Grundsatz: wenn ich mich daran halte, passiert mir nichts, ich gewinne Sicherheit und bin akzeptiert
• Grenzen immer frühzeitig setzen, bevor unkalkulierbare Situationen entstehen

Wichtig bei einer Grenzsetzung ist:
Der Lehrer muss distanziert bleiben, d.h. nicht aus Verletztheit oder Ärger handeln.
Die Grenzsetzung darf nicht als Strafe für die Schüler vermittelt werden

Grenzen setzen durch:
Konfrontation
– zeigen Konsequenzen auf, die im Notfall auch eintreten, Lehrer sollte sachlichen Ton haben und mit Haltung gegenüber dem Kind vermitteln: „Dein Verhalten im Moment ist nicht in Ordnung, aber ich achte dich weiterhin…“

Bewusstes Ignorieren
– empfiehlt sich nur, wenn die Störung damit beseitigt werden kann,     funktioniert nicht bei deutlichen Provokationen,

Hilfsangebot
– angemessen bei unangemessenen Verhalten, welches auf Versagensangst beruht

Erinnern an Regeln
– verbunden mit Appell an Wir- Gefühl kann Bindung fördern (“Wir hier in     unserer Klasse“)

Herausnahme aus dem Raum
– Auszeiten anbieten, bei offener Tür kein Problem der Aufsichtsregelung
Ermahnungen – verfehlen oft ihre Wirkung (Tip: Wortlaut ändern), mit Gegenwehr der Schüler muss ab einem bestimmten Alter gerechnet werden

7. Motivieren durch Materialien 
Material, das SchülerInnen begeistert und leicht handhabbar ist, führt oft quasi nebenbei zu konstruktivem Verhalten;
alles, was konkret im Unterricht behandelt wird, ist besser als jedes Bild oder Modell davon;
Ideal: das Material ist so beschaffen, dass es in sich den Erfolg sicherstellt;

• Materialen nutzen, die zum aktiven Umgang einladen.
Wichtig: erfolgreicher Umgang im Sinne der Arbeitsauträge sichert aktive und konstruktive Teilnahme am Unterricht
Konkrete Gegenstände sind anregender für Schüler als Bilder
Einführung in das Material sollte möglichst knapp sein, Umgang kurz demonstrieren, absichern das Arbeitsauträge verstanden wurden, reduzierte Wahlmöglichkeiten für den Umgang mit dem Material
Materialien können Unterricht deutlich strukturieren, können aber auch Chaos provozieren
• Beispiele nur kurz zeigen und nicht zu perfekt.
• Wenn das Material Erfolg sichert, werden Belohnungen überflüssig, gelungene und gewürdigte Ergebnisse sind Erfolg genug.

8. Konfliktgespräche
sehr anspruchsvolle Intervention, nur reaktiv;
Die drei ungünstigsten Einlassungen bei Konfliktgesprächen lauten:
1. Warum hast du das gemacht?
2. Wollen wir doch mal klären, was in Wirklichkeit passiert ist.
3. Siehst du ein, dass du es nicht wieder tun sollst?

1. Situation strukturieren
2. Gesprächseröffnung
3. Herausfinden des zentralen
Problempunktes
4. Eine Lösung, die auf (für den Schüler) wichtigen Werten basiert
5. Erfolg der Lösung planen
6. Rückkehr vorbereiten

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