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  • Reihe „Medien in der Krise“: Es ist Zeit aufzuwachen: Sonst verschläft der klassische Journalismus, während die digitalen Medien schon längst wach sind.

    Reihe „Medien in der Krise“: Es ist Zeit aufzuwachen: Sonst verschläft der klassische Journalismus, während die digitalen Medien schon längst wach sind.

    Sinkende Verkaufspreise, steigende Produktionskosten. Für den klassischen Journalismus wird es immer schwieriger, sich über Wasser zu halten, denn die digitalen Angebote sind enorm und wachsen stätig. Doch bedeutet die Digitalisierung wirklich das Ende für den klassischen Journalismus? Nein, nicht unbedingt, denn wir brauchen den Journalismus, vielleicht in veränderter Form und anders vermarktet, aber wir brauchen ihn!

    Ein Essay von LETICIA NAJDA, 13. Jahrgang

    Die Zeitung. Früher hat sie jeder gelesen und aus ihr bekam man die Informationen. Aber was ist heute? Durch die digitalen Angebote bekommt man Informationen von überall. Da fragt man sich natürlich: Wieso sollte ich noch die Zeitung kaufen? Aber genau darin liegt das Problem: Jeder kann verbreiten, teilen und lesen, was er möchte. Im Internet gibt es keine Kontrolle und auch keine Transparenz. Für eine neutrale Berichterstattung ist guter Journalismus essenziell und wichtig. Es erfordert ein Umdenken in der Gesellschaft und eine Umstrukturierung in der Medienbranche, damit klassischer Journalismus weiter existieren kann.

    Bild 1: Pörksen schlägt „Medienwissenschaft“ als Schulfach vor.

    Durch das Internet wird jeder zum Sender und zum Empfänger. Dies stellt auch der Medienwissenschaftler Pörksen fest. Also kann jeder teilen, was er möchte, ohne dass diese Informationen in irgendeiner Hinsicht kontrolliert werden. Diese Möglichkeit macht es fast unmöglich die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Außerdem gibt es wenig Regelungen und Vorschriften, wodurch teilweise auch unangebrachte Informationen oder Bilder geteilt werden. Und genau das stellt ein riesiges Problem dar: Menschen nehmen Informationen auf, ohne zu wissen, ob diese der Wahrheit entsprechen oder nicht. Zusätzlich werden immer mehr „Fake News“ verbreitet, allein für die Klicks. Der Fokus steht nicht mehr auf qualitativer und neutraler Berichterstattung, sondern viel mehr darauf, möglichst viel Aufmerksamkeit durch die Informationen, die man teilt, zu bekommen. Aber was dagegen tun? Nur „das“ glauben, was man für die Wahrheit und richtig hält? Wohl nicht! Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen guten Journalismus erkennen und so von schlechtem abgrenzen können. Die Menschen sollten die Prinzipien von gutem Journalismus kennen und sie sollten die Grundsätze des Journalismus verstehen, anwenden und umsetzten können. Die Vorstellung einer „redaktionellen Gesellschaft“ hat der Medienwissenschaftler Pörksen in seinem Kommentar „Alle müssen Journalisten sein“ bereits aufgegriffen. Dieser schlägt „Medienwissenschaft“ als Schulfach vor, damit die Grundsätze und Prinzipien des Journalismus ein Teil der Allgemeinbildung werden. Dadurch würde man es schaffen, dass die Menschen bewusster mit den digitalen Medienangeboten umgehen und dadurch auch neutrale und gute Berichterstattung erkennen können. Wenn „Medienwissenschaft“ ein Teil der Allgemeinbildung wäre, dann hätten „Fake News“ viel weniger Macht als jetzt und generell würden sie weniger Aufmerksamkeit bekommen.

    Natürlich wird es schwer diese Vorstellung umzusetzen, da auch die älteren Generationen, die nicht mehr zur Schule gehen, Initiative zeigen und sich eigenständig mit dem Thema befassen müssten. Allerdings wäre es eine Möglichkeit Workshops und Weiterbildungskurse anzubieten, wie wir es beispielsweise von Erste-Hilfe-Kursen oder Sprachkursen kennen. Dennoch sollte jeder Bürger daran interessiert sein, gut informiert zu werden, da dies dazu beiträgt, dass unsere Demokratie funktioniert. Denn nur, wenn man informiert ist, kann man Vorgänge verstehen, mitreden und sich eine eigene Meinung bilden, die dann vielleicht sogar Lösungsvorschläge hervorbringt.

    Bild 2: Verschlafen die etablierten Medien?

    Dass die Mediennutzung in den letzten Jahren stark zugenommen hat, ist kaum zu leugnen und wird deutlich am Beispiel eines jeden selbst. Denn z. B. nutzen wir das Handy heute viel mehr als früher. Das liegt daran, dass vielen Branchen eine Digitalisierung vorangetrieben haben und es weiterhin tun. Früher kaufte man CDs, heute hört man Spotify. Früher kaufte man DVDs, heute schaut man Netflix. Früher las man Zeitung, heute liest man auf Soical Media. Aber ist die Digitalisierung schlecht? Nein! Viele Branchen haben sich auf diesen Umbruch eingestellt und begannen ihre Produkte anders zu verkaufen. Das beste Beispiel dafür sind die Musik- und die Filmbranche. Anstatt zuzuschauen, wie die Verkaufszahlen immer weiter sinken, haben diese Branchen digitale Alternativen entwickelt. Dieses stellt auch der Medien- und Literaturwissenschaftler Hörisch in seinem Kommentar „Heute sind Journalisten als Barkeeper gefragt“ fest. Und warum passiert das Gleiche nicht mit dem Journalismus? Journalismus ist ebenfalls eine Branche, die alle Altersgruppen nutzen und auch auf die alle angewiesen sind. Denn auch Jugendliche informieren sich und vertrauen dabei meist nur den öffentlich-rechtlichen und traditionellen Medien. Dies stellt die JIM-Studie fest, die sich mit der Mediennutzung von Jugendlichen beschäftigt hat. Außerdem zeigt sie, dass auch die Mediennutzung allgemein bei den Jugendlichen steigt. All diese Argumente sprechen für eine Digitalisierung der Medienbranche. Aber wo liegt das Problem? Digitalisierung bedeutet ja nicht das Ende des traditionellen Journalismus, ganz im Gegenteil. Dadurch öffnen sich viele neue Möglichkeiten. Aber die traditionelle Medienbranche ist dabei zu verschlafen. Die Digitalisierung passierte nicht über Nacht. Aber es ist ein Umbruch, der schon seit langem bekannt ist. Viele Studien zeigen, dass der Trend immer weiter steigt. Diese Entwicklung stellt auch der Medienwissenschaftler Dengler fest.  Es ist also höchste Zeit für Veränderungen. Um dieses umzusetzen sollte nicht allzu schwer sein, denn schließlich gibt es, wie bereits genannt, Vorreiter und Beispiele aus anderen Branchen. Es ist für die traditionellen Medien einfach wichtig, ihre Produkte in „veränderter Form anderes zu vermarkten“, so Hörisch, also digitale Angebote zu schaffen, sich auf den Umbruch einzustellen. Dann kann auch der traditionelle Journalismus weiter existieren. Denn trotz der Digitalisierung sollten die Grundsätze des traditionellen Journalismus weiterhin beachtet und angewandt werden, denn nur so wäre eine Umgestaltung der Branche auch effektiv und nützlich. Schließlich sollte die gute Arbeit erhalten bleiben und nur das Produkt sollte man verändern. Denn egal ob digital oder traditionell, Journalismus sollte qualitativ gut sein, um die Funktionen der Medien zu erfüllen und die Leser/-innen zufrieden stellen und neutral zu informieren.

    Die Qualität sollte gleichbleiben. Also sollten auch die Grundsätze der traditionellen Arbeit erhalten werden. Doch das ganze 1:1 umzusetzen wird schwer. Denn die Digitalisierung fordert in gewisser Weise auch einer Veränderung der Arbeit. Dieser Aspekt betrifft aber nicht nur den Journalismus, sondern auch viele andere Berufe. Denn durch die Digitalisierung verändern sich viele Arbeitsplätze. Aber damit muss man lernen umzugehen, sich z. B. weiterbilden oder umschulen. Die Veränderung der Arbeit bedeutet aber nicht, dass man das einmal gelernte „Alte“ nicht mehr braucht. Nein, im Gegenteil. Die Kombination macht es. Schaut man sich beispielsweise die Fließbandarbeiter an: Ihre Arbeit wird immer mehr von Robotern übernommen. Um diese aber zu programmieren und zu konstruieren, nutzte man die Erfahrungen der Arbeiter, um den Vorgang zu optimieren. Die Roboter ersetzten zwar Arbeiter, aber durch sie entstehen auch neue Arbeitsplätze. Um diese auszuüben, muss man allerdings bereit sein sich umzuschulen und weiterzuentwickeln. Ein Prozess, vor dem viele Angst haben, verständlicherweise. Aber er ist unausweichlich.

    Fast genauso kann man diese Entwicklung auch auf die Medienbranche beziehen. Damit traditioneller Journalismus weiter existieren kann, muss die Arbeitsweise verändert werden. Der Medienwissenschaftler Hörisch beschreibt dieses in seinem Kommentar „Heute sind Journalisten als Barkeeper gefragt“. Er macht deutlich, dass früher die Journalisten die „Gatekeeper“ waren. Also darüber bestimmten, welche Informationen wann und wie verwendet und veröffentlicht werden. Heute übernehmen wir alle diese Funktion durch das Internet. Die Veränderung des Berufes liegt darin, aus den bereits bestehenden Informationen einen gut recherchierten und neutralen Bericht zu erfassen, der es dem Leser ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Hörisch beschreibt die neue Funktion der Journalisten als „Barkeeper“.  Also aus den vorhandenen Mitteln etwas Gutes und qualitativ Hochwertiges zu mischen.

    Die Digitalisierung zwingt also zu neuen Arbeitsweisen. Aber nicht nur das. Denn der Journalismus wurde durch die Digitalisierung immer mehr kritisiert. In einem Geschwirr von „Fake News“ und Social Media verliert man schnell den Überblick. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll, und wird immer skeptischer und kritischer. Viele Menschen verlieren dadurch das Vertrauen. Ein Fall, wie der von Relotius, untermauert das Misstrauen gegenüber den traditionellen Medien zusätzlich.  Deshalb ist es sehr wichtig für Journalisten zu zeigen, dass die Leser ihnen vertrauen können. Dies gelingt vor allem durch mehr Transparenz. Auch der Journalist und Medienwissenschaftler Haller appelliert, den Fokus mehr auf die Funktionen von Medien zu setzten und sich an Richtlinien wie den Pressekodex zu halten. Er schlägt vor, dass die Medienbranche unabhängiger und differenzierter werden sollte. Zusätzlich kritisiert er die Konfliktangst mancher Journalisten. Eine Erkenntnis, die wichtig ist und zeigt, wie es Journalisten gelingt das Vertrauen der Leser zurück zu gewinnen. Denn es steht außer Frage, dass die Medienbranche das Vertrauen der Leser braucht, um weiterhin zu überleben. Die Qualität sollte wieder in den Vordergrund gestellt werden. Ein positives Beispiel dafür ist die „New York Times“. Dies macht auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede für die Verleihung des Marion Dönhoff Preises, deutlich. Über die Jahre hinweg war sie eine Zeitung, der die Leser vertrauten. Die sich durch Qualität und besonders gute Recherche auszeichnete und die heute von ihrer Arbeit profitiert. Ohne das Vertrauen der Leser nutzen alle anderen Bemühungen nichts. Denn wenn man keine treuen Leser hat, braucht man auch keine Umstrukturierung oder Ähnliches. Denn schließlich lebt der Journalismus davon, gelesen zu werden.

    Die Digitalisierung erweitert die Möglichkeiten von uns allen. Uns wird in einer immer schnelllebigen Zeit, mit einer immer größeren Auswahl, mehr geboten. Allgemein kann man sagen, dass die Digitalisierung eine Bereicherung für unsere Leben ist. Aber trotzdem sollte man ihr nicht blind vertrauen. Das beste Beispiel ist, wie durch den Text klargeworden, der Journalismus. Es erfordert eine klare Differenzierung von „echtem“ Journalismus zu dem „Möchtegern“-Journalismus im Internet. Dass die Digitalisierung der Medienbranche noch nicht so umgesetzt wurde wie in anderen Branchen, ist ein Problem, welches uns alle betrifft. Denn wenn dieses nicht in Zukunft geschieht und der traditionelle Journalismus verschwindet, weil die Konkurrenz im Internet überwiegt, dann müssen wir selbst die Aufgabe der Journalisten übernehmen. Vielleicht erkennt man die Wichtigkeit erst, wenn der Journalismus verschwindet, aber so weit darf es nicht kommen. Es gilt also für jeden von uns den traditionellen Journalismus zu unterstützen, aber gleichzeitig auch darauf aufmerksam zu machen, wie dringend eine Umstrukturierung ist. Es wäre wünschenswert z. B. über die Medien diese Forderungen zu verbreiten, damit allen bewusst wird, wie wichtig der Erhalt und die Digitalisierung dieser Branche ist. Denn sonst können wir uns in Zukunft nicht darauf verlassen, dass die Informationen, die wir lesen, die Aufgaben der Medien erfüllen, Richtlinien einhalten oder überhaupt stimmen. Es wird eine Herausforderung für die Journalismus-Branche. Aber dieser Prozess ist unausweichlich und essentiell. Für uns und die Journalisten.

  • Reihe „Medien in der Krise“: Bedeutet das Internetzeitalter das Ende des klassischen Journalismus?

    Reihe „Medien in der Krise“: Bedeutet das Internetzeitalter das Ende des klassischen Journalismus?

    Die Vorbehalte gegenüber der Zeitung, egal ob analog oder digital, sind auf den ersten Blick verständlich. Wenn wir es jedoch richtig angehen, wird die Zeitung als seriöses Informations- und Unterhaltungsmedium keinesfalls ihre Rolle einbüßen. Ein Plädoyer für eine Zeitung, die den zukünftigen Herausforderungen in einer demokratischen Mediengesellschaft gerecht wird. 

    Ein Essay von VERONIKA DUDZIK, 13. Jahrgang

    Obwohl der klassische Journalismus in Form von Printmedien zunächst dem Onlinejournalismus zutiefst ähnelt, hat das Einhalten der Grundprinzipien der informativen Branche und deren Absichten, eine heftige Veränderung durchlebt. Das Blatt hat sich gewendet und so sind es nicht mehr die Kunden, die sich um das Blatt, die Zeitung schlagen, sondern vielmehr die Journalisten, die kontinuierlich darum kämpfen müssen, die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Bürgers zu gewinnen. Da der Versuch des Vertrauensaufbaus in einer informationsüberfluteten Welt, in der die Menschen sensationsgesteuert funktionieren, nicht mehr ausreicht, um das Interesse eines breiten Spektrums der Gesellschaft zu erlangen, wird also oftmals auf andere Methoden umgerüstet.

    Statt seriöser, objektiver Nachrichten, die dem Bürger zu mehr Demokratie verhelfen, indem sie ihm einen freien Spielraum zur Meinungsbildung bieten, werden überspitzte Informationen wiedergegeben. Spektakuläre Titel erscheinen in dramatischer Größe auf den Titelseiten und es wird über weltberühmte Persönlichkeiten diskutiert, wobei das Wesentliche, das, was das Leben des Bürgers im Hier und Jetzt ausmacht, leider zu wenig Sensation enthält. Dass aber die Wahrung des klassischen Journalismus derweil in Zukunft nötiger als je zuvor ist, bleibt dabei außer Frage. Was man währenddessen jedoch bezweifeln kann, ist, ob der erblindete Mensch diese Notwendigkeit wahrnimmt. Ob er weiter auf eine gleichgültige Haltung bezüglich des klassischen Journalismus zusteuert und somit sein Ende einleitet, oder aber, ob sich in letzter Minute seine Augen öffnet. Dies lässt sich lediglich vermuten.

    Um sich jedoch der in der Medienbranche „Zeitung“ entstandenen Problematik zu widmen, muss man sich zunächst auf die Wurzeln des Journalismus beziehen und die damit aufkommenden Grundgedanken zur Idee und Funktion des Mediums „Zeitung“ beleuchten. Wie entstand sie? Und was war ihre Funktion, als die Menschen noch keine Zeit hatten, sich von jeder Sensation zu ernähren, da die Arbeit, die Finanzierung der Familie, der Kampf um das Überleben einen solchen Gedanken beim besten Willen nicht entstanden ließen?

    Man glaubt es wohl kaum, aber der klassische Journalismus, dessen Verbildlichung sehr wahrscheinlich die alte, gelbstichige Zeitung mit geschnörkelter Schrift ist, entstand in Deutschland zunächst mit der Idee als objektives, informatives und meinungsbildendes Mittel für die Gesellschaft zu fungieren. Nicht nur das. In Deutschland, als die Zeitung nach Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nahm, verfolgte sie das Ziel des Demokratieaufbaus. Erstaunlich, wo doch das sachliche Informieren in den Medien heutzutage oftmals eher die Minderheit der vorgeführten Informationen ausmacht.

    Es kommt jedoch noch besser: Im späteren Verlauf der Geschichte der Zeitung entstand nämlich sogar ein Leitfaden, um die Funktionen der entstandenen Kommunikationsinstanz nicht zu verfehlen, sondern zu wahren und zu schützen. Demnach lauten die Funktionen des Mediums Zeitung nicht nur auf sachlicher Basis zu informieren, sondern auch zu vermitteln. Hierbei soll die Vermittlung zwischen Politikern und Regierung sowie den Bürgern zu Stande kommen. Die Vermittlung des Willens des Volkes an die regierenden Instanzen wird hierbei als Artikulations- und die umgekehrte als Mitteilungsfunktion bezeichnet. Zuletzt gibt es noch die Kritik- und Kontrollfunktion, die Missstände und korrupte Vorgänge auf wirtschaftlicher, politischer sowie sozialer Ebene aufdecken soll und über Skandale informiert.

    Warum ich diese Funktionsräume betone? Das liegt wohl daran, dass die Medienbranche, wie bereits erwähnt, eine Entwicklung durchlebt hat, in der es fraglich ist, ob diese Funktionen überhaupt noch berücksichtigt werden. Man kann in dem Zusammenhang also durchaus die Frage im Hinterkopf behalten, ob die Zeitung noch immer ihren Basis-Grundsatz verfolgt, oder vielleicht doch eine Entfremdung des Zwecks vorgefallen ist. Und obwohl die sich optimierende und vervielfältigende Presse sich zunächst in vollem Erfolg zu entwickeln schien, gab es einen Zeitpunkt, einen Schnittpunkt, an dem womöglich alles begann, langsam den Bach runterzugehen.

    Bild 1: Das Smartphone als Symbol des digitalen Fortschritts.

    Gemeint ist der Zeitpunkt der Digitalisierung. Und nein, damit meine ich nicht ihren Beginn in den 1930er Jahren, sondern den Zeitpunkt, an dem sie womöglich den größten Durchbruch erlebt hat: Die Geburt des Smartphones. Diesen Moment betone ich im besonderen Sinne, da dieses moderne Endgerät, welches sich schnell unter den Bürgern aus aller Welt verbreitete und die Nutzung des Internets in Windeseile ermöglichte, für die Mehrheit der Bürger zu einem greifbaren Symbol des Fortschritts wurde.

    Und so ging es weiter: Es entstanden die ersten Plattformen, die als „Social Media“ bekannt wurden. Jeder konnte im Internet eigene Informationen preisgeben, jeder konnte auch nach immer mehr Informationen suchen. Parallel dazu die Entwicklung anderer fortschrittlicher Systeme, wie zum Beispiel des Fernsehens, bei dem es immer mehr Sender gab. Überall immer mehr bunte Reklametafeln, Werbung. Und die Menschen begannen darauf einzugehen – das tun sie auch heute noch. Der Wohlstand stieg. Es ging nicht mehr darum was man brauchte, sondern vielmehr darum, was man sich zu erlauben vermochte.

    Somit entstand ein friedlich scheinender Kampf. Ein Kampf um die Aufmerksamkeit, der parallel eine Flut an Informationen auf den Menschen ausübte. Das Gehirn währenddessen war überfordert, begann immer mehr auf Sensationen, auf das, was am Interessantesten schien, zu reagieren. In der Zwischenzeit ging die traditionelle Informationsquelle „Zeitung“ langsam unter. Wie ein sinkendes Schiff. Zu schlicht war sie, zu trocken. In einer informationsüberfluteten Welt, in der wir in Bruchteilen von Sekunden jede Information bekommen können, reagiert das Gehirn nun mal zuerst auf Sensationen. Dieses Verhalten steuert auf keine Änderung zu, denke ich, denn, wie es auch die JIM-Studie besagt, steigt der Medienkonsum der jungen Gesellschaft mit stetiger Geschwindigkeit an. Dies geschieht vor allem im Bereich der sozialen Medien, während das mobile Endgerät, welches ursprünglich der Information dienen sollte, kaum noch zu Informationszwecken genutzt wird.

    Ein daraus entstehender Teufelskreis ist wahrscheinlich die Reaktion einiger „heldenhafter“ Journalisten, die in all dem Trubel und Tumult versuchen doch noch die Aufmerksamkeit der Rezipienten zu erlangen. Dies tun sie, indem sie besonders kreativ, aber auch besonders unseriös handeln. Sie beginnen, immer wildere Titel zu verfassen, vermitteln Fake News, werden zu Hochstaplern, wie wir es aus dem Fall Relotius kennen. Stellt sich nur noch die Frage, ob sie dies tun, da sie die Aufmerksamkeit des Publikums gegenüber der Presse, oder doch lieber ihr eigenes Aufsehen erlangen wollen.

    Eins kann ich sagen, beide Optionen scheinen nicht optimal, eher fatal. In der heutigen Zeit, wo wir ständig mit Idealen konfrontiert werden, wollen Menschen Ansehen erlangen, etwas erreichen und der Journalist, dessen Texte am aufregendsten sind, nicht am sachlichsten und demokratischsten, erlangt Erfolg. Hierbei kann man abermals auf den von allen Seiten bewunderten Claas Relotius eingehen, der im Sinne seines eigenen Erfolges agierte. Diese Anpassungen an die moderne Gesellschaft und der Versuch, die Aufmerksamkeit der Leser zu fangen, wirken sich negativ auf die Branche der Zeitung aus. Es ist klar, dass es in Fällen solcher Verstöße, und weiterer auftretender Faktoren zum Vertrauensverlust der Menschen kommt. Die Mühe nach Aufmerksamkeit wirkt sich also gegensätzlich aus, der umgekehrte Effekt wird erzielt. Somit lässt sich als Wirkungsfeld zur Rettung der Medienbranche, nur noch auf den Vertrauensaufbau der Journalisten bezüglich ihres Publikums hoffen. Wie lässt sich das schaffen?

    Bild 2: Das Vertrauen in die etablierten Medien ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie.

    Bernhard Pörksen, ein deutscher Medienwissenschaftler, schlägt die „redaktionelle Gesellschaft“ vor. So müssen in einer redaktionellen Gesellschaft die grundlegenden Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung werden. Jochen Hörisch, Germanist und ebenfalls Medienwissenschaftler, appelliert an die Journalisten, ihre Arbeit zu optimieren, um das Vertrauen der Leser wiederzugewinnen. Beide Ansätze sind durchaus umsetzbar, so könnte beispielsweise das Fach „Medien“ Eingang in den schulischen Kanon finden. Aber reicht das? Für mich stellt sich die Frage, ob in der heutigen Gesellschaft der Rückgewinn des Vertrauens in die klassischen Medien ausreicht. Man muss nämlich beachten, dass selbst der Rückgewinn des Vertrauens der Rezipienten die Zeitung eher nicht zum Leben erwecken wird. Dies gilt insbesondere für Jugendliche. So demonstiert die JIM-Studie auch, dass der Zeitunterschied während der Nutzung des Internets zu seriösen und nicht-seriösen Zwecken extrem variiert. Demnach verbringen Jugendliche wesentlich mehr Zeit in den Bereichen „Social Media“ und „Spiele“, also dort,  wo besonders die Unterhaltung im Vordergrund steht – und nicht die Information.

    Um diesen Gedankengang etwas genauer auszuführen, möchte ich zur näheren Erläuterung auf eine Bemerkung aus meinem persönlichen Leben eingehen. Das Problem der Medienkrise ähnelt in jenem Zusammenhang stark dem einer Vertrauensperson. Oftmals lässt sich bemerken, dass nachdenklichere Menschen, die in ihrem Leben eher in der Masse untergehen, da sie sich auf ernste Gedanken und Situationen fokussieren und in manch einer Hinsicht nur einen geringen prozentualen Anteil ihres Lebens an lockere Gedanken und Aktivitäten verschwenden, als Vertrauenspersonen eingestuft werden. Ihnen wird Vertrauen geschenkt, in Situationen, in denen man es schwer hat. Sie verfügen durch ihre gründlichen Auseinandersetzungen mit dem Ernsten, den Gedankengängen über die Existenz des Menschen und die Funktion seiner Psyche, über ein außerordentliches Menschenverständnis und können in dramatischen Situationen für etwas mehr Sicherheitsgefühl sorgen. Genau diese Menschen sind oftmals aber auch die, die sich von lustigen, vielleicht zum Teil rebellischen oder nicht-systemkonformen Unternehmungen distanzieren. Sie werden stattdessen als Mittel zum Zweck genutzt.  Während man in Problemsituationen sehr auf ihre Hilfe und die gebotene Sicherheit angewiesen ist, befinden sie sich im Alltag, wenn es gut läuft und der Mensch andere Bekanntschaften nutzen kann, um Spaß zu haben, zu feiern und zu trinken, ein sorgenfreies, unbedachtes Leben zu genießen und Adrenalin zu spüren, im Hintergrund. Sie werden allein gelassen.

    Dieses gesellschaftliche Phänomen, denke ich, lässt sich schrittweise auch auf die Medienproblematik der Zeitung, sei es nun digital oder klassisch, übertragen. Die Zeitung befasst sich, und dass sollte sie auch, in ihrem Alltag mit seriösen Dingen. Sie ist nicht auf die erhofften Adrenalin-Kicks aus. Wenn die Menschen sich also von einem Problem eingeschüchtert fühlen, so erhalten sie die Informationen, die ihnen Ruhe und Klarheit und Sicherheit bringen, von den klassischen und etablierten Medien. So war es beispielsweise auch zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall. Die Menschheit war plötzlich einem ganz neuem, unbekanntem und für viele auch furchteinflößendem Geschehen ausgesetzt. Im Alltag, wenn man ein Problem geklärt hat, kehrt der Faktor „Unterhaltung“ an die erste Stelle zurück. Instagram wird dann doch zum Favorit, den man wählt, wenn man zwischen dieser Plattform und beispielsweise der Tagesschau- App entscheidet.

    Genau aus diesem Phänomen, welches aus den Änderungen gesellschaftlicher Strukturen und Umstände sowie den Reaktionsweisen auf Informationen resultiert, ist abzuleiten, dass die Zeitung, egal ob digital oder nicht, eher unwahrscheinlich an einem Interessenzuwachs gewinnen wird. Dies bedeutet nicht, dass sie vollständig untergehen wird. Sie wird für den Menschen trotzdem von notwendiger Bedeutung sein, jedoch nur sporadisch,
    wenn der Interessent sich persönlich durch eine Situation gefährdet fühlt, oder ein spezifisches Anliegen hat, nicht jedoch tagtäglich. Die Zeitung als vielseitiges Medium nimmt somit ihre Rolle als unentbehrliches, aber letztes Mittel zum Zweck ein, wenn Probleme drohen und Anliegen bestehen. Das Ergebnis davon ist somit, dass die Zeitung nur einen minimalen Teil im Leben des Menschen einnimmt. Ob dieses Verhalten nun als kompletter Untergang oder aber als Weiterleben des Mediums am Existenzminimum bezeichnet werden sollte, ist unklar. Ein Untergang im Sinne des Relevanz-Verlustes ist jedoch klar und deutlich zu erkennen. Diese Veränderung wird zudem auch in der Zukunft Folgen haben. Man sollte hierbei vor allem die Auswirkungen auf die Demokratie Deutschlands im Blick behalten. Was wird mit dieser passieren? Ich möchte es mir nicht vorstellen.