Reihe „Medien in der Krise“: Bedeutet das Internetzeitalter das Ende des klassischen Journalismus?

Die Vorbehalte gegenüber der Zeitung, egal ob analog oder digital, sind auf den ersten Blick verständlich. Wenn wir es jedoch richtig angehen, wird die Zeitung als seriöses Informations- und Unterhaltungsmedium keinesfalls ihre Rolle einbüßen. Ein Plädoyer für eine Zeitung, die den zukünftigen Herausforderungen in einer demokratischen Mediengesellschaft gerecht wird. 

Ein Essay von VERONIKA DUDZIK, 13. Jahrgang

Obwohl der klassische Journalismus in Form von Printmedien zunächst dem Onlinejournalismus zutiefst ähnelt, hat das Einhalten der Grundprinzipien der informativen Branche und deren Absichten, eine heftige Veränderung durchlebt. Das Blatt hat sich gewendet und so sind es nicht mehr die Kunden, die sich um das Blatt, die Zeitung schlagen, sondern vielmehr die Journalisten, die kontinuierlich darum kämpfen müssen, die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Bürgers zu gewinnen. Da der Versuch des Vertrauensaufbaus in einer informationsüberfluteten Welt, in der die Menschen sensationsgesteuert funktionieren, nicht mehr ausreicht, um das Interesse eines breiten Spektrums der Gesellschaft zu erlangen, wird also oftmals auf andere Methoden umgerüstet.

Statt seriöser, objektiver Nachrichten, die dem Bürger zu mehr Demokratie verhelfen, indem sie ihm einen freien Spielraum zur Meinungsbildung bieten, werden überspitzte Informationen wiedergegeben. Spektakuläre Titel erscheinen in dramatischer Größe auf den Titelseiten und es wird über weltberühmte Persönlichkeiten diskutiert, wobei das Wesentliche, das, was das Leben des Bürgers im Hier und Jetzt ausmacht, leider zu wenig Sensation enthält. Dass aber die Wahrung des klassischen Journalismus derweil in Zukunft nötiger als je zuvor ist, bleibt dabei außer Frage. Was man währenddessen jedoch bezweifeln kann, ist, ob der erblindete Mensch diese Notwendigkeit wahrnimmt. Ob er weiter auf eine gleichgültige Haltung bezüglich des klassischen Journalismus zusteuert und somit sein Ende einleitet, oder aber, ob sich in letzter Minute seine Augen öffnet. Dies lässt sich lediglich vermuten.

Um sich jedoch der in der Medienbranche „Zeitung“ entstandenen Problematik zu widmen, muss man sich zunächst auf die Wurzeln des Journalismus beziehen und die damit aufkommenden Grundgedanken zur Idee und Funktion des Mediums „Zeitung“ beleuchten. Wie entstand sie? Und was war ihre Funktion, als die Menschen noch keine Zeit hatten, sich von jeder Sensation zu ernähren, da die Arbeit, die Finanzierung der Familie, der Kampf um das Überleben einen solchen Gedanken beim besten Willen nicht entstanden ließen?

Man glaubt es wohl kaum, aber der klassische Journalismus, dessen Verbildlichung sehr wahrscheinlich die alte, gelbstichige Zeitung mit geschnörkelter Schrift ist, entstand in Deutschland zunächst mit der Idee als objektives, informatives und meinungsbildendes Mittel für die Gesellschaft zu fungieren. Nicht nur das. In Deutschland, als die Zeitung nach Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nahm, verfolgte sie das Ziel des Demokratieaufbaus. Erstaunlich, wo doch das sachliche Informieren in den Medien heutzutage oftmals eher die Minderheit der vorgeführten Informationen ausmacht.

Es kommt jedoch noch besser: Im späteren Verlauf der Geschichte der Zeitung entstand nämlich sogar ein Leitfaden, um die Funktionen der entstandenen Kommunikationsinstanz nicht zu verfehlen, sondern zu wahren und zu schützen. Demnach lauten die Funktionen des Mediums Zeitung nicht nur auf sachlicher Basis zu informieren, sondern auch zu vermitteln. Hierbei soll die Vermittlung zwischen Politikern und Regierung sowie den Bürgern zu Stande kommen. Die Vermittlung des Willens des Volkes an die regierenden Instanzen wird hierbei als Artikulations- und die umgekehrte als Mitteilungsfunktion bezeichnet. Zuletzt gibt es noch die Kritik- und Kontrollfunktion, die Missstände und korrupte Vorgänge auf wirtschaftlicher, politischer sowie sozialer Ebene aufdecken soll und über Skandale informiert.

Warum ich diese Funktionsräume betone? Das liegt wohl daran, dass die Medienbranche, wie bereits erwähnt, eine Entwicklung durchlebt hat, in der es fraglich ist, ob diese Funktionen überhaupt noch berücksichtigt werden. Man kann in dem Zusammenhang also durchaus die Frage im Hinterkopf behalten, ob die Zeitung noch immer ihren Basis-Grundsatz verfolgt, oder vielleicht doch eine Entfremdung des Zwecks vorgefallen ist. Und obwohl die sich optimierende und vervielfältigende Presse sich zunächst in vollem Erfolg zu entwickeln schien, gab es einen Zeitpunkt, einen Schnittpunkt, an dem womöglich alles begann, langsam den Bach runterzugehen.

Bild 1: Das Smartphone als Symbol des digitalen Fortschritts.

Gemeint ist der Zeitpunkt der Digitalisierung. Und nein, damit meine ich nicht ihren Beginn in den 1930er Jahren, sondern den Zeitpunkt, an dem sie womöglich den größten Durchbruch erlebt hat: Die Geburt des Smartphones. Diesen Moment betone ich im besonderen Sinne, da dieses moderne Endgerät, welches sich schnell unter den Bürgern aus aller Welt verbreitete und die Nutzung des Internets in Windeseile ermöglichte, für die Mehrheit der Bürger zu einem greifbaren Symbol des Fortschritts wurde.

Und so ging es weiter: Es entstanden die ersten Plattformen, die als „Social Media“ bekannt wurden. Jeder konnte im Internet eigene Informationen preisgeben, jeder konnte auch nach immer mehr Informationen suchen. Parallel dazu die Entwicklung anderer fortschrittlicher Systeme, wie zum Beispiel des Fernsehens, bei dem es immer mehr Sender gab. Überall immer mehr bunte Reklametafeln, Werbung. Und die Menschen begannen darauf einzugehen – das tun sie auch heute noch. Der Wohlstand stieg. Es ging nicht mehr darum was man brauchte, sondern vielmehr darum, was man sich zu erlauben vermochte.

Somit entstand ein friedlich scheinender Kampf. Ein Kampf um die Aufmerksamkeit, der parallel eine Flut an Informationen auf den Menschen ausübte. Das Gehirn währenddessen war überfordert, begann immer mehr auf Sensationen, auf das, was am Interessantesten schien, zu reagieren. In der Zwischenzeit ging die traditionelle Informationsquelle „Zeitung“ langsam unter. Wie ein sinkendes Schiff. Zu schlicht war sie, zu trocken. In einer informationsüberfluteten Welt, in der wir in Bruchteilen von Sekunden jede Information bekommen können, reagiert das Gehirn nun mal zuerst auf Sensationen. Dieses Verhalten steuert auf keine Änderung zu, denke ich, denn, wie es auch die JIM-Studie besagt, steigt der Medienkonsum der jungen Gesellschaft mit stetiger Geschwindigkeit an. Dies geschieht vor allem im Bereich der sozialen Medien, während das mobile Endgerät, welches ursprünglich der Information dienen sollte, kaum noch zu Informationszwecken genutzt wird.

Ein daraus entstehender Teufelskreis ist wahrscheinlich die Reaktion einiger „heldenhafter“ Journalisten, die in all dem Trubel und Tumult versuchen doch noch die Aufmerksamkeit der Rezipienten zu erlangen. Dies tun sie, indem sie besonders kreativ, aber auch besonders unseriös handeln. Sie beginnen, immer wildere Titel zu verfassen, vermitteln Fake News, werden zu Hochstaplern, wie wir es aus dem Fall Relotius kennen. Stellt sich nur noch die Frage, ob sie dies tun, da sie die Aufmerksamkeit des Publikums gegenüber der Presse, oder doch lieber ihr eigenes Aufsehen erlangen wollen.

Eins kann ich sagen, beide Optionen scheinen nicht optimal, eher fatal. In der heutigen Zeit, wo wir ständig mit Idealen konfrontiert werden, wollen Menschen Ansehen erlangen, etwas erreichen und der Journalist, dessen Texte am aufregendsten sind, nicht am sachlichsten und demokratischsten, erlangt Erfolg. Hierbei kann man abermals auf den von allen Seiten bewunderten Claas Relotius eingehen, der im Sinne seines eigenen Erfolges agierte. Diese Anpassungen an die moderne Gesellschaft und der Versuch, die Aufmerksamkeit der Leser zu fangen, wirken sich negativ auf die Branche der Zeitung aus. Es ist klar, dass es in Fällen solcher Verstöße, und weiterer auftretender Faktoren zum Vertrauensverlust der Menschen kommt. Die Mühe nach Aufmerksamkeit wirkt sich also gegensätzlich aus, der umgekehrte Effekt wird erzielt. Somit lässt sich als Wirkungsfeld zur Rettung der Medienbranche, nur noch auf den Vertrauensaufbau der Journalisten bezüglich ihres Publikums hoffen. Wie lässt sich das schaffen?

Bild 2: Das Vertrauen in die etablierten Medien ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie.

Bernhard Pörksen, ein deutscher Medienwissenschaftler, schlägt die „redaktionelle Gesellschaft“ vor. So müssen in einer redaktionellen Gesellschaft die grundlegenden Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung werden. Jochen Hörisch, Germanist und ebenfalls Medienwissenschaftler, appelliert an die Journalisten, ihre Arbeit zu optimieren, um das Vertrauen der Leser wiederzugewinnen. Beide Ansätze sind durchaus umsetzbar, so könnte beispielsweise das Fach „Medien“ Eingang in den schulischen Kanon finden. Aber reicht das? Für mich stellt sich die Frage, ob in der heutigen Gesellschaft der Rückgewinn des Vertrauens in die klassischen Medien ausreicht. Man muss nämlich beachten, dass selbst der Rückgewinn des Vertrauens der Rezipienten die Zeitung eher nicht zum Leben erwecken wird. Dies gilt insbesondere für Jugendliche. So demonstiert die JIM-Studie auch, dass der Zeitunterschied während der Nutzung des Internets zu seriösen und nicht-seriösen Zwecken extrem variiert. Demnach verbringen Jugendliche wesentlich mehr Zeit in den Bereichen „Social Media“ und „Spiele“, also dort,  wo besonders die Unterhaltung im Vordergrund steht – und nicht die Information.

Um diesen Gedankengang etwas genauer auszuführen, möchte ich zur näheren Erläuterung auf eine Bemerkung aus meinem persönlichen Leben eingehen. Das Problem der Medienkrise ähnelt in jenem Zusammenhang stark dem einer Vertrauensperson. Oftmals lässt sich bemerken, dass nachdenklichere Menschen, die in ihrem Leben eher in der Masse untergehen, da sie sich auf ernste Gedanken und Situationen fokussieren und in manch einer Hinsicht nur einen geringen prozentualen Anteil ihres Lebens an lockere Gedanken und Aktivitäten verschwenden, als Vertrauenspersonen eingestuft werden. Ihnen wird Vertrauen geschenkt, in Situationen, in denen man es schwer hat. Sie verfügen durch ihre gründlichen Auseinandersetzungen mit dem Ernsten, den Gedankengängen über die Existenz des Menschen und die Funktion seiner Psyche, über ein außerordentliches Menschenverständnis und können in dramatischen Situationen für etwas mehr Sicherheitsgefühl sorgen. Genau diese Menschen sind oftmals aber auch die, die sich von lustigen, vielleicht zum Teil rebellischen oder nicht-systemkonformen Unternehmungen distanzieren. Sie werden stattdessen als Mittel zum Zweck genutzt.  Während man in Problemsituationen sehr auf ihre Hilfe und die gebotene Sicherheit angewiesen ist, befinden sie sich im Alltag, wenn es gut läuft und der Mensch andere Bekanntschaften nutzen kann, um Spaß zu haben, zu feiern und zu trinken, ein sorgenfreies, unbedachtes Leben zu genießen und Adrenalin zu spüren, im Hintergrund. Sie werden allein gelassen.

Dieses gesellschaftliche Phänomen, denke ich, lässt sich schrittweise auch auf die Medienproblematik der Zeitung, sei es nun digital oder klassisch, übertragen. Die Zeitung befasst sich, und dass sollte sie auch, in ihrem Alltag mit seriösen Dingen. Sie ist nicht auf die erhofften Adrenalin-Kicks aus. Wenn die Menschen sich also von einem Problem eingeschüchtert fühlen, so erhalten sie die Informationen, die ihnen Ruhe und Klarheit und Sicherheit bringen, von den klassischen und etablierten Medien. So war es beispielsweise auch zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall. Die Menschheit war plötzlich einem ganz neuem, unbekanntem und für viele auch furchteinflößendem Geschehen ausgesetzt. Im Alltag, wenn man ein Problem geklärt hat, kehrt der Faktor „Unterhaltung“ an die erste Stelle zurück. Instagram wird dann doch zum Favorit, den man wählt, wenn man zwischen dieser Plattform und beispielsweise der Tagesschau- App entscheidet.

Genau aus diesem Phänomen, welches aus den Änderungen gesellschaftlicher Strukturen und Umstände sowie den Reaktionsweisen auf Informationen resultiert, ist abzuleiten, dass die Zeitung, egal ob digital oder nicht, eher unwahrscheinlich an einem Interessenzuwachs gewinnen wird. Dies bedeutet nicht, dass sie vollständig untergehen wird. Sie wird für den Menschen trotzdem von notwendiger Bedeutung sein, jedoch nur sporadisch,
wenn der Interessent sich persönlich durch eine Situation gefährdet fühlt, oder ein spezifisches Anliegen hat, nicht jedoch tagtäglich. Die Zeitung als vielseitiges Medium nimmt somit ihre Rolle als unentbehrliches, aber letztes Mittel zum Zweck ein, wenn Probleme drohen und Anliegen bestehen. Das Ergebnis davon ist somit, dass die Zeitung nur einen minimalen Teil im Leben des Menschen einnimmt. Ob dieses Verhalten nun als kompletter Untergang oder aber als Weiterleben des Mediums am Existenzminimum bezeichnet werden sollte, ist unklar. Ein Untergang im Sinne des Relevanz-Verlustes ist jedoch klar und deutlich zu erkennen. Diese Veränderung wird zudem auch in der Zukunft Folgen haben. Man sollte hierbei vor allem die Auswirkungen auf die Demokratie Deutschlands im Blick behalten. Was wird mit dieser passieren? Ich möchte es mir nicht vorstellen.

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