Eine Freundschaft mit dem Luchs

Preisträgergeschichte aus dem lila Jahrgang des IGS-Literaturwettbewerbs 2026 von Marlon Borchard

Es war einmal ein Junge, der hieß Gandalf. Er liebte es, draußen zu sein und Abenteuer zu erleben. Sein Vater nahm ihn oft mit auf große Wildnistouren. Gandalfs größter Traum aber war es, allein auf ein Abenteuer zu gehen.

Eines schönen Tages war es dann so weit. Gandalf packte alles ein, was er benötigte. Als er fertig war, brachte ihn sein Vater an einen Fluss, wo ein Kanu lag. Sie verabschiedeten sich und dann stieg Gandalf ins Boot, winkte noch mal zum Abschied und paddelte los. Zwei Tage sollte die Reise dauern und dann wollte ihn sein Vater wieder treffen. Er fuhr den ersten Tag und beobachtete sehr viel – Eisvögel, Biber, Nutrias, Bienenfresser und noch mehr.

Am Abend machte er Halt an einem kleinen, ruhigen Nebenarm des Flusses, der sich durch ein Wäldchen schlängelte. He legte an, baute sein Zelt am Ufer auf und lief in den Wald, um Feuerholz und Beeren zu sammeln. Als er alles fertig und gut gegessen hatte, setzte er sich neben das Feuer und schaute in die Sterne. Irgendwann schlief er ein. Er schlief tief und fest, als er plötzlich ein lautes Knacken aus dem Wald hörte und erschrocken hochfuhr. Gandalf schaute sich um, aber da war nichts. Gerade hatte er sich wieder hingelegt, als es wieder knackte. Er erschrak wieder und zündete eine Kerze an, mit der er vorsichtig auf den Wald zuging. Plötzlich blieb er stehen und sah zu einem großen Hügel, auf dem zwei Augen aufleuchteten. Er erkannte eine Luchsmutter mit ihrem Jungen im Maul. Er blies die Kerze aus und legte sich flach auf den Boden. Die Luchsmutter hatte ihn längst bemerkt und kam mit langsamen Schritten auf ihn zu. Gandalf hielt den Atem an. Als sie nur noch ein paar Meter von ihm entfernt war, blickten sie sich in die Augen. Sie senkte den Kopf und legte das Junge vor Gandalfs Füße. Sie behielt ihn im Blick und drehte sich währenddessen bedacht um. Gandalf war sehr überrascht und erstaunt, sein Herz schlug schnell und laut vor Aufregung. Er überlegte kurz, was das zu bedeuten hat. Doch dann nahm er den Luchswelpen sachte in seine Arme und trug ihn in sein Zelt. Es winselte und zitterte. Beim genauen Hinschauen entdeckte er eine Verletzung an der Pfote. Gandalf reinigte die Wunde und verband sie sorgfältig. Dann gab er ihm ein wenig vom frischen Wasser und legte sich zum Schlafen daneben.

Einige Stunden später, kurz vor dem Morgengrauen, kam das Luchsweibchen zurück und legte sich vor das Zelt in die Nähe von Gandalf und ihrem Kind. Er bemerkte es nicht, denn er schlief wie ein Stein. Als er am nächsten Morgen aufwachte und sich umschaute, erinnerte erst mal nichts an den jungen Luchs, und er wunderte sich im Halbschlaf. Aber als er aus dem Zelt steigen wollte, sah er gerade noch, wie zwei Tiere im Wald verschwanden. Er stand auf, um nachzusehen, ob das alles nur ein Traum war. Aber das war es nicht, denn direkt vor seinem Zelt sah er die Pfotenabdrücke der Luchse im Sand, große und kleine. Was für ein Erlebnis! Er konnte es kaum glauben. Er streckte sich in der Morgensonne und lief fröhlich zum Fluss, um ein kaltes Bad zu nehmen. Danach aß er etwas, packte seine Sachen zusammen und verstaute sie im Kanu. Er breitete die Feuerstelle aus und achtete darauf, dass alle Glut erloschen war. Es konnte weitergehen!

Er paddelte glücklich los, gespannt, was er heute noch erleben würde, und sah kurz darauf ein Auerhuhn am Ufer stehen. Er ließ sich treiben und machte Fotos zur Erinnerung. Sein Vater sollte sehen, was er für eine schöne und aufregende Zeit hatte. Einige Stunden später – es war Nachmittag, und er wusste, dass er sich hier einen Platz für die Nacht suchen sollte, um seinen Vater später zu treffen – kam etwas Großes und Lautloses auf ihn zugeflogen. Er traute sich kaum zu atmen, als er einen Uhu darin erkannte. Er wollte ausweichen, doch der Uhu landete auf dem Bug des Bootes und schaute ihn mit seinen gelben, neugierigen Augen an. Gandalf vergaß zu paddeln und bemerkte nicht, dass er ans Ufer trieb. Es gab einen „Rums“ und er lag mit dem Kanu auf dem Trockenen. Er stieg leise aus und wollte den Uhu nicht verschrecken, um ihn genau beobachten zu können.

Er erkannte in der Ferne die Straße und die Häuser einer Ortschaft. Hier wollte er bleiben und die letzte Nacht seiner Wildnistour mit seinem Vater verbringen. Ob er ihm das glauben wird? Plötzlich stieß der Uhu einen Laut aus und flog davon. Gandalf schaute ihm hinterher und entdeckte am Waldrand abermals die Luchsin mit ihrem Jungen. Es trug noch den Verband, den er ihm letzte Nacht um seine Pfote machte. Er konnte es sich nicht erklären. Sie mussten ihm im Schutz der Uferbüsche gefolgt sein. Als sich Gandalf auf den Boden hockte, kam das Kleine auf leisen Sohlen zu ihm und schleckte ihm die Hand. Gandalf kamen die Tränen vor Freude. So etwas hätte er sich nicht gewagt zu träumen. Das Luchskind legte sich zu seinen Füßen und ließ sich streicheln, während seine Mutter in sicherem Abstand verharrte und die beiden beobachtete.

Nach einiger Zeit begann er, das Zelt aufzubauen und ein Feuer anzumachen, denn es wurde langsam dämmrig und kühl. Der Uhu saß am Waldrand in einer alten Eiche und schaute zu ihnen hinunter. Einige Zeit später hörte er erst eine Autotür und dann schwere Schritte. Das musste sein Vater sein. Gandalf deutete ihm, dass er ganz leise sein solle, und zeigte mit dem Finger auf den kleinen Luchs, der noch immer bei ihm lag. Der Vater blieb stehen und konnte es nicht glauben. Er war fassungslos und sagte keinen Ton. Als er dann langsam näher kam, knurrte vom Waldrand die Luchsmutter und schaute beunruhigt zu ihrem Kind. Das Kleine spitzte die Ohren, als es den Ruf erkannte, drehte seinen Kopf in alle Richtungen, stand auf, streckte sich und sprang vergnügt in Richtung des Waldes.

Der Vater fand seine Sprache wieder, begrüßte den Sohn voller Freude und setzte sich zu ihm ans Feuer. Lange saßen sie dort, grillten Würstchen, aßen frisches Brot und tranken Limonade. Gandalf erzählte ihm von all den unglaublichen Momenten, den vielen Tieren und der Nacht im Wald, als die Luchsmutter das verletzte Kind zu ihm brachte. Es war – und da war er sich sicher – das Größte, was er je erlebt hat und vielleicht auch, was er jemals erleben wird. Spät in der Nacht legten sie sich am Feuer in ihre Schlafsäcke und beobachteten schweigend den Himmel. Tausende Sterne und eine Sternschnuppe, hell und lang… Gandalf wünschte sich natürlich ein neues Abenteuer. Draußen in der Natur, ohne Stadtlärm und viele Menschen. Nur er und die Tiere.