Es ist unsere Schuld
Preisträgergeschichte aus dem lila Jahrgang des IGS-Literaturwettbewerbs 2026 von Hanna Hillebrecht
„Achtung, Wespen!“, schrie mir Claire quasi ins Ohr, und ich duckte mich rasch hinter einen der zahlreichen Trümmerhaufen in der Stadt. Schon hörte ich das Schlagen riesiger Flügel und das Brummen eines Schwarms. Binnen Sekunden schien sich die Sonne zu verdunkeln, und eine Schar an riesigen Wespen, groß wie Autos, flog über uns hinweg.
Ich hörte Josh neben mir leise wimmern, als eines der Tiere langsamer wurde und in den Sturzflug überging. Als das Insekt auf der Straße vor uns landete, musste ich Josh eine meiner Hände vor den Mund schlagen, damit dieser uns nicht verriet. Die Wespe bewegte ihre Fühler in alle Richtungen, und ihre Facettenaugen spiegelten die Umgebung: von den großen, grauen Einkaufszentren, die nach und nach zerfielen, über die Lianen an jeder Straßenlaterne und Kante bis zu den vereinzelten Knochen auf der Straße. Die Wespe breitete mit einem Summen die langen Flügel aus, die die einzige Schwachstelle darstellten, und erhob sich wieder in die Luft, um sich ihren bösartigen Artgenossen anzuschließen. Der Schwarm setzte sich wieder in Bewegung, das Brummen verklang, und die Sonne tauchte unsere Straße wieder in ein warmes Licht. Erleichtert atmete ich aus und löste meine Hand von Joshs Lippen.
„Gut, weiter geht’s!“, bestimmte Claire, und ihr Tonfall war gespielt heiter. Ich warf ihr einen „Echt jetzt? Wir wären gerade fast gestorben“-Blick zu, und sie zuckte bloß mit den Schultern, als wollte sie sagen: „Was denn? Das passiert uns doch ständig.“ Sie hatte nicht ganz unrecht, seit dem Sturm vor einigen Jahren hatte sich unsere Welt verändert und war unwahrscheinlich gefährlich geworden. Die Erwachsenen waren verschwunden, Tiere und Pflanzen waren riesig geworden, starke Erdbeben sorgten dafür, dass auch die letzten Reste menschlicher Zivilisation langsam, aber stetig dem Erdboden gleichgemacht wurden. Seitdem hatten Kinder und Jugendliche angefangen, sich zu Clans zusammenzuraufen. Wir hatten alle Aufgaben, die auf unsere Stärken abzielten. Claire war einer der Fälle gewesen, bei denen sie sich hatte aussuchen können, was ihre Aufgabe sein sollte. Sie hätte sich um die Kleinkinder kümmern können oder mit auf die Suche nach Essen, Kleidung und anderen Dingen gehen, die wir zum Überleben brauchten. Zu unserem Glück hatte sich Claire zu den Suchern gesellt. Sie war ein unglaublich freundlicher Mensch, ein echter Sonnenschein, wenn man so wollte.
Dem Clan, dem wir – der kleine Josh, Claire und ich – angehörten, ging es verhältnismäßig gut. Wir hatten im letzten Jahr kaum Leute an die Tiere oder Pflanzen verloren, anders als andere Clans in anderen Städten, Ländern oder Kontinenten. Wir hatten genügend Nahrung, die sich noch Jahrzehnte halten würde.
„Na los, kommt schon!“, riss mich Claires Stimme aus meinen Gedanken. Sie war schon einige Meter voraus und winkte uns zu, dass wir ihr folgen sollten. Rasch stand ich auf und griff nach der Hand des vierjährigen Joshs, der sie mir auffordernd und ängstlich entgegenstreckte. Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, das nicht falscher hätte sein können, und folgte Claire. Wir folgten ihr in eines der zerfallenden Einkaufszentren, und ich scannte rasch die Umgebung ab. Moose und Gras bedeckten den Großteil des Bodens, Büsche versperrten die Türen zu einem Fast-Food-Laden, einem Handy-Geschäft und einem ursprünglich ziemlich teuren Spielzeugladen. Riesige, bunte Blüten wurden von verhältnismäßig kleinen, armlangen Schmetterlingen umflogen, die versuchten, an etwas von dem Nektar der Blüten zu gelangen. Die blauen Flügel eines besonders großen Schmetterlings schillerten in der hellen Sonne, deren Strahlen durch die großflächigen Lücken in der Decke fielen. Ich blieb kurz stehen, um dem Jungen, der an meinem Arm hing, die Chance zu geben, den durchaus friedlichen Moment in sich aufzunehmen. Seine Augen huschten aufgeregt hin und her und wurden immer größer, je länger er die Szene vor uns betrachtete.
Josh hatte bis vor wenigen Monaten noch zu der Schar an Kindern gehört, die die meiste Zeit ihrer ersten vier Lebensjahre im Untergrund verbrachten. Die Älteren von uns wollten die Verantwortung für so kleine Kinder nicht übernehmen, die meisten hatten genug mit sich selbst zu tun. Claire, ich und einige unserer engeren Freunde gehörten zu den wenigen, die auch mit den Jüngeren Ausflüge an die Oberfläche machten, um ihnen möglichst früh mit den Gefahren vertraut zu machen, die oben auf sie warteten. Sanft zog ich Josh weiter, der gerade zum ersten Mal eine der wenigen friedlichen Szenen in unserer neuen Welt beobachtete. Claire hatte sich bereits daran gemacht, die Lebensmittelgeschäfte nach Brauchbarem zu durchsuchen. Ich erkannte einige Konservenfrüchte in ihrer Umhängetasche und verzog das Gesicht. Langsam konnte ich wirklich keine eingelegten Pfirsiche mehr sehen. Ich leitete Josh in einen anderen Laden und suchte mit ihm nach weiteren Konserven. Nach einigen Minuten, in denen wir schweigend Gänge auf und ab liefen, beobachtete ich mit einem leisen Lächeln, wie Josh zögerlich meine Hand losließ und einige Meter vor mir umherhüpfte.
Einige Zeit später hörte ich ein Schmatzen, und meine Nackenhaare stellten sich auf. „Josh!“, zischte ich, „komm her!“ Der kleine Junge drehte seinen Kopf und starrte mich mit großen, vor Angst geweiteten Augen an. Ich winkte ihn zu mir und bedeutete ihm, wieder nach meiner Hand zu greifen. So leise, wie wir konnten, schlichen wir den Gang herunter, in dem wir standen. Ich drehte mich alle paar Sekunden um und bemühte mich, flach zu atmen. Am Ende des Ganges ließ ich Joshs Hand los und schubste ihn sanft in Richtung des Ausgangs. Er drehte sich zu mir um und schüttelte heftig den Kopf, als ich Anstalten machte, mich umzudrehen. „Such Claire, ich warte draußen auf euch.“ Ich schenkte ihm mein zuversichtlichstes Lächeln und drehte mich um.
Langsam schlich ich den Gang entlang. Zwischen den hohen Regalen wurde ich nicht gesehen, ich konnte aber auch nichts sehen. Ich schlich also bis zum Ende des Ganges, drückte mich gegen das kühle Metall und spähte um die Ecke. Fell. Fell war das Erste, was ich sehen konnte – schwarzes, langes Fell, voller Blätter, Schlamm und Knoten. Das Nächste war die ewig lange Zunge und die spitzen Zähne, die aus der Schnauze des Tieres ragten. Ich traute mich fast nicht, auf den Boden vor ihm zu sehen. Mir war bewusst, dass ich Gefahr lief, entdeckt oder traumatisiert zu werden – bei meinem Glück sogar beides. Ich schluckte meine Angst herunter und heftete meinen Blick auf den Boden, nur um ein Würgen unterdrücken zu müssen, als ich sah, was das riesige Tier verschlang. Es fraß es mit Haut und Haar – wortwörtlich – und ich hörte, wie Knochen zwischen den riesigen Zähnen zermalmt wurden. Mir drehte sich der Magen um, und ich warf einen letzten Blick auf die Hand, die auf dem Boden vor mir lag, und trat den Rückzug an.
Meine Hände auf die Knie stützend, senkte ich den Kopf und erbrach heftig auf den Boden unter meinen Füßen. Nachdem ich den kostbaren Inhalt meines Magens auf das Gras entleert hatte, wischte ich mir mit dem Saum meines Oberteils rasch über den Mund. Ich hatte nicht vor, Josh zu erzählen, dass ich soeben mit angesehen hatte, wie ein riesiger Mutantenhund ein junges Mädchen verschlang, das nicht viel älter als er selbst hätte sein können. Eine Hand tippte mir auf die Schulter, und ich zuckte zusammen. „Ich bin es“, flüsterte eine mir allzu bekannte Stimme, und ich sackte leicht in mich zusammen. Claire strich in sanften, kreisenden Bewegungen über meinen Rücken und murmelte beruhigende Worte vor sich hin. Nach einiger Zeit richtete ich mich wieder auf und überragte Claire um mindestens einen Kopf. Sie war hübsch, gerade jetzt, als sie die Stirn besorgt runzelte und sich fahrig durch das schmutzig blonde Haar fuhr.
„Was hast du gesehen?“, fragte sie angespannt. „Nichts.“ – „Nichts?“ – „Jep, habe wohl was Falsches gegessen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Wir essen seit Wochen dasselbe, du Idiot“, zischte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Ich unterdrückte ein Grinsen, was wohl das Unpassendste gewesen wäre, was ich angesichts des Verlustes, den ich soeben bezeugt hatte, tun können. „Wo ist Josh?“, fragte ich stattdessen und sah mich suchend um. „Er wartet bei den Schmetterlingen“, erklärte sie, und erneut flutete Adrenalin meine Adern. „Scheiße!“, fluchte ich und rannte los. „Was ist denn?“, rief mir Claire hinterher, und ich hörte, wie sie mir folgte. „Da drin ist ein Hund!“, rief ich über meine Schulter zurück. Ich hörte auch sie fluchen und beschleunigte mein Tempo weiter. Ich würde es nicht ertragen können, einen weiteren Freund zu verlieren. Und ja, es war komisch, eigenartig und absonderlich, dass ich einen Vierjährigen als einen Freund betrachtete. Aber unsere ganze Welt war komisch, eigenartig und absonderlich.
Ich passierte den Eingang des Gemäuers und sah Josh vor den großen Blüten sitzen. Erleichtert drosselte ich mein Tempo. Je näher ich Josh kam, desto deutlicher wurde, dass es ihm doch nicht so gut ging, wie ich dachte. Er hatte seine Arme um die angezogenen Knie geschlungen und schaukelte mit leerem Blick hin und her. „Nicht schon wieder“, murmelte Claire und joggte an mir vorbei, um vor dem Jungen auf die Knie zu gehen. „Hey, na“, sagte sie mit einem Lächeln, das erschreckend authentisch aussah, und doch erkannte ich, wie falsch es war. „Kannst du mich hören, Josh?“, fragte sie mit besorgt schief gelegtem Kopf. Keine Reaktion. „Josh?“ Sie legte eine Hand auf seine Schulter und schüttelte ihn sanft. Keine Reaktion. Sie warf mir einen alarmierten Blick zu. „Hey, Kleiner“, sagte ich leise und hockte mich neben Claire auf den Boden. Keine Reaktion.
„Claire, wir müssen hier weg!“, zischte ich und sah mich um. Je länger wir hier warteten, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Sie nickte. „Josh, hör zu. Du hast Angst, und das ist okay. Aber wir müssen jetzt wirklich los. Wir müssen den anderen doch unsere Ausbeute zeigen und von den Schmetterlingen erzählen, oder nicht?“, plapperte sie drauflos, und ich griff nach Joshs Hand. „Komm jetzt“, erklärte ich strenger, als beabsichtigt. Irgendwas an der Strenge in meiner Stimme schien den Schock, unter dem Josh stand, zu lösen, und seine Augen wurden klarer. Er blickte auf, und Tränen füllten seine Augen. „Nicht weinen“, bat ich und hob den Jungen kurzerhand hoch. „Wir sollten jetzt wirklich los!“, drängte ich und strich sanft über Joshs Rücken. He schluchzte leise an meiner Schulter, und es brach mir das Herz, ihn so weinen zu hören. Claire nickte und erhob sich. „Lass uns gehen.“
Die Sonne versank hinter den hohen Dächern der Stadt und tauchte alles in ein sanftes Licht. Ich saß auf einer Dachkante, ließ meine Beine über die Kante hängen und stützte mich auf die Ellenbogen. Hinter mir hörte ich eine Tür klicken und Kleidung rascheln. Claire ließ sich mit einem Seufzen neben mir nieder. „Schläft er?“, fragte ich, und sie nickte erschöpft. „Alle schlafen jetzt. Aber das hätte wirklich schiefgehen können. Wir sollten noch einmal überdenken, ob—“ „Bitte, hör einfach auf“, unterbrach ich sie, und sie verstummte. „Lass uns nur diesen Abend einfach wir sein. Keine Verantwortung, keine Angst und bitte, bitte keine Planänderungen.“ Sie seufzte erneut. Auf Claires Schultern lag genauso viel Verantwortung wie auf meinen. Nur war sie stärker, viel stärker. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich unter der Last zusammenbrechen würde. Also klammerte ich mich an das Wenige, was ich hatte: Claire, Josh und die anderen Kinder – und Wut. Viel Wut. Wut auf meine Eltern, die mich verlassen hatten. Wut auf jene, die die Anzeichen und Warnungen unseres Planeten ignoriert und uns damit ins Unglück gestürzt hatten. Wir hatten unseren außergewöhnlichen, einzigartigen und wunderbaren Planeten über Jahrhunderte hinweg zerstört. Wir hatten immer mehr gewollt, immer mehr genommen und immer weniger zurückgegeben. Wir hatten sie ausgebeutet. Jetzt mussten wir dafür büßen. Die Welt hatte sich zurückgeholt, was ihr gehörte. Bot der neuen Generation jedoch eine neue Chance. Wir gehörten zu jenen, die auserkoren wurden, unserer Existenz eine neue Richtung zu geben. Einen anderen Sinn. Wir wollten nicht mehr ausbeuten. Wir wollten nicht mehr nur nehmen. Wir wollten geben. Wir wollten lassen. Wir wollten leben.
