„Ihr seid nicht verantwortlich für die deutsche Vergangenheit, aber für die Zukunft.“

Eva Weyl, Holocaust-Überlebende des Lagers Westerbork, spricht mit Schülerinnen und Schülern des Leistungskurses Geschichte im Jahrgang 13 am Gymnasium Haren (20.02.2023)

Der Besuch der Gedenkstätte Kamp Westerbork in den Niederlanden ist für den Leistungskurs Geschichte gerade einmal zwei Wochen her, als die niederländische Holocaust-Überlebende Eva Weyl digital via Zoom-Meeting aus Amsterdam zugeschaltet wird und eine etwas andere Form von Geschichtsvermittlung in die Doppelstunde Geschichte trägt. Kurz vor den anstehenden Abiturprüfungen haben die elf Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte mit ihrer Lehrerin Katrin Kleesiek-Herding noch einmal die Möglichkeit genutzt, im Rahmen eines Zeitzeugenvortrages mit einer Überlebenden des Holocaust ins Gespräch und in den direkten Austausch zu kommen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wird es auf einmal still im Klassenraum und allen Anwesenden wird schnell deutlich, dass hier eine beeindruckende Dame von 87 Jahren, eloquent und bewegend ein ergreifendes Bild ihrer Zeit im Lager Westerbork vermittelt. Eva Weyl setzt als eine der letzten Zeitzeuginnen genau dort ein, wo der Besuch der Gedenkstätte Westerbork offene Fragen hinterließ und das Entsetzen über den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg sprachlos machte.
Eva Weyl wurde am 07. Juni 1935 in Arnheim in den Niederlanden geboren. Ihre Eltern sind zuvor aus Deutschland in die Niederlande emigriert. Ihre Großväter kamen bald in die Niederlande nach, wo Eva mit ihrer Familie zunächst eine schöne Kindheit verlebte. 1942 wird sie mit ihren Eltern in das Lager Westerbork geschickt. Von ihren Eltern wurde die damals Siebenjährige so gut es eben ging beschützt, die Eltern versuchen ihre Tochter vor alledem, was um sie herum passierte, fernzuhalten. Einigen glücklichen Zufällen ist es zu verdanken, dass die Familie mehreren Deportationen in die Vernichtungslager im Osten des Reiches knapp entgehen kann, und so blieb Eva Weyl bis zur Befreiung des Lagers durch die Kanadiern am 12. April 1945 in Westerbork.
Bis zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Niederlande am 10. Mai 1940 internierten die Niederländer hier aus dem Reich und aus Österreich geflüchtete Juden. Erst 1942 nach der Wannsee-Konferenz beginnt die SS mit den wöchentlichen Deportationen in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz-Birkenau und in die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Theresienstadt. Auch die Familie von Anne Frank war seit dem 8. August 1944 in der Strafbaracke des Lagers inhaftiert, wie alle jüdischen Gefangenen, die als Untergetauchte in ihren Verstecken entdeckt worden waren. Mit dem letzten Zug am 3. September 1944 werden Anne und Margot Frank nach Auschwitz deportiert. Sie sterben Anfang 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Immer wieder nimmt Eva Weyl die Schülergruppe während ihres sechzigminütigen Vortrags gedanklich mit an den Ort zurück, den diese kurz zuvor als Besucher kennengelernt hatten. Insbesondere den Alltag des Lagerlebens in Westerbork stellt Frau Weyl heraus, denn im gesamten Lager sei den jüdischen Gefangenen eine riesige Täuschung vorgespielt worden. Die meisten Häftlinge hätten ausreichend zu essen gehabt, hatten Arbeit und Ablenkung. Es gab ein Theater, das beste Krankenhaus in der Umgebung, sportliche Aktivitäten und eine Schule, die Eva Weyl damals besuchen konnte.
Ausführlich berichtete sie über diese Täuschungsstrategie des damaligen Lagerkommanden SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker, der mit dieser perfiden Strategie im Lager keine Unruhen aufkommen lassen wollte. Menschen seien in Westerbork nicht ermordet worden und selbst diejenigen, die zu fliehen versuchten, habe man unversehrt zurückgebracht, um sie dann aber mit dem nächsten Deportationszug in Richtung Osten in die Vernichtungslager zu bringen. „Die Gerüchte, was dort passiert, sprachen sich zwar bis zu uns rum, aber keiner konnte das glauben“, sagte Frau Weyl.
Heute sei es ihre Lebensaufgabe geworden, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichte zu erzählen. Bis zu jährlich 50 Veranstaltungen dieser Art bringe sie mit deutschen Schülern und Schülerinnen zusammen. „Ihr seid meine Zweitzeugen, denn uns Zeitzeugen gibt es nicht mehr lange. Dann müsst ihr erzählen, was wir dann nicht mehr können“, lautete ihre eindrückliche Mahnung an die Schüler und Schülerinnen.


Die aktuelle politische Lage und der Antisemitismus bereite ihr Sorge. So etwas wie zur Nazizeit dürfe sich nicht wiederholen. „Nie wieder Auschwitz!“, appellierte sie. „Der Antisemitismus war keine deutsche Erfindung, aber Auschwitz war es.“
Dem Gymnasium Haren dankte Frau Weyl für die Möglichkeit, vor den Schülern sprechen zu können. Sie sei so dankbar und froh, dass Erinnerungskultur lebendig bleibe und insbesondere GeschichtslehrerInnen ihre Schüler mit dieser Form der Auseinandersetzung vertraut machten. „Ihr seid nicht verantwortlich für die deutsche Vergangenheiten, aber für die Zukunft“, gab sie dem Kurs zum Abschied als Botschaft mit.
Ganz besonders dankbar sind wir Frau Weyl für ihre außergewöhnliche Bereitschaft, den Besuch des Jahrgangs 10 am Gymnasium Haren im Juni 2023 in Westerbork aktiv begleiten zu wollen. Sofern sie dann gesundheitlich fit sei, mache sie sich gerne auf den Weg von Amsterdam nach Westerbork, wo sie die Schülergruppen auf dem Lagergelände begleiten und von ihrem Leben berichten werde.

Bilder vom Besuch des Leistungskurses Geschichte in der Gedenkstätte Westerbork am 06.02.23

Katrin Kleesiek-Herding