Schlagwort: Fake News

  • Reihe „Medien in der Krise“:  Was tun wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation?

    Reihe „Medien in der Krise“: Was tun wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation?

    Dass die Verkaufszahlen der klassischen Zeitung seit 1991 kontinuierlich sinken und das Internet eben nicht ein Neuland ist, sondern gerade für die jetzigen und kommenden Generationen ein natürliches Habitat ist, sollte keine Neuigkeit sein. Ob damit auch ein Exitus des klassischen Journalismus einhergeht, darüber gibt es gerade einen Diskurs.

    Ein Essay von JEREMY BEN ZIMMERMANN, 13. Jahrgang

    Zwei Medienwissenschaftler stehen besonders im Fokus: Dr. Bernhard Pörksen und Dr. Jochen Hörisch. In seinem „Zeit“-Kommentar von 2018 erklärt Pörksen, dass die Autorität des klassischen Journalismus gesunken sei. Jeder sei praktisch zum Sender geworden, da er über die digitalen Netzwerke wie Twitter, Facebook etc. seine Meldungen verbreiten kann. Um den Autoritätsverlust aufzuwiegen, schlägt er vor, dass man die Normen und Prinzipien des klassischen Journalismus in allgemeingültige, von der Gesellschaft angenommene, Werte überträgt. Zu diesen Prinzipien gehört unter anderem recherchieren, analysieren, vorurteilsfrei sein, skeptisch sein und die beiden antiken Lehren „credo auditur et altera pars“ (ich glaube, man höre auch den anderen Teil) und „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten).

    Darüber hinaus fordert Pörksen Reformen im Bildungswesen, im Medienbetrieb und im Plattformvertrieb. Eine Forderung in der Schule ist beispielsweise ein Fach namens „angewandte Irrtumswissenschaften“, in diesem Fach würde man dann das Erkennen von Fälschungen und Fehleinschätzungen unterrichten.  Auch solle man vermehrt Rhetorik in den Fokus der Lehre rücken, um so besser vor Desinformation, Propaganda und Manipulation gewappnet zu sein. Im Medientbetrieb fordert er zudem eine grundsätzliche Vermittlung der Qualität einer Quelle und immer eine Anregung zum Dialoge. Bei den Plattformen möchte Pörksen verschiedene Ombudsgremien und unter anderem einen Plattformrat (quasi mit ähnlicher Zusammensetzung und Befugnisse wie der Presserat) einführen. Juristische Mittel sollten Pörksens Ansicht nur die ultima ratio sein.

    Bild 1: Der Autor plädiert für ein neues Schulfach.

    Ich stimme zu, ein neues Schulfach namens „angewandte Irrtumswissenschaften“ und mehr Rhetorik könnte durchaus nützliches Wissen für die Schüler vermitteln. Doch wäre es erstmal sinnvoll, die Lehrer im Umgang mit digitalen Medien zu unterrichten und ein elementares Wissen über die Funktionen und Prozesse des Internets an die Schüler durch pflichtgebundenen Informatikunterricht bundesweit (nebst Deutsch, Mathematik, Englisch) weiterzugeben. Denn ohne dieses elementare Wissen sind fortgeschrittene Themen wie digitale Propaganda, Filterblasen und viel mehr schwer nachzuvollziehen. Des Weiteren wäre es begrüßenswert, wenn Medienhäuser die Qualität ihrer Quellen offenlegten, einen transparenten journalistischen Prozess anböten und zum Dialog anregten; dadurch könnte man in Teilen das Misstrauen senken.

    Doch zur Realität gehört auch, dass es immer unnachgiebige Querulanten geben wird. Man nehme da nur die „Bild“, welche leider neben „The Sun“ oder der „Kronen Zeitung“ kein nationaler Einzelfall ist. Und selbst trotz akribischer wissenschaftlicher Arbeit und klarer Quellenlage existieren bis heute unter anderem Horoskope, Wahrsagerei und Homöopathie.

    Beim Plattformrat kann man leider nur starke Zweifel daran haben, ob er funktionieren würde. Denn laut Deutschem Presserat ist die „Bild“ mit 219 Rügen seit 1986 die Zeitung mit den meisten Verstößen gegen den Pressekodex. Zum Vergleich, die „Berliner Zeitung“ ist mit 21 Rügen im gleichen Zeitraum die Zeitung mit den zweitmeisten Verstößen gegen den Pressekodex. Und dennoch: Bis heute ist die „Bild“ trotz aller Verstöße die auflagenstärkste Zeitung. Ein Instrument wie ein Plattformrat wäre also nur ein weiterer krallenloser Tiger.

    Kommen wir nun zu Dr. Hörisch. In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau aus dem Jahr 2017 beschreibt er, Journalisten müssten sich heute mehr als „Barkeeper“ denn als „Gatekeeper“ verstehen. Gemeint ist, dass die journalistischen Medien nicht mehr die primäre Aufgabe haben, zu sortieren, was wichtig ist und was nicht (Torwächter bzw. Gatekeeper), sondern eine personalisierte Nachrichten-Bereitstellung an den Rezipienten leisten müssen (ähnlich eines Barkeepers). Diese personalisierte Leistung bezeichnet Hörisch treffenderweise als „hochwertigen Nachrichten-Cocktail“, der im Kontrast zum „Gift der Internet-Trolle“ stehe. Diese Leistung solle sich (eine Parallele zu Pörksen) an den professionellen Prinzipien des Journalismus, insbesondere der Recherche, orientieren. Er sieht daher keine Gefahr für den Journalismus, besonders, da es fast immer einen „Pendel-Effekt“ gegeben hätte. Als Beispiel führt er die Rückkehr zu Schallplatte trotz CD an.

    Bild 2: Ist das Phänomen der „Rückkehr zur Schallplatte“ auch auf Zeitungen anwendbar?

    Dabei bemerkt Hörisch selbst, dass dieser „Pendel-Effekt“ nur durch eine kleine Gruppe an Konsumenten verursacht wurde. Und darin liegt genau das Problem. Pörksen hat es fast richtig gesagt, jedoch verlieren Journalisten nicht an Autorität, sie verlieren an Macht. Als das Automobil das Pferd ablöste, verschwand es auch nicht vollkommen aus der Welt, bis heute ist es im Sport oder als Hobby für privilegierte Menschen zu finden. Doch wird es noch zum Transport genutzt? Zieht es heute unseren Wagen voll mit Gütern? Reiten wir heute auf ihm in die Schlacht? So wird es auch mit den Zeitungen geschehen: Aus den machtgefüllten Bereichen Wirtschaft und Politik werden sie verschwinden, sie werden ein nettes Hobby für privilegierte Menschen sein. Selbstverständlich könne man argumentieren, dass Bücher ja auch noch existieren. Noch existieren sie. Im Buchjahr 2017 sind exakt 82636 Titel erschienen. Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei rund 95000. (1) Außerdem hat der Buchmarkt zwischen 2013 und 2017 rund 6,4 Millionen Käufer verloren. (2) Man kann also erkennen, der klassische Journalismus wird sich minimieren, wohl aber nicht ganz verschwinden.

    Die Frage bleibt aber, was machen wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation? Die Ansätze von Pörksen im Bildungswesen wären hilfreich, sofern man das elementare Wissen über das Internet vermittelt hat. Alles andere, wie ein Plattformrat oder Journalisten als „Barkeeper“, ist Wunschdenken. Pörksen sieht die Justiz als letztes Mittel, doch genau das ist kritisch. Die Legislative hat jetzt noch die Möglichkeit Gesetze gegen mehr Hassrede und Desinformation zu verabschieden. Des Weiteren müsste auch die Exekutive mehr tun, um das Strafrecht in der digitalen Welt durchzusetzen, einfach nur die Kommentare etc. löschen ohne juristische Konsequenzen bringt nichts. Wir haben die Tatbestände der Volksverhetzung, der üblen Nachrede und der Verleumdung, und man sollte sie nicht nur in der analogen Welt verfolgen.

    (1) Deutsche Welle, Zwischen Krise und Hoffen: Der deutsche Buchmarkt, in https://www.dw.com/de/zwischen-krise-und-hoffen-der-deutsche-buchmarkt, Zugriff am 22.11.2020.

    (2)  Ebd.

     

  • Reihe „Medien in der Krise“: Der „klassische Journalismus“ muss erhalten bleiben! Aber wie?

    Reihe „Medien in der Krise“: Der „klassische Journalismus“ muss erhalten bleiben! Aber wie?

    Liest Du Zeitungen, oder suchst Du lieber schnell im Internet nach Informationen? Und prüfst Du auch die Quellen, oder nimmst Du alle Informationen einfach hin und auf? Gerade zu einer Zeit, in der man nicht einmal dem Präsidenten eines der einflussreichsten Länder der Welt glauben kann, in einer Zeit, in der „Querdenker“ das Internet erobern und Verschwörungstheoretiker von Wahlbetrug, Chip-Impfungen und einem erfundenen Virus reden, was sie alles mit angeblichen Fakten und dubiosen Quellen belegen können, gerade in so einer Zeit ist es doch wichtig, dass man auf einen Journalismus zurückgreifen kann, dem man vertraut. Woher sollte man sonst wahre Informationen erhalten?

    Ein Essay von CARA-SOFIE OTHMER, 13. Jahrgang

    Verändert sich nicht alles irgendwann? Irgendwann passt sich doch alles dem schnelllebigem Internetzeitalter von heute an, oder? Auf jeden Fall sollte es das, um den Wandel der Zeit zu überstehen. Betrachten wir beispielsweise den „klassischen Journalismus“: Dieser muss sich den Veränderungen des Internetzeitalters stellen, damit uns diese Qualität in seinen Grundzügen erhalten bleibt.

    Ob das Internetzeitalter den klassischen Journalismus wirklich beendet, was genau damit eigentlich gemeint ist und warum das für uns alleine ein Verlust wäre, will ich euch erklären. Und was könnte man eigentlich dagegen tun?

    Bild 1: Jeder wird heute zum Sender – dank digitaler Technologien.

    Was ist also der „klassische Journalismus“, und inwiefern könnte dieser im Wettkampf mit den neuen sozialen Medien stehen? Der Professor für Medienwissenschaften, Dr. Bernhard Pörksen, äußerte sich 2018 zu der Problematik und erkannte das Problem, dass sich durch das Internet das gesamte Kommunikationsklima in der Gesellschaft ändern würde. Im klassischen Falle hat man Zeitungen gelesen, Radio gehört oder seine Informationen durch Sendungen wie die ,,Tagesschau“ erhalten. Dieser klassische Journalismus unterliegt dem Pressekodex und vielen Grundsätzen, die Pörksen auch anführt. Darunter zählen die zuverlässige Recherche, die Quellenanalyse, das Verlassen der Vorurteilsblase, das Aufklären über Missstände, die Wahrung der Persönlichkeitsrechte, Debatten sowie das Betrachten der anderen Seite und Argumente. All das kann bei den neuen Formen den Journalismus ausgesetzt werden, da jeder zum ,,Sender“ von Nachrichten werden kann, unabhängig davon, ob diese stimmen. User im Internet haben eigene Werte und Ziele, die sie vertreten, welche oft nicht ausschließlich der wirklichkeitsgetreuen und abwägenden Berichterstattung dienen, wie es der ,klassische Journalismus‘ als Ziel verfolgt. Pörksen betont folgende Probleme im Internet: Die Inhalte würden schneller verbreitet werden, jeder könnte schreiben, was und wann er will, und ,,Fake News“, also falsche Nachrichten, könnten im Internet ohne Probleme geteilt werden, da die User keinem Kodex unterliegen.

    Dr. Jochen Hörisch äußerte sich als Lehrer der Literatur- und Medienwissenschaften auch zu dem Thema. Für ihn sei es wichtig zu verstehen, dass nicht jeder die Gabe eines Journalisten besäße. Im klassischem Journalismus studieren die Journalisten ihr Fach, im Internet kann man alles ungefiltert lesen. Wenn der neue Journalismus dem klassischem Journalismus nun so qualitativ unterliegt, warum ist dieser dann gefährdet, und ist er das überhaupt?

    Bild 2: Vorsicht! Alternative Medien sind Quellen, die sich hinsichtlich Inhalt, Produktion und Verbreitung von etablierten Medien unterscheiden.

    Wir befinden uns nun mal im Zeitalter des Internets. Es ist einfach, schnell, und größtenteils umsonst, dort an Informationen zu gelangen. Es ist schlichtweg bequemer als sich eine Zeitung zu kaufen und diese zu lesen. Zumal man im Internet ja auch gute Artikel finden kann, man muss nur wissen wo, damit man nicht auf Fake News hereinfällt oder nur die gekürzten Artikel liest. Und das ist der Grund, warum der klassische Journalismus nicht verloren gehen darf. Wir brauchen zuverlässigen und tiefgehenden Journalismus, auf den wir uns verlassen können, nicht die Falschaussagen mancher „Möchtegern“-Journalisten. Aber: Auch Claas Relotius fälschte seine Reportagen umfänglich – ohne dass es den etablierten Medien zunächst aufgefallen ist. So schrieb er unter anderem für „Die Zeit“, den „Cicero“ oder den „Spiegel“. Da ,,Der Spiegel“ aber zu den etablierten Medien gehört, und sich an den Pressekodex hält, wurden Relotius′ Zeilen geprüft und die inhaltlich falschen Artikel richtig gestellt. Die Leserinnen und Leser wurden so über die Wahrheit aufgeklärt. So etwas passiert bei den „alternativen Medien“ nicht. An diesen Beispielen sieht man, dass der klassische Journalismus für unsere demokratische Gesellschaft wichtig und bedeutsam ist!

    Jetzt wisst Ihr, warum der neue Journalismus mit Vorsicht zu genießen sein sollte, und dass der klassische Journalismus diesem überlegen ist, da er viel sachlicher, ausgereifter und abwägender ist. Es wäre ein Verlust, diese journalistische Qualität zu verlieren, aber besteht diese Gefahr in der Praxis tatsächlich?

    Leider ja, JIM-Studien von 2018 belegen, dass die Onlinenutzung insgesamt über die letzten Jahre deutlich zugenommen hat und nun stagniert. Zudem sinken die Druckauflagen für Zeitungen, wodurch auch ihre Werbeeinnahmen sinken. Eine weitere Gefahr für Zeitungen ist das große Angebot an Informationsquellen im Internet, welche umsonst oder günstiger sind, weswegen die Bereitschaft sinkt, sich tatsächlich Zeitungen zu kaufen. Auch ist das Internet oft schneller und veröffentlicht auch nachts wichtige Artikel, jedoch zeigt das auch, dass sich für diese weniger Zeit genommen wurde.

    Bild 3: Etablierte Medien genießen wieder mehr Vertrauen.

    Das alles klingt wenig hoffnungsvoll für die Zeitungen und den klassischen Journalismus. Er wird quasi überflüssig und ist durch andere Angebote ersetzbar, wenn auch mit schlechterer Qualität. Wir sollten ihn aber dennoch noch nicht aufgeben! Die JIM-Studie belegt nämlich auch, dass das Vertrauen in den klassischen Journalismus und in Zeitungen immer noch höher ist als in digitale Medien. Das bedeutet, es besteht noch Hoffnung für den Erhalt. Auch das Versagen des Internets könnte die klassischen Medien retten, da die Falschnachrichten das Vertrauen in dieses immer mehr senken, wodurch Printmedien wieder mehr Vertrauen genießen. Diesen Ansatz stellt die angehende Journalistin Franca Quecke hervor. Der klassische Journalismus erhält also noch Zuspruch, weswegen er noch nicht ganz verloren scheint.

    Die Antwort ist also ,,JA“, das Internetzeitalter verdrängt den klassischen Journalismus immer mehr und könnte in der Zukunft das Ende für diesen bedeuten, wenn dieser sich der neuen Zeit nicht anpasst. Und das sollte er definitiv tun, da das Ende des klassischen Journalismus ein Verlust für jeden Einzelnen von uns wäre. Auch für die Demokratie wäre dies kontraproduktiv, da radikale Meinungen durch ,,Filterblasen“ bestärkt werden könnten und eine Manipulation nicht offengelegt werden würde.

    Wie kann man das Problem jetzt aber lösen? Der klassische Journalismus muss sich definitiv anpassen, damit seine Grundsätze und die Qualität erhalten bleiben, welche sehr wichtig sind. Wenn man den klassischen Journalismus in anderen Formen wiederfinden würde, wäre das genauso gut, solange die Bürger eine vertrauenswürdige Quelle haben, die den Pressekodex beachtet, also Aspekte wie den Schutz der Persönlichkeit und der Ehre.

    So wie Hörisch es bereits 2017 vorschlug, gibt es heute bereits Zeitungsabos und Flatrates, sowie den Verkauf von Zeitungen mit Theaterkarten. Jedoch ist unklar, ob das in der Zukunft reicht. Zeitungen und der klassische Journalismus könnten durch mehr Werbung mehr Geld bekommen, wodurch der Erhalt gesichert werden könnte. Auch könnten stärkere Werbekampagnen für die Zeitung an sich mit guten Sonderangeboten mehr Kunden anlocken, die dann durch den einst erfahrenen qualitativen Journalismus eventuell Kunde bleiben. Man könnte auch probieren, durch aufdeckende Kolumnen das Vertrauen in das Internet noch mehr zu senken, um den klassischen Journalismus zu bewahren, und gleichzeitig die Bürger aufzuklären. Wie man es auch macht, der klassische Journalismus darf nicht verloren gehen.

    Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der klassische Journalismus durch das Internetzeitalter verdrängt wird, wenn dieser sich nicht reformiert. Das Internet bietet zu viele Möglichkeiten und wirkt auf viele somit attraktiver, auch wenn es eine geringere Qualität durch fehlende Richtlinien für Online-User hat, oder diese Artikel dort schneller und teilweise oberflächlicher produziert werden. Da man ohne diese Qualität aber etwas für die Gesellschaft und Demokratie wichtiges verliert, muss dafür gesorgt werden, dass der klassische Journalismus bestehen bleibt. Das kann nur passieren, wenn er sich der Zeit anpasst. Es muss eine passende Reformidee formuliert werden und eine Reform muss stattfinden. Ohne diese Maßnahmen würden zum Beispiel Zeitungen aussterben. Noch genießen sie Vertrauen, aber wie lange hält dieses noch? Wie lange haben die klassischen Medien Zeit sich zu verändern, bevor es zu spät ist?

    Mein Apell: Genießt Zeitungen, wie wir sie kennen, solange sie noch da sind, und wertschätzt den Journalismus. Denkt beim nächsten Mal darüber nach, ob ihr dem Internet wirklich alles glaubt und kauft euch zu wichtigen Themen mal eine gute Zeitung. Ihr werdet es nicht bereuen. Sich die Zeit zu nehmen und etwas Wahres über die Welt zu erfahren, vielleicht bei einem Kaffee am Morgen, ist auch ein entspannendes Ritual für einen selbst, während man sich bildet. Und zudem noch viel gesünder, als immer nur auf ein Display zu gucken. Wenn ihr im Internet das nächste Mal also von einem erfundenen Virus oder anderen Verschwörungstheorien lest, gibt es mit Sicherheit glaubwürdige Artikel in Zeitungen von Ärzten, die klare Studien anbringen, um euch die Wahrheit zu vermitteln. Und: Wer will schon gerne sein Wissen auf Fehlinformationen aufbauen?

  • Reihe „Medien in der Krise“: Bedeutet das Internetzeitalter das Ende des klassischen Journalismus?

    Reihe „Medien in der Krise“: Bedeutet das Internetzeitalter das Ende des klassischen Journalismus?

    Die Vorbehalte gegenüber der Zeitung, egal ob analog oder digital, sind auf den ersten Blick verständlich. Wenn wir es jedoch richtig angehen, wird die Zeitung als seriöses Informations- und Unterhaltungsmedium keinesfalls ihre Rolle einbüßen. Ein Plädoyer für eine Zeitung, die den zukünftigen Herausforderungen in einer demokratischen Mediengesellschaft gerecht wird. 

    Ein Essay von VERONIKA DUDZIK, 13. Jahrgang

    Obwohl der klassische Journalismus in Form von Printmedien zunächst dem Onlinejournalismus zutiefst ähnelt, hat das Einhalten der Grundprinzipien der informativen Branche und deren Absichten, eine heftige Veränderung durchlebt. Das Blatt hat sich gewendet und so sind es nicht mehr die Kunden, die sich um das Blatt, die Zeitung schlagen, sondern vielmehr die Journalisten, die kontinuierlich darum kämpfen müssen, die Aufmerksamkeit jedes einzelnen Bürgers zu gewinnen. Da der Versuch des Vertrauensaufbaus in einer informationsüberfluteten Welt, in der die Menschen sensationsgesteuert funktionieren, nicht mehr ausreicht, um das Interesse eines breiten Spektrums der Gesellschaft zu erlangen, wird also oftmals auf andere Methoden umgerüstet.

    Statt seriöser, objektiver Nachrichten, die dem Bürger zu mehr Demokratie verhelfen, indem sie ihm einen freien Spielraum zur Meinungsbildung bieten, werden überspitzte Informationen wiedergegeben. Spektakuläre Titel erscheinen in dramatischer Größe auf den Titelseiten und es wird über weltberühmte Persönlichkeiten diskutiert, wobei das Wesentliche, das, was das Leben des Bürgers im Hier und Jetzt ausmacht, leider zu wenig Sensation enthält. Dass aber die Wahrung des klassischen Journalismus derweil in Zukunft nötiger als je zuvor ist, bleibt dabei außer Frage. Was man währenddessen jedoch bezweifeln kann, ist, ob der erblindete Mensch diese Notwendigkeit wahrnimmt. Ob er weiter auf eine gleichgültige Haltung bezüglich des klassischen Journalismus zusteuert und somit sein Ende einleitet, oder aber, ob sich in letzter Minute seine Augen öffnet. Dies lässt sich lediglich vermuten.

    Um sich jedoch der in der Medienbranche „Zeitung“ entstandenen Problematik zu widmen, muss man sich zunächst auf die Wurzeln des Journalismus beziehen und die damit aufkommenden Grundgedanken zur Idee und Funktion des Mediums „Zeitung“ beleuchten. Wie entstand sie? Und was war ihre Funktion, als die Menschen noch keine Zeit hatten, sich von jeder Sensation zu ernähren, da die Arbeit, die Finanzierung der Familie, der Kampf um das Überleben einen solchen Gedanken beim besten Willen nicht entstanden ließen?

    Man glaubt es wohl kaum, aber der klassische Journalismus, dessen Verbildlichung sehr wahrscheinlich die alte, gelbstichige Zeitung mit geschnörkelter Schrift ist, entstand in Deutschland zunächst mit der Idee als objektives, informatives und meinungsbildendes Mittel für die Gesellschaft zu fungieren. Nicht nur das. In Deutschland, als die Zeitung nach Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang nahm, verfolgte sie das Ziel des Demokratieaufbaus. Erstaunlich, wo doch das sachliche Informieren in den Medien heutzutage oftmals eher die Minderheit der vorgeführten Informationen ausmacht.

    Es kommt jedoch noch besser: Im späteren Verlauf der Geschichte der Zeitung entstand nämlich sogar ein Leitfaden, um die Funktionen der entstandenen Kommunikationsinstanz nicht zu verfehlen, sondern zu wahren und zu schützen. Demnach lauten die Funktionen des Mediums Zeitung nicht nur auf sachlicher Basis zu informieren, sondern auch zu vermitteln. Hierbei soll die Vermittlung zwischen Politikern und Regierung sowie den Bürgern zu Stande kommen. Die Vermittlung des Willens des Volkes an die regierenden Instanzen wird hierbei als Artikulations- und die umgekehrte als Mitteilungsfunktion bezeichnet. Zuletzt gibt es noch die Kritik- und Kontrollfunktion, die Missstände und korrupte Vorgänge auf wirtschaftlicher, politischer sowie sozialer Ebene aufdecken soll und über Skandale informiert.

    Warum ich diese Funktionsräume betone? Das liegt wohl daran, dass die Medienbranche, wie bereits erwähnt, eine Entwicklung durchlebt hat, in der es fraglich ist, ob diese Funktionen überhaupt noch berücksichtigt werden. Man kann in dem Zusammenhang also durchaus die Frage im Hinterkopf behalten, ob die Zeitung noch immer ihren Basis-Grundsatz verfolgt, oder vielleicht doch eine Entfremdung des Zwecks vorgefallen ist. Und obwohl die sich optimierende und vervielfältigende Presse sich zunächst in vollem Erfolg zu entwickeln schien, gab es einen Zeitpunkt, einen Schnittpunkt, an dem womöglich alles begann, langsam den Bach runterzugehen.

    Bild 1: Das Smartphone als Symbol des digitalen Fortschritts.

    Gemeint ist der Zeitpunkt der Digitalisierung. Und nein, damit meine ich nicht ihren Beginn in den 1930er Jahren, sondern den Zeitpunkt, an dem sie womöglich den größten Durchbruch erlebt hat: Die Geburt des Smartphones. Diesen Moment betone ich im besonderen Sinne, da dieses moderne Endgerät, welches sich schnell unter den Bürgern aus aller Welt verbreitete und die Nutzung des Internets in Windeseile ermöglichte, für die Mehrheit der Bürger zu einem greifbaren Symbol des Fortschritts wurde.

    Und so ging es weiter: Es entstanden die ersten Plattformen, die als „Social Media“ bekannt wurden. Jeder konnte im Internet eigene Informationen preisgeben, jeder konnte auch nach immer mehr Informationen suchen. Parallel dazu die Entwicklung anderer fortschrittlicher Systeme, wie zum Beispiel des Fernsehens, bei dem es immer mehr Sender gab. Überall immer mehr bunte Reklametafeln, Werbung. Und die Menschen begannen darauf einzugehen – das tun sie auch heute noch. Der Wohlstand stieg. Es ging nicht mehr darum was man brauchte, sondern vielmehr darum, was man sich zu erlauben vermochte.

    Somit entstand ein friedlich scheinender Kampf. Ein Kampf um die Aufmerksamkeit, der parallel eine Flut an Informationen auf den Menschen ausübte. Das Gehirn währenddessen war überfordert, begann immer mehr auf Sensationen, auf das, was am Interessantesten schien, zu reagieren. In der Zwischenzeit ging die traditionelle Informationsquelle „Zeitung“ langsam unter. Wie ein sinkendes Schiff. Zu schlicht war sie, zu trocken. In einer informationsüberfluteten Welt, in der wir in Bruchteilen von Sekunden jede Information bekommen können, reagiert das Gehirn nun mal zuerst auf Sensationen. Dieses Verhalten steuert auf keine Änderung zu, denke ich, denn, wie es auch die JIM-Studie besagt, steigt der Medienkonsum der jungen Gesellschaft mit stetiger Geschwindigkeit an. Dies geschieht vor allem im Bereich der sozialen Medien, während das mobile Endgerät, welches ursprünglich der Information dienen sollte, kaum noch zu Informationszwecken genutzt wird.

    Ein daraus entstehender Teufelskreis ist wahrscheinlich die Reaktion einiger „heldenhafter“ Journalisten, die in all dem Trubel und Tumult versuchen doch noch die Aufmerksamkeit der Rezipienten zu erlangen. Dies tun sie, indem sie besonders kreativ, aber auch besonders unseriös handeln. Sie beginnen, immer wildere Titel zu verfassen, vermitteln Fake News, werden zu Hochstaplern, wie wir es aus dem Fall Relotius kennen. Stellt sich nur noch die Frage, ob sie dies tun, da sie die Aufmerksamkeit des Publikums gegenüber der Presse, oder doch lieber ihr eigenes Aufsehen erlangen wollen.

    Eins kann ich sagen, beide Optionen scheinen nicht optimal, eher fatal. In der heutigen Zeit, wo wir ständig mit Idealen konfrontiert werden, wollen Menschen Ansehen erlangen, etwas erreichen und der Journalist, dessen Texte am aufregendsten sind, nicht am sachlichsten und demokratischsten, erlangt Erfolg. Hierbei kann man abermals auf den von allen Seiten bewunderten Claas Relotius eingehen, der im Sinne seines eigenen Erfolges agierte. Diese Anpassungen an die moderne Gesellschaft und der Versuch, die Aufmerksamkeit der Leser zu fangen, wirken sich negativ auf die Branche der Zeitung aus. Es ist klar, dass es in Fällen solcher Verstöße, und weiterer auftretender Faktoren zum Vertrauensverlust der Menschen kommt. Die Mühe nach Aufmerksamkeit wirkt sich also gegensätzlich aus, der umgekehrte Effekt wird erzielt. Somit lässt sich als Wirkungsfeld zur Rettung der Medienbranche, nur noch auf den Vertrauensaufbau der Journalisten bezüglich ihres Publikums hoffen. Wie lässt sich das schaffen?

    Bild 2: Das Vertrauen in die etablierten Medien ist eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie.

    Bernhard Pörksen, ein deutscher Medienwissenschaftler, schlägt die „redaktionelle Gesellschaft“ vor. So müssen in einer redaktionellen Gesellschaft die grundlegenden Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung werden. Jochen Hörisch, Germanist und ebenfalls Medienwissenschaftler, appelliert an die Journalisten, ihre Arbeit zu optimieren, um das Vertrauen der Leser wiederzugewinnen. Beide Ansätze sind durchaus umsetzbar, so könnte beispielsweise das Fach „Medien“ Eingang in den schulischen Kanon finden. Aber reicht das? Für mich stellt sich die Frage, ob in der heutigen Gesellschaft der Rückgewinn des Vertrauens in die klassischen Medien ausreicht. Man muss nämlich beachten, dass selbst der Rückgewinn des Vertrauens der Rezipienten die Zeitung eher nicht zum Leben erwecken wird. Dies gilt insbesondere für Jugendliche. So demonstiert die JIM-Studie auch, dass der Zeitunterschied während der Nutzung des Internets zu seriösen und nicht-seriösen Zwecken extrem variiert. Demnach verbringen Jugendliche wesentlich mehr Zeit in den Bereichen „Social Media“ und „Spiele“, also dort,  wo besonders die Unterhaltung im Vordergrund steht – und nicht die Information.

    Um diesen Gedankengang etwas genauer auszuführen, möchte ich zur näheren Erläuterung auf eine Bemerkung aus meinem persönlichen Leben eingehen. Das Problem der Medienkrise ähnelt in jenem Zusammenhang stark dem einer Vertrauensperson. Oftmals lässt sich bemerken, dass nachdenklichere Menschen, die in ihrem Leben eher in der Masse untergehen, da sie sich auf ernste Gedanken und Situationen fokussieren und in manch einer Hinsicht nur einen geringen prozentualen Anteil ihres Lebens an lockere Gedanken und Aktivitäten verschwenden, als Vertrauenspersonen eingestuft werden. Ihnen wird Vertrauen geschenkt, in Situationen, in denen man es schwer hat. Sie verfügen durch ihre gründlichen Auseinandersetzungen mit dem Ernsten, den Gedankengängen über die Existenz des Menschen und die Funktion seiner Psyche, über ein außerordentliches Menschenverständnis und können in dramatischen Situationen für etwas mehr Sicherheitsgefühl sorgen. Genau diese Menschen sind oftmals aber auch die, die sich von lustigen, vielleicht zum Teil rebellischen oder nicht-systemkonformen Unternehmungen distanzieren. Sie werden stattdessen als Mittel zum Zweck genutzt.  Während man in Problemsituationen sehr auf ihre Hilfe und die gebotene Sicherheit angewiesen ist, befinden sie sich im Alltag, wenn es gut läuft und der Mensch andere Bekanntschaften nutzen kann, um Spaß zu haben, zu feiern und zu trinken, ein sorgenfreies, unbedachtes Leben zu genießen und Adrenalin zu spüren, im Hintergrund. Sie werden allein gelassen.

    Dieses gesellschaftliche Phänomen, denke ich, lässt sich schrittweise auch auf die Medienproblematik der Zeitung, sei es nun digital oder klassisch, übertragen. Die Zeitung befasst sich, und dass sollte sie auch, in ihrem Alltag mit seriösen Dingen. Sie ist nicht auf die erhofften Adrenalin-Kicks aus. Wenn die Menschen sich also von einem Problem eingeschüchtert fühlen, so erhalten sie die Informationen, die ihnen Ruhe und Klarheit und Sicherheit bringen, von den klassischen und etablierten Medien. So war es beispielsweise auch zu Beginn der Corona-Pandemie der Fall. Die Menschheit war plötzlich einem ganz neuem, unbekanntem und für viele auch furchteinflößendem Geschehen ausgesetzt. Im Alltag, wenn man ein Problem geklärt hat, kehrt der Faktor „Unterhaltung“ an die erste Stelle zurück. Instagram wird dann doch zum Favorit, den man wählt, wenn man zwischen dieser Plattform und beispielsweise der Tagesschau- App entscheidet.

    Genau aus diesem Phänomen, welches aus den Änderungen gesellschaftlicher Strukturen und Umstände sowie den Reaktionsweisen auf Informationen resultiert, ist abzuleiten, dass die Zeitung, egal ob digital oder nicht, eher unwahrscheinlich an einem Interessenzuwachs gewinnen wird. Dies bedeutet nicht, dass sie vollständig untergehen wird. Sie wird für den Menschen trotzdem von notwendiger Bedeutung sein, jedoch nur sporadisch,
    wenn der Interessent sich persönlich durch eine Situation gefährdet fühlt, oder ein spezifisches Anliegen hat, nicht jedoch tagtäglich. Die Zeitung als vielseitiges Medium nimmt somit ihre Rolle als unentbehrliches, aber letztes Mittel zum Zweck ein, wenn Probleme drohen und Anliegen bestehen. Das Ergebnis davon ist somit, dass die Zeitung nur einen minimalen Teil im Leben des Menschen einnimmt. Ob dieses Verhalten nun als kompletter Untergang oder aber als Weiterleben des Mediums am Existenzminimum bezeichnet werden sollte, ist unklar. Ein Untergang im Sinne des Relevanz-Verlustes ist jedoch klar und deutlich zu erkennen. Diese Veränderung wird zudem auch in der Zukunft Folgen haben. Man sollte hierbei vor allem die Auswirkungen auf die Demokratie Deutschlands im Blick behalten. Was wird mit dieser passieren? Ich möchte es mir nicht vorstellen.