Reihe „Medien in der Krise“: Was tun wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation?

Dass die Verkaufszahlen der klassischen Zeitung seit 1991 kontinuierlich sinken und das Internet eben nicht ein Neuland ist, sondern gerade für die jetzigen und kommenden Generationen ein natürliches Habitat ist, sollte keine Neuigkeit sein. Ob damit auch ein Exitus des klassischen Journalismus einhergeht, darüber gibt es gerade einen Diskurs.

Ein Essay von JEREMY BEN ZIMMERMANN, 13. Jahrgang

Zwei Medienwissenschaftler stehen besonders im Fokus: Dr. Bernhard Pörksen und Dr. Jochen Hörisch. In seinem „Zeit“-Kommentar von 2018 erklärt Pörksen, dass die Autorität des klassischen Journalismus gesunken sei. Jeder sei praktisch zum Sender geworden, da er über die digitalen Netzwerke wie Twitter, Facebook etc. seine Meldungen verbreiten kann. Um den Autoritätsverlust aufzuwiegen, schlägt er vor, dass man die Normen und Prinzipien des klassischen Journalismus in allgemeingültige, von der Gesellschaft angenommene, Werte überträgt. Zu diesen Prinzipien gehört unter anderem recherchieren, analysieren, vorurteilsfrei sein, skeptisch sein und die beiden antiken Lehren „credo auditur et altera pars“ (ich glaube, man höre auch den anderen Teil) und „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten).

Darüber hinaus fordert Pörksen Reformen im Bildungswesen, im Medienbetrieb und im Plattformvertrieb. Eine Forderung in der Schule ist beispielsweise ein Fach namens „angewandte Irrtumswissenschaften“, in diesem Fach würde man dann das Erkennen von Fälschungen und Fehleinschätzungen unterrichten.  Auch solle man vermehrt Rhetorik in den Fokus der Lehre rücken, um so besser vor Desinformation, Propaganda und Manipulation gewappnet zu sein. Im Medientbetrieb fordert er zudem eine grundsätzliche Vermittlung der Qualität einer Quelle und immer eine Anregung zum Dialoge. Bei den Plattformen möchte Pörksen verschiedene Ombudsgremien und unter anderem einen Plattformrat (quasi mit ähnlicher Zusammensetzung und Befugnisse wie der Presserat) einführen. Juristische Mittel sollten Pörksens Ansicht nur die ultima ratio sein.

Bild 1: Der Autor plädiert für ein neues Schulfach.

Ich stimme zu, ein neues Schulfach namens „angewandte Irrtumswissenschaften“ und mehr Rhetorik könnte durchaus nützliches Wissen für die Schüler vermitteln. Doch wäre es erstmal sinnvoll, die Lehrer im Umgang mit digitalen Medien zu unterrichten und ein elementares Wissen über die Funktionen und Prozesse des Internets an die Schüler durch pflichtgebundenen Informatikunterricht bundesweit (nebst Deutsch, Mathematik, Englisch) weiterzugeben. Denn ohne dieses elementare Wissen sind fortgeschrittene Themen wie digitale Propaganda, Filterblasen und viel mehr schwer nachzuvollziehen. Des Weiteren wäre es begrüßenswert, wenn Medienhäuser die Qualität ihrer Quellen offenlegten, einen transparenten journalistischen Prozess anböten und zum Dialog anregten; dadurch könnte man in Teilen das Misstrauen senken.

Doch zur Realität gehört auch, dass es immer unnachgiebige Querulanten geben wird. Man nehme da nur die „Bild“, welche leider neben „The Sun“ oder der „Kronen Zeitung“ kein nationaler Einzelfall ist. Und selbst trotz akribischer wissenschaftlicher Arbeit und klarer Quellenlage existieren bis heute unter anderem Horoskope, Wahrsagerei und Homöopathie.

Beim Plattformrat kann man leider nur starke Zweifel daran haben, ob er funktionieren würde. Denn laut Deutschem Presserat ist die „Bild“ mit 219 Rügen seit 1986 die Zeitung mit den meisten Verstößen gegen den Pressekodex. Zum Vergleich, die „Berliner Zeitung“ ist mit 21 Rügen im gleichen Zeitraum die Zeitung mit den zweitmeisten Verstößen gegen den Pressekodex. Und dennoch: Bis heute ist die „Bild“ trotz aller Verstöße die auflagenstärkste Zeitung. Ein Instrument wie ein Plattformrat wäre also nur ein weiterer krallenloser Tiger.

Kommen wir nun zu Dr. Hörisch. In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau aus dem Jahr 2017 beschreibt er, Journalisten müssten sich heute mehr als „Barkeeper“ denn als „Gatekeeper“ verstehen. Gemeint ist, dass die journalistischen Medien nicht mehr die primäre Aufgabe haben, zu sortieren, was wichtig ist und was nicht (Torwächter bzw. Gatekeeper), sondern eine personalisierte Nachrichten-Bereitstellung an den Rezipienten leisten müssen (ähnlich eines Barkeepers). Diese personalisierte Leistung bezeichnet Hörisch treffenderweise als „hochwertigen Nachrichten-Cocktail“, der im Kontrast zum „Gift der Internet-Trolle“ stehe. Diese Leistung solle sich (eine Parallele zu Pörksen) an den professionellen Prinzipien des Journalismus, insbesondere der Recherche, orientieren. Er sieht daher keine Gefahr für den Journalismus, besonders, da es fast immer einen „Pendel-Effekt“ gegeben hätte. Als Beispiel führt er die Rückkehr zu Schallplatte trotz CD an.

Bild 2: Ist das Phänomen der „Rückkehr zur Schallplatte“ auch auf Zeitungen anwendbar?

Dabei bemerkt Hörisch selbst, dass dieser „Pendel-Effekt“ nur durch eine kleine Gruppe an Konsumenten verursacht wurde. Und darin liegt genau das Problem. Pörksen hat es fast richtig gesagt, jedoch verlieren Journalisten nicht an Autorität, sie verlieren an Macht. Als das Automobil das Pferd ablöste, verschwand es auch nicht vollkommen aus der Welt, bis heute ist es im Sport oder als Hobby für privilegierte Menschen zu finden. Doch wird es noch zum Transport genutzt? Zieht es heute unseren Wagen voll mit Gütern? Reiten wir heute auf ihm in die Schlacht? So wird es auch mit den Zeitungen geschehen: Aus den machtgefüllten Bereichen Wirtschaft und Politik werden sie verschwinden, sie werden ein nettes Hobby für privilegierte Menschen sein. Selbstverständlich könne man argumentieren, dass Bücher ja auch noch existieren. Noch existieren sie. Im Buchjahr 2017 sind exakt 82636 Titel erschienen. Vor einem Jahrzehnt lag die Zahl bei rund 95000. (1) Außerdem hat der Buchmarkt zwischen 2013 und 2017 rund 6,4 Millionen Käufer verloren. (2) Man kann also erkennen, der klassische Journalismus wird sich minimieren, wohl aber nicht ganz verschwinden.

Die Frage bleibt aber, was machen wir als Gesellschaft gegen Hassrede und Desinformation? Die Ansätze von Pörksen im Bildungswesen wären hilfreich, sofern man das elementare Wissen über das Internet vermittelt hat. Alles andere, wie ein Plattformrat oder Journalisten als „Barkeeper“, ist Wunschdenken. Pörksen sieht die Justiz als letztes Mittel, doch genau das ist kritisch. Die Legislative hat jetzt noch die Möglichkeit Gesetze gegen mehr Hassrede und Desinformation zu verabschieden. Des Weiteren müsste auch die Exekutive mehr tun, um das Strafrecht in der digitalen Welt durchzusetzen, einfach nur die Kommentare etc. löschen ohne juristische Konsequenzen bringt nichts. Wir haben die Tatbestände der Volksverhetzung, der üblen Nachrede und der Verleumdung, und man sollte sie nicht nur in der analogen Welt verfolgen.

(1) Deutsche Welle, Zwischen Krise und Hoffen: Der deutsche Buchmarkt, in https://www.dw.com/de/zwischen-krise-und-hoffen-der-deutsche-buchmarkt, Zugriff am 22.11.2020.

(2)  Ebd.

 

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