Gogols „Der Revisor“ als grandioser Bühnenerfolg

„Was für eine Situation!“ im Harener Schulzentrum

Von Petra Heidemann

Haren. „Lacht ihr nur. Ihr lacht über euch selbst“: Mit sichtbarer Spielfreude haben die 19 jungen Akteure der Theater-AG des Harener Gymnasiums unter Regie von Katrin Kleesiek-Herding Gogols „Der Revisor“ nicht nur ausgesprochen lebendig auf die Bühne gebracht, sondern die Hintergründigkeit dieses amüsanten Werks in der Gegenwart angedockt.

Die bürgerliche Ansiedlung des Stückes erinnert an Kotzebues „Die deutschen Kleinstädter“, die Thematik „Schein statt Sein“ an Kellers „Kleider machen Leute“. Die Ankunft eines Fremden im typisierten Provinzstädtchen lässt den von Korruption bestimmten Alltag durcheinandergeraten, denn man vermutet in ihm den Revisor, von dessen Ankündigung man durch Verletzung des Postgeheimnisses erfahren hat.

Zwar versucht der unter Handlungszwang stehende, sich selbst überschätzende Bürgermeister, alle Fäden in der Hand zu behalten, aber gerade deshalb ist er letztendlich doch zum Scheitern verurteilt. Julian Kathmann zeigte in dieser Rolle eine in Diktion, Gestik und Mimik an professionelle Bühnenreife grenzende Leistung; Vanessa Horstig und Schahira Abdel-Naby standen ihm dabei in nichts nach.

Souverän als auch die Chancen diverser Situationen schlitzohrig für sich zu nutzen wissend, beherrschte Vanessa als vermeintlicher Revisor Chlestakow die Szene, widergespiegelt in der unnachahmlichen, kommentierenden Mimik Schahiras als dessen Diener Osip, der bei aller Loyalität gewitzt seine kleinen Möglichkeiten geschickt zu nutzen weiß. Die zwei wie geklont inszenierten Repräsentanten der Stadtbewohner, die sich kaum hörbar lediglich in einem einzigen Buchstaben ihrer Namen unterscheiden, huschten gekonnt allgegenwärtig durch das Geschehen, ohne bei den Honoratioren der Stadt Beachtung zu finden.

Umso mehr hatte das Publikum an Lousia Vorjans und Maike Schmitz seine Freude und bewunderte die bravourös gemeisterte rasante Textleistung Maikes. Während Hanna Wösten die Frau des Bürgermeisters überzeugend als in ihrer Selbstgefälligkeit gefangene Grande Dame ohne Weitblick anlegte, gab Tina Schnelte der Tochter jungmädchenhaft naiven Liebreiz damaliger Zeit. Was könnte dem Schürzenjäger Chlestakow näher liegen, als sich beiden Damen zu nähern, zumal er, wie Vanessas Mienenspiel offenbarte, alle ins Geschehen involvierten Damen reizvoll fand.

Satirische Brisanz

Dazu gehörten nicht nur das auch von Osip ins Auge gefasste Hausmädchen Marfa, der Greta Witte zurückhaltende Geschäftigkeit verlieh, und die Kellnerin Mischka, von Svenja Otten liebevoll verkörpert, sondern auch die Damen der Gesellschaft. Linda Augustijn als Krankenhausverwalterin und Gabi Skowron als Bezirksärztin „Hiiiiebner“ offenbarten leichtlebig satirische Brisanz von Gewinnoptimierung statt Patientenfürsorge. Susanne Achter überzeugte in ihrer Schlüsselrolle als Poststellenleiterin, deren Lieblingslektüre und Tor zur Welt die ihr anvertrauten Briefe sind. Während der Richter, von Vanessa Lorenz glaubhaft in Szene gesetzt, um seinen Ruf bangen muss, versucht der Schulrat, Seriosität zu bewahren, von Merle Hentschel authentisch „umfangreich“ verkörpert.

Als dezenter Running Gag nestelt der eher verschlafene Polizeichef immer erst einmal am Hosengürtel und gibt vor, gerade einmal ausgetreten zu sein. Jana-Schulte-Übermühlen gab der Rolle gut ausbalancierten Charme. Lisa Brehm verkörperte betroffen machend die ausgelieferte Machtlosigkeit der Unteroffizierswitwe.

Die Kaufleute, Carlotta Albers, Marvin Hasch und Hanna Schmitz, rundeten mit ihren gelungenen Auftritten das Bild ab, das die Verlogenheit egoistischer Vorteilssuche um jeden Preis im schnellen Wechsel von Korruption, Kriechertum und Denunziation vor Augen führte.

aus: Meppener Tagespost, Ausgabe 11.03.2019, S. 9


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