Der Bericht „Bildung in Deutschland 2026“ gibt eine Übersicht über den aktuellen Stand des deutschen Bildungssystems und die in den letzten Jahren stattgefundenen Entwicklungen. Ein Schwerpunkt des Berichts stellt die Thematik der Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft dar. Die zentralen Ergebnisse des Berichts zu den Bildungsungleichheiten für Deutschland werden nachfolgend dargelegt.
Der Bildungserfolg einer Person wird von Subjektmerkmalen sowie weiteren Dimensionen beeinflusst, welche zu Bildungsungleichheiten führen. Eine zentrale Dimension ist dabei die soziale Herkunft einer Person. Die soziale Herkunft wird anhand sozialer, kultureller sowie wirtschaftlicher Bedingungen definiert, die das Aufwachsen und Leben einer Person beeinflussen. Dabei wird zwischen sozioökonomisch bevorteilten und benachteiligten Gruppen unterschieden.
Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft zeigen sich insbesondere dann, wenn basale Kompetenzen (z. B. Lesen) nicht ausreichend erworben werden. Ihr Erwerb ist ein Kernauftrag des deutschen Bildungssystems, sodass ein Nichterwerb neben individuellen Lernrückständen auch auf strukturelle Herausforderungen im Bildungssystem hinweist. Auf Basis von Kompetenzstufenmodellen des IQB können Mindeststandards für jene Kompetenzen formuliert werden, welche Schülerinnen und Schüler für den Übergang im Bildungssystem und den Anschluss an schulisches Lernen erreichen sollten. Der Anteil an Schülerinnen und Schülern, die diese Mindeststandards in Lesen und Mathematik nicht erreichen, ist gemäß des IQB-Bildungstrends innerhalb der letzten 10 Jahre angestiegen. Dabei erreichen insbesondere Kinder sozioökonomisch benachteiligter Familien den Mindeststandard nicht.

Anteile der Schülerinnen und Schüler in Deutschland, die ungenügende Kompetenzen in den Bereichen Lesen und Mathematik erreichen nach sozialer Herkunft 2022.
Quelle: Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026), S. 256, Abb. H1-2 (eigene Darstellung)
Bei der Einteilung von Schülerinnen und Schülern in vier Gruppen nach ihrem sozioökonomischen Status zeigt sich bei PISA 2022, dass von den am meisten benachteiligten Kindern 47 % in Mathematik und 39 % in Lesen grundlegende Kompetenzen nicht erreichen, wohingegen dies bei den am meisten bevorteilten Kindern jeweils nur 8 % nicht tun (s. Abb. 1). Gleichzeitig erreichen von den soziökonomisch am meisten benachteiligten Schülerinnen und Schülern nur 2 % in Mathematik und 3 % in Lesen überdurchschnittliche Kompetenzen, während diese Anteile bei den am meisten bevorzugten bei 21 % bzw. 22 % liegen. Diese Unterschiede zwischen den sozioökonomischen Gruppen haben sich seit 2012 vergrößert. Somit bestehen über mehrere Jahre stabile Muster herkunftsbedingter Bildungsungleichheiten.
Bildungsungleichheiten bilden sich bereits in frühen Entwicklungsphasen lange vor dem Schuleintritt aufgrund unterschiedlicher Lernumwelten (z. B. Familie, Kindergarten) und Ressourcen sowie differierender Qualität früher Bindungs- und Interaktionserfahrungen heraus. Diese Unterschiede führen zu frühen Kompetenzunterschieden und ungleichen Startbedingungen bei Schuleintritt. Diese bleiben im Schul- und Bildungsverlauf vergleichsweise stabil. Kinder von Eltern mit niedrigerem Bildungshintergrund erlangen von ihrer Geburt über die Einschulung bis hin zum Ende der Schulzeit geringere Kompetenzen als Kinder von Eltern mit einem hohen Bildungsniveau. Das Schulsystem kann somit nicht zur Reduzierung bestehender Bildungsungleichheiten beitragen, sondern stabilisiert diese.
Die soziale Herkunft beeinflusst zudem auch Bildungsentscheidungen. So entstehen Ungleichheiten auch dann, wenn Personen bei gleichen Kompetenzen unterschiedliche Entscheidungen über ihren weiteren Bildungsweg treffen. Dabei schätzen sozioökonomisch bevorteilte Personen die Kosten weiterführender Bildung geringer ein, während sie die Erträge und ihre Erfolgswahrscheinlichkeiten höher einschätzen als benachteiligte Personen.
Personen aus sozioökonomisch bevorteilten Familien besuchen beispielsweise häufiger Privatschulen und nehmen in der Grundschule an Ganztagsangeboten teil als Kinder benachteiligter Familien. Zudem erhalten sie häufiger eine Gymnasialempfehlung und kommen dieser nach als die Gruppe der soziökonomisch Benachteiligten. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei gleichen Schulleistungen. Somit ist auch das Erlangen einer Hochschulzugangsberechtigung mit der sozialen Herkunft verknüpft.
Die Bildungsungleichheiten führen sich nach der Schulzeit fort. Jugendliche mit statusniedrigeren Eltern nehmen deutlich häufiger eine berufliche Ausbildung auf als Personen statushoher Eltern. Die Wahrscheinlichkeit zum Berufsabschluss ist dabei umso höher, je höher der eigene Schulabschluss sowie der der Eltern ist. Jugendliche, deren Eltern einen hohen Berufsstatus aufweisen, studieren hingegen häufiger als Jugendliche statusniedriger Eltern und brechen ihr Studium seltener ab. Zudem nehmen sie nach einem Abbruch häufiger ein anderes Studium auf, während Personen aus Nicht-Akademikerfamilien danach eher eine Berufsausbildung starten. Somit bestehen während des gesamten Bildungsverlaufs Ungleichheiten nach der sozialen Herkunft, die insbesondere an den Übergangsentscheidungen sichtbar werden.
Durch Subjektmerkmale und die soziale Herkunft entstehende Bildungsungleichheiten können durch institutionelle Prozesse in Bildungseinrichtungen reproduziert und verstärkt werden. Unter anderem wirken sich Kompositions- und Institutionseffekte auf die Bildungschancen aus. Kompositionseffekte entstehen durch die soziale Zusammensetzung der Gruppe in einer Bildungseinrichtung, während Institutionseffekte durch schulartspezifische Rahmenbedingungen (z. B. Lehrkräftemangel) aufkommen. Darüber hinaus wird vielfach die Aufgliederung des Schulsystems sowie der frühe Zeitpunkt, zu dem dies geschieht, in Zusammenhang mit Bildungsungleichheiten gebracht. Gleichzeitig kann das Bildungssystem zur Kompensation von Bildungsungleichheiten beitragen. In einigen Bundesländern müssen Kinder vor der Einschulung an einer verpflichtenden Sprachstandserhebung teilnehmen. Sollte dabei ein Förderbedarf festgestellt werden, müssen die Kinder Sprachfördermaßnahmen wahrnehmen. Dadurch sollen herkunftsbedingte Ungleichheiten frühzeitig ausgeglichen werden. Im weiteren Bildungsverlauf sind vielfältige und durchlässige Bildungswege der Kompensation von Ungleichheiten nach sozialer Herkunft dienlich. Darunter fallen unter anderem das Nachholen von Abschlüssen auf dem Zweiten Bildungsweg oder die Möglichkeit zum Wechsel von Schularten und Bildungsgängen.
Quelle
Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung (2026). Bildung in Deutschland 2026. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Bielefeld: wbv Publikation.
Links
Weitere Informationen zum nationalen Bildungsbericht Bildung in Deutschland 2026 finden Sie hier.
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