Ein Direktor sagt Adieu

Herr Hunfeld, Sie sind jetzt seit neun Jahren an dieser Schule und seit dem Jahr 2001 generell als leitende Kraft an Schulen tätig. Was empfanden Sie in diesem Zeitraum als besonders schön?

Ich befinde mich seit dem Sommer 2010 an der KGS Neustadt. Als besonders schön finde ich gerade an unserer Schule, so trivial1 das klingen mag, die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern. Ich bin emotional sehr berührt, wenn mir Schülerinnen und Schüler freundlich begegnen, wenn sie mich grüßen und wenn ich in ihren Gesichtern sehe, dass es schön ist, dass wir uns hier begegnen können, obwohl Schule ja nun auch Zwang ist!

Die Begegnung mit den Menschen im Haus empfand ich zutiefst bewegend. Egal, ob es die Reinigungskraft war, ob es ein Schüler aus fünf oder zwölf war, ob es Lehrer waren, Schulleitungsmitglieder, Hausmeister, völlig egal, ob es die Cafeteria-Mitarbeiter waren – Ich habe mich immer gefreut, wenn ich tolle Kontakte mit Menschen hatte, die waren echt richtig schön und viele von ihnen werde ich vermissen.

Können Sie diese positiven Eindrücke auch für Ihren Unterricht an der KGS Neustadt bestätigen?

Natürlich gilt das auch für den Unterricht: Wenn ich mit Schülerinnen und Schülern gearbeitet und gemerkt habe, dass das, was ich mit ihnen gemacht habe, gefruchtet hat. Sie waren mit Begeisterung dabei, nicht immer, aber sie waren mit Freude dabei. Und das gilt auch für die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften: Wir haben tolles Neues entwickelt und Ideen gehabt.

Und was war besonders mühselig?

Mühselig ist eigentlich genau das Gegenteil: Wenn ich das Gefühl habe, dass weggeguckt wurde, dass Schüler, Eltern und Lehrer ignorieren, wenn es gerade nicht so gut läuft. Dass sie einen selber ignorieren, kann passieren, aber wenn sie das System ignorieren, wenn sie sich nicht verantwortlich fühlen, wenn sie erwarten, dass alles für sie gemacht wird. Mit diesem zunehmenden Egoismus umzugehen, finde ich richtig schwierig. Das ist mühselig und das nervt mich auch! Wenn das Ganze dann auch noch in Meckern und Motzen und Beschweren und vielleicht sogar noch Lästern übergeht, dann finde ich das sehr sehr mühevoll und da habe ich auch echt mit zu knapsen2. Mit Kritik, oder wenn mir jemand sagt, was er nicht in Ordnung findet, kann ich sehr gut umgehen, aber wenn das so hintenrum läuft, das finde ich das aller Letzte und das finde ich mühselig.

Sie sind nun seit längerer Zeit Schulleiter an der KGS Neustadt. Was war das Größte, das Sie in dieser Zeit bewegt haben?

Ich möchte gar nicht die Zeit nehmen, seitdem ich hier Schulleiter bin, sondern auch diese gesamten fast neun Jahre: Worauf ich wirklich bis heute ein bisschen Stolz bin, dass ich von einer fremden Schule kam und tatsächlich den Stundenplan hinbekommen habe. In den Sommerferien im Jahr 2010 und auch in der Zeit danach bin ich an meine Grenzen gekommen. Aber: Ich bin wirklich, das sage ich auch so, ein bisschen Stolz darauf, dass ich das hingekriegt habe! Und: Frau Jürgens, unsere Hauptschulzweigleitung, hat mir damals vor allem geholfen. Toll fand ich auch, dass ich an bestimmten gestalterischen Elementen mitarbeiten konnte: Der hintere Sek-II-Bereich, die beiden neu gestalteten Klassenräume, die Homepage der KGS und der Schülerwald sind alles Meilensteine, auf die ich stolz bin – aber nicht, weil ich in deren Gestaltung so toll war, sondern weil ich mich nach wie vor freue, das mit anderen gemeinsam gemacht zu haben. Insofern: Das Größte gab es auch hier nicht, sondern vieles, was schön war, aber auch manches, was nicht so schön war.

Viele Schülerinnen und Schüler möchten wissen, warum Sie jetzt die KGS verlassen. Daher kursieren3 auf dem Pausenhof Fragen wie: Streben Sie eine noch höhere Laufbahnebene an? Wollen Sie Ihre Ideen für einen größeren Kreis an Schulen nutzbar machen? Oder benötigen Sie einfach nur einen „Tapetenwechsel“ nach all den Jahren an der KGS?

Nein, einen Tapetenwechsel brauche ich nicht. Ich will hier eigentlich auch gar nicht weg, sondern ich sagte ja gerade, dass es hier noch ganz viel zu tun gibt und ich auch wirklich noch vor Ideen sprudele – Ich könnte hier noch sehr viel machen. Allerdings gibt es gerade jetzt eine Möglichkeit, an übergeordneter Stelle noch eine andere Verantwortung zu übernehmen: Demnächst bin ich im Grunde nicht nur eine Art übergeordneter Chef für eine Schule, sondern für über 20 Schulen. Das heißt auch, dass ich „Schule“ nochmal anders kennenlernen und vielleicht auch an anderer Stelle mitgestalten kann und dass ich mit den Ideen, die ich so habe, vielleicht auch noch etwas bewegen kann. Das treibt mich! Also ich fliehe hier nicht, sondern es ergibt sich gerade für mich die Möglichkeit in der Landesschulbehörde an einer Stelle zu arbeiten, von der ich glaube, dass ich auch von dieser aus auf etwas breiterer Ebene „Schule“ gestalten kann.

Sie haben eben erwähnt, dass Sie es vermissen werden, in die vielen Schülergesichter zu schauen. Unter uns: Ist da noch mehr, was Sie vermissen werden?

Ein bisschen werde ich natürlich den direkten Kontakt vermissen, zwar ist das auch ein Kommunikationsjob, den ich in der Behörde ausüben werde, aber ich werde vermutlich mehr schreiben, mehr telefonieren und mehr mailen. Aber: Den „everyday-talk“ werde ich mir trotzdem nicht nehmen lassen: Ich werde weiterhin mit vielen Schulen reden, mit Schulleitern sprechen und in der Behörde viele Besprechungen haben. Auch dort werde ich mir diese Offenheit nicht nehmen lassen auf Menschen zuzugehen.

„Es ist nicht so, dass ich mich in irgendeine Kammer setze und von morgens bis abends nur am Rechner sitze, sondern ich muss auch da ganz viel kommunizieren.“  T. Hunfeld (01/2019)

Selbstverständlich werde ich die Kontakte auch vermissen, aber es ist jetzt entschieden und jetzt schaue ich auch nicht zurück, jetzt schaue ich nach vorne, aber natürlich bleibt immer auch ein Teil von mir hier und auch die Menschen, mit denen ich hier gearbeitet habe, die bleiben auch ein Stück weit in mir (ohne das jetzt zu sehr pathetisch4 klingen zu lassen).

Stellen Sie sich vor, Sie hätten drei Wünsche frei.  Was würden Sie gerne am „System Schule“ ändern?

Ich finde die KGS ist das großartigste System, das es gibt. Hauptschule, Realschule, Gymnasium werden miteinander vereint, so auch die Schülerinnen und Schüler. Schülerinnen und Schüler, die etwas langsamer lernen, dann die, die mit Realien, aber auch auf einem hohen theoretischen Niveau arbeiten und schließlich die, die in die Theorie verliebt sein sollten, lernen an einem Ort. Diese Spannweite in einer Schule zu haben, finde ich gut, übrigens auch für ganz Niedersachsen. Ich finde die Vielfalt unseres Schulwesens manchmal bedrohlich: Gymnasium, Hauptschule, Oberschule, Realschule, IGS – Warum nicht nur eine Schule? (erster Wunsch)

„Warum nicht die KGS als guten Kompromiss zwischen denen, die irgendwie alles zusammenhaben wollen und denen, die alles getrennt haben wollen? Das ist ein utopischer5 Wunsch, das weiß ich, aber ich finde das toll, ich finde die KGS als System toll.“ T. Hunfeld (01/2019)

Dann wünsche ich mir, nicht nur für diese Schule, sondern für alle, dass nicht jede Schule das Rad neu erfinden muss, sondern dass es einen Rahmen gibt, in dem ich mich gut bewegen kann und den ich gestalten kann, aber dass nicht jede Schule beispielsweise ihren eigenen Arbeitsplan selber schreiben muss und definieren muss, was sie wann in welchem Unterrichtsfach macht – Und dieser wird dann von außen kontrolliert. In diesem Rahmen haben die Schulen auch viele Freiheiten, schließlich bedeuten mehr Vorgaben nicht zwangsläufig Einschränkungen (zweiter Wunsch).

Und drittens wünsche ich mir, dass die Schulen in einem guten Zustand sind. Diese Schule ist zwar in einem ganz guten Zustand, aber die Situation in den Klassenräumen ist ausbaufähig: Es ist zu laut, es ist auch teilweise zu voll, weil manche Klassenräume zu klein sind. Das Licht passt nicht immer und die digitale Technik funktioniert ebenfalls nicht immer. Ich wünsche mir einfach, dass wir auf einen zeitgemäßen Stand kommen, damit sich Kinder wirklich im Klassenraum wohlfühlen können (dritter Wunsch).

Wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch und wünschen Ihnen alles erdenklich Gute für die Zukunft.

Das Gespräch führte Emma Boye (11G3).

 

1 – simpel, einfach, schlicht

2 – hier: Mit etwas zu kämpfen haben

3 – verbreitet werden

4 – zu gefühlvoll

5 – unerreichbar

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