Warum wir uns mit Epik auseinandersetzen (sollten)

Die Epik umfasst erzählende Literatur in Vers- oder Prosaform und gehört neben der Lyrik und Dramatik zu den literarischen Grundgattungen. Die Epik wird wegen ihres erzählenden Charakters auch „Erzählung“ genannt. Beispiele für epische Textsorten sind Märchen, Fabeln, Kurzgeschichten, Sagen, Anekdoten, Kalendergeschichten, Schwänke, Parabeln, Novellen und Romane. Die reine Wiedergabe von Fakten ist also grundsätzlich kein Merkmal der Epik, da die real dargestellte Fiktion das Grundelement einer epischen Dichtung ist. Ein einzigartiges Sprachmittel hierbei ist jedoch der Erzähler. Diese fiktive Instanz präsentiert die Geschichte. Genauer gesagt dient der Erzähler als Vermittler zwischen Autor und Leser. Der Berichtende steht jedoch nicht im Mittelpunkt, sondern die Figuren, über die er berichtet. Er kann aber Teil dieser erzählten Welt sein, wenn er uns als Ich-Erzähler Einblick in die Geschichte gibt: Dann gebraucht er folglich die Ich-Form. Der Leser kann dadurch aber nur wahrnehmen, was der Ich-Erzähler fühlt und sieht oder im Austausch mit anderen erfährt. Während das Geschehen geschildert wird, erfolgt die Zeitgestaltung uneingeschränkt. Die erzählte Zeit ist also nicht an Raum und Zeit gebunden. Ebenfalls spielt die Handlung meistens in der Vergangenheit und wird deshalb im Präteritum geschrieben. Bei der Epik gibt es jedoch ein eigenes Präteritum (auch „episches Präteritum“ genannt). Das bedeutet vereinfacht, dass auch die Zukunft in der Vergangenheitsform erzählt werden kann. Ein Beispielsatz wäre: „Morgen war Ostern.“ Ein Satz, der sich so wohl nur in der Literatur wiederfindet.

„Der Kerngedanke einer Interpretation ist, dass man sich fragt, warum der Autor einen Text auf diese besondere Art und Weise erzeugt und eine bestimmte Erzählweise kreiert hat und welche Wirkung letztendlich dieses Werk auf den Leser hat.“

Abb. 1: Das analytische Schreiben folgt bestimmten Regeln, um fundierte Aussagen zu treffen.

Nun wird manch einem möglicherweise nicht sofort bewusst, wie komplex eine Erzählung aufgebaut sein kann. Um einen epischen Text zu verstehen, muss man diesen analysieren und anschließend interpretieren. Das klassische Schema von Einleitung, Hauptteil und Schluss wird auch hier beibehalten. Wie immer wird mit einem Einleitungssatz (Titel, Autor, Erscheinungsdatum, Literaturepoche, Textsorte, Thema) begonnen.  Es folgt eine Deutungshypothese, welche als Bezugsrahmen für die bevorstehende Interpretation dient. Hier skizziert man in wenigen Sätzen, was die grundsätzliche Aussage eines Textes sein könnte. Der darauffolgende Hauptteil besteht aus mehreren Schritten. In der Regel beginnt man mit einer kurzen Inhaltsangabe, die sich auf die Hauptaspekte der Handlung konzentriert. Wenn es sich um einen Auszug aus einem Werk handelt, folgt eine Einordnung der Textstelle in den Kontext des Gesamtwerkes, worauf sich in der folgenden Analyse bezogen werden kann. Nach der Beschreibung und Zusammenfassung der Thematik und des Inhaltes kommt es zur Analyse. Hier wird die Sprache des Textes hinsichtlich ihrer Besonderheiten in den Blick genommen. Es existieren verschiedene Kategorien, die man in Betracht ziehen sollte. Zum einen sollte der Textaufbau beachtet werden. Hier könnte man auf bestimmte Handlungsabschnitte, Ortswechsel, Rückblenden oder Vorausblicke, Erzählperspektiven oder das Auftreten neuer Figuren achten. Natürlich spielt in der Epik die Erzählperspektive ebenfalls eine große Rolle, aber auch das Zeitgerüst ist ein wichtiger Aspekt. Diesbezüglich kann man überprüfen, ob die Geschehnisse chronologisch verlaufen, oder ob Rückblenden oder Vorausblicke vorhanden sind. Auch das Zeittempo ist besonders wichtig in Erzählungen. Unterschieden wird hier zwischen der erzählten Zeit (fiktive Zeitspanne, die ein episches Werk beinhaltet) und der Erzählzeit (Zeit, die ein Leser tatsächlich zum Lesen des Werkes benötigt). Ist die erzählte Zeit länger als die Lesedauer, wird von einer Zeitraffung gesprochen. Bei gleicher Länge spricht man von einer Zeitdeckung. Wenn sich die Erzählung über mehrere Seiten zieht und dabei nur ein kurzer Moment geschildert wird, handelt es sich um eine Zeitdehnung. Auch die Sprache ist von Bedeutung. Rhetorische Stilmittel, Wortfelder und Wortarten, Satzbauweisen und der Schreibstil sind nur ein paar Beispiele, die man sich genauer anschauen sollte. Neben der Sprache sind ebenfalls die Figuren ein bedeutsamer Analysepunkt. Bei den Figuren bietet es sich an ihre Stimmung, Veränderungen, Entwicklungen, Beziehungen und Konflikte zu beschreiben. Man sollte bei der Figurenbeschreibung auf implizite (wenn der Charakter nicht ausdrücklich im Text erwähnt wird, sondern sich durch die Situation ableiten lässt) und explizite (wenn direkt über Figuren und ihren Charakter gesprochen wird) Charakterhinweise achten. Da jede Textsorte für sich typische Merkmale beansprucht, sollte man auch überprüfen, ob der zu bearbeitende Text diese beachtet. Abweichungen haben immer hinweisenden Charakter.

„Schließlich kann der Leser nicht viel mit einer Aufreihung von Stilmitteln anfangen, ohne zu wissen, was diese eigentlich bewirken.“

All diese Aspekte sollte man danach immer deuten. Der Kerngedanke einer Interpretation ist, dass man sich fragt, warum der Autor einen Text auf diese besondere Art und Weise erzeugt und eine bestimmte Erzählweise kreiert hat und welche Wirkung letztendlich dieses Werk auf den Leser hat. Während eine Analyse eher objektiv ist, hat eine Interpretation eine gewisse eigene Komponente. Es besteht die Möglichkeit, die eigene Interpretation direkt an das analysierte Kriterium anzustellen. Wichtig ist jedoch, dass Analyse und Interpretation vorhanden sind und sinnvoll miteinander verbunden werden. Schließlich kann der Leser nicht viel mit einer Aufreihung von Stilmitteln anfangen, ohne zu wissen, was diese eigentlich bewirken. Genauso wenig Sinn macht es, nur die eigenen Auffassungen aufzuschreiben, da der Leser sonst den Gedankenfluss des Verfassers nicht nachvollziehen kann. Die anfängliche Deutungshypothese wird hier wieder aufgegriffen und präzisiert oder korrigiert. Im Schlussteil werden schließlich die Ergebnisse zusammengefasst. Diese münden in einem Fazit, das ausgehend von der aufgegriffenen Deutungshyptohese präzisiert oder korrigiert wird.

„Man lernt dadurch das Hineinversetzen in andere Figuren und kann somit möglicherweise ein verbessertes Verständnis für Menschen und ihre Handlungen oder Haltungen bekommen.“

Abb. 2: Kompakte Wortpäckchen, die uns Freude machen sollen.

In Anbetracht des Aufwandes stellt sich jedoch die Frage, welchen Sinn und Zweck diese Auseinandersetzung mit epischen Texten hat. Durch den Schulzwang und die Art und Weise der Vermittlung machen sich literarische Texte doch eher unbeliebt. Schülerinnen und Schüler verstehen häufig nicht, was sie aus der investierten Zeit gewinnen sollen. Neben einer guten Note spielen jedoch auch andere Faktoren eine Rolle. Viele Menschen sehen den Wert von Analysen und Interpretationen erst nach der Schulzeit, wobei die freie Auswahl der Texte womöglich einer der Hauptgründe ist. Wichtig ist, dass man lernt, sich mit etwas tiefgründiger auseinanderzusetzen und somit das richtige Lesen lernt. Nicht so selten kommt es vor, dass Texte überflogen werden und dadurch die Wirkung des Textes verloren geht. Beim Lesen wird das grobe Verständnis primär als Ziel gesetzt. Dadurch fällt aber der Aspekt des Selbstdenkens und Hinterfragens meist weg. Jedoch sollte man sich auf epische (oder literarische) Texte einlassen. Wenn man in einen Text hineintaucht, entstehen automatisch grobe Gedanken und es ist interessant, herauszufinden, warum wir gerade so denken und fühlen. Durch die Analyse von epischen Texten wird ebenfalls der Wortschatz erweitert und man wird mit der literarischen Sprache vertrauter. Somit fällt auch die zukünftige Auseinandersetzung mit weiteren literarischen Texten viel einfacher. Eine längere Beschäftigung mit epischen Texten bringt einem also bei, wie eine gewollte Wirkung durch verschiedene Mittel erreicht werden kann. Dies kann auch eine große Inspiration und Hilfe sein, wenn das Schreiben eigener Texte geplant ist. Bei einer Analyse überprüft man auch das Verhalten einzelner Figuren. Man lernt dadurch das Hineinversetzen in andere Figuren und kann somit möglicherweise ein allgemein verbessertes Verständnis für Menschen und ihre Handlungen oder Haltungen bekommen. Ebenfalls kann durch eine tiefgründige Analyse herausgefunden werden, welches Ziel der Autor mit seinem Werk erreichen wollte. Meist ist alles sehr kompakt verpackt in rhetorischen Stilmitteln, wie beispielsweise in Metaphern.

„Dieser Fakt kann sogar aufschlussreich sein, weil sich die eigene Türe gegenüber einer neuen Denkweise öffnet.“

Jeder Mensch mag den gleichen Text etwas anders interpretieren. Solange aber alles verständlich erklärt und belegt wird, stellen verschiedene Deutungsansätze kein Problem dar. Im Gegenteil: Dieser Fakt kann sogar aufschlussreich sein, weil sich die eigene Türe gegenüber einer neuen Denkweise öffnet. Es kann sehr interessant sein, zu sehen, was ein Text bei den unterschiedlichsten Menschen auslösen kann. Die deutsche Sprache ist besonders vielfältig und wir besitzen eine Menge Möglichkeiten, wie wir uns ausdrücken können. Das sollte nicht in Vergessenheit geraten und weiterhin gefördert werden!

von Anastasia Sonnenfeld, 12. Jahrgang

 

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