Was ist des Deutschen Vaterland?

Sachsen, Preußen, Hannoveraner, Bayern – Vor 1800 bot das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (HRRDN) eher ein Bild staatlicher Zersplitterung. Die Deutschen waren in Territorien unterschiedlichster Größe aufgeteilt. Lediglich durch Sprache, Literatur und Kunst als „Kulturnation“ geeint, waren die Deutschen weit davon entfernt, einen „Nationalstaat“ zu bilden. Umso schwieriger war es auch, die Frage, die Ernst Moritz Arndt in seinem politischen Gedicht „Was ist des Deutschen Vaterland?“ im März 1813 äußerte, zu beantworten. Schließlich gab es kurz nach 1800 noch keine klare Antwort darauf.

Während der Befreiungskriege (1813-1815), die sich gegen die Vorherrschaft der Franzosen unter Napoleon über große Teile des europäischen Kontinents richteten, entwickelte sich in Deutschland ein antifranzösisches und somit nationales Zusammengehörigkeitsgefühl. Dass sich die Menschen nicht mehr nur als Preußen, Hannoveraner oder Sachsen fühlten, änderte sich also mit dem gemeinsamen Kampf gegen Napoleon. Nach dem enttäuschenden Ausgang des Wiener Kongresses sollte es aber noch sehr lange dauern, bis sich die Deutschen zu einem geeinten Vaterland zugehörig fühlten: Erst am 18. Januar 1871 wurde das zweite Deutsche Kaiserreich (1871-1918) gegründet. Dieser Akt war vor allem durch Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck ermöglicht worden. Er führte Preußen in den 1860er Jahren erfolgreich durch die drei Einigungskriege. Dem deutschen „Flickenteppich“ machte er somit ein Ende.

Die Deutschen haben also einen langen und mitunter kriegreichen Weg hinter sich bringen müssen, um offiziell als ein „Nationalstaat“ zu gelten. Mut, Tapferkeit sowie Zusammenhalt zahlten sich aus. So erinnern heute noch die Farben der deutschen Flagge an jenen mutigen Kampf: Die Farben schwarz, rot und gold waren zum ersten Mal 1813 auf den Uniformen des Lützower Freikorps zu sehen – ein Heer aus Freiwilligen verschiedenster Regionen, das gegen Napoleon kämpfte.

Auch heute noch schmücken während großer Fußballveranstaltungen genau diese Farben unsere Autos, Balkone, Straßen oder sogar Gesichter, aber trügt während solcher Ereignisse der deutsche Nationalstolz? Nach der nationalsozialistischen Diktatur Adolf Hitlers, die durch seine Grausamkeit dem Deutschen Nationalstaat einen ebensolchen Stempel verlieh, war es für deutsche Folgegenerationen sicherlich nahezu beschämend sich als „nationalstolz“  zu bezeichnen. Dies führte dazu, dass eine Geschichtsvergessenheit bzw. ein Geschichtsverlust der Deutschen zu einem Problem heranwuchs. So sprechen einige Kulturwissenschaftler von einer scheinbaren „Einigelung“ im Hier und Jetzt der sicheren Gegenwart. Dabei weist die Geschichte des deutschen Nationalstaats sehr wohl auch stolze Zeiten auf.

Als 1989 die Mauer fiel, fiel quasi sinnbildlich auch der Vorhang zweier Geschichtsräume und während der  1990er Jahre wandten sich die Deutschen ihrer Geschichte immer mehr zu. Es entstand nach und nach ein neues Nationalbewusstsein, welches sich nicht mehr ausschließlich auf den Nationalsozialismus fixierte, diesen aber auch nicht „unter den Tisch kehrte“. Zum  Ausdruck gebracht wurde das neue National- bzw. Geschichtsbewusstsein u. a. durch Geschichtsausstellungen über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder durch eine Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Wissen über die Geschichte unseres deutschen Nationalstaats ist wichtig – aus diesem kann vor allem gelernt werden! Ein Geschichtsbewusstsein sollte jedem verdeutlichen, dass es gut ist, zu wissen woher man kommt bzw. wo die eigenen Wurzeln liegen. Ein Geschichtsbewusstsein sollte jedem jedoch auch verdeutlichen, dass es viel wichtiger ist, was man daraus macht. So können gegenwärtige deutsche Generationen dafür dankbar sein, in einem sicheren, entwickelten „Vaterland“ geboren zu sein. Dieses schafft der Mehrheit der Gesellschaft Möglichkeiten in Zeiten des Wiederaufkommens rechtsradikaler Parteien wie der AFD, der Verbreitung neuer Krankheiten wie COVID-19 oder der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich durch z. B. eine gute Schulbildung, dagegen angehen zu können. Das Nationalbewusstsein oder die nationale Identität Deutschlands sollte sich also auf Tribute stützen wie Offenheit, Nächstenliebe, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft.

von Rosalie Katzur (8. Jhg.)

 

Begriffe:

Nation: Der Begriff „Nation“ kommt aus dem Lateinischen und meint zunächst „Volk“. Die moderne Vorstellung von „Nation“ bezeichnet eine größere Gruppe von Menschen, die sich durch gleiche Sprache, Geschichte, Kultur und gleiches Recht verbunden fühlt.

Kulturnation: Der Begriff „Kulturnation“ beschreibt eine Vorstellung, die unter einer Nation eine Gemeinschaft von Menschen begreift, die sich u.a. durch Sprache, Kultur und Religion miteinander verbunden fühlt.

Nationalstaat: Der Begriff „Nationalstaat“ bezieht sich auf eine Nation (s.o.), die in einem Staat mit gemeinsames Regierung und Verfassung lebt.

 

Verwendete Literatur:

  • https://www.geschichte-abitur.de/deutsches-kaiserreich/reichsgrundung [09.04.2020].
  • https://www.geschichte-abitur.de/biographien/otto-von-bismarck [09.04.2020].
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Des_Deutschen_Vaterland [09.04.2020].
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturnation [09.04.2020].
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Erstes_Kaiserreich [09.04.2020].
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Napoleon_Bonaparte [09.04.2020].
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Kaiserreich [09.04.2020].
  • Das waren Zeiten 3. Hrsg. von Harald Focke. Bamberg 2016, S. 74-77.
  • Geschichte und Geschehen 3/4. Hrsg. von Michael Sauer, S. 98-101.

 

 

 

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