Roe vs. Wade – Leben vs. Leben

Amerika ist in Aufruhr. Erneut. Der Oberste Gerichtshof kippt offiziell landesweit das Abtreibungsrecht in den Vereinigten Staaten. Das bedeutet, strengere Abtreibungsgesetze bis hin zum Verbot der Abtreibungen in vielen Bundesstaaten. Zuvor gab die Grundsatzentscheidung „Roe vs. Wade“ Schwangeren das Recht, selbst über einen potentiellen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Dabei stand die Sicherheit der schwangeren Person und des ungeborenen Kindes im Vordergrund. Der Grundsatz erlaubte es, den Schwangerschaftsabbruch während des ersten und zweiten Schwangerschaftstrimesters durchzuführen, soweit die Gesundheit der Schwangeren dadurch nicht gefährdet würde. Am 24. Juni wurde dieser Grundsatz aufgehoben.

Ein Kommentar von Lenya W., 11. Jahrgang

Die Bundesstaaten dürfen seit dem 24. Juni selbst über die Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen urteilen. Bereits jetzt wird davon ausgegangen, dass 26 der 50 amerikanischen Staaten Abtreibungen verbieten oder stark einschränken. Diese Einschränkungen beziehen sich auf Vergewaltigung, Inzest und die Gesundheit der Schwangeren, doch nicht immer legalisieren diese Gründe eine Abtreibung. Vor allem im konservativen Süden der USA droht Ärzten in Zukunft eine lebenslange Haftstrafe, sollten sie eine illegale Abtreibung bei Schwangeren durchführen. Ein radikales Beispiel bot Texas mit der sogenannten „,Heartbeat bill“. Diese verbat Schwangerschaftsabbrüche nach der sechsten Schwangerschaftswoche, unabhängig von einer ungewollten Schwangerschaft durch Vergewaltigung (oder Inzest). Problematisch ist dabei aber, dass einige Schwangere ihre Schwangerschaft erst nach diesen sechs Wochen spüren und eine Abtreibung daraufhin nicht mehr in Frage kommen würde. Wegen der offensichtlichen Verfassungswidrigkeit wurde dieses Gesetz im letzen September von der US-Regierung für ungültig erklärt.

„My body, my choice“ heißt es auf vielen Bildern, die auf Social Media geteilt und verbreitet werden und ein Symbol für die sogenannte Pro-Choice-Bewegung darstellen. Viele Frauen fühlen sich nun in ihrer Entscheidungsfreiheit über ihren eigenen Körper betrogen. Sie fragen sich, wo Gesetzgebung anfängt und Selbstbestimmung aufhört. Welches Leben steht über welchem? Sie fürchten, dass der Staat sie und ihren Körper zu sehr kontrollieren will und bedauern den Rückschritt für diese Bewegung. Und nicht nur im Netz hagelt es Kritik, auch Präsident Biden betonte, dass diese Entscheidung nicht das letzte Wort bedeuten müsse. Er forderte die Bürger auf, ihr Recht auf Demonstrationen und Wahlen zu nutzen. „Es ist noch nicht vorbei“, sagte er abschließend in seiner Rede an das Volk, kurz nachdem der Supreme Court Roe vs. Wade auflöste.

Niemanden steht es zu über das Leben anderer zu entscheiden. Dieses Argument spricht grundsätzlich für beide Parteien. Einerseits für die Pro-Life-Bewegung, die kritisiert, dass über das Leben eines ungeborenen Menschen gerichtet wird, noch bevor dieser die Chance auf ein eigenes Leben nutzen kann, andererseits für die Pro-Choice-Bewegung und so für das Leben der werdenden Mutter, die ungewollt die Schwierigkeiten einer Schwangerschaft durchleben muss und damit ihr eigenes Leben riskiert.

Vier der Sechs Richter des Supreme Courts, die sich gegen das Abtreibungsgesetz in Amerika ausgesprochen haben, sind Männer. Männer, die über das Leben aller amerikanischen Frauen entscheiden. Männer, die selbst keine Kinder bekommen können und nicht von ihrer Entscheidung betroffen sind, aber über alle wirklich Betroffenen richten. Männer, die „jungen Frauen noch weniger Rechte geben, als ihre Mütter und Großmütter hatten“, schrieb die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, auf Twitter.

Der Oberste Gerichtshof begründet seine Entscheidung mit dem Leben und dem Bewusstsein des Kindes, welches in einem „freien“ Land wie den Vereinigten Staaten ein Recht auf ein erfülltes Leben habe. Aber ist es ein erfülltes Leben, wenn das Kind in einem Haushalt aufwächst, welcher sich eigentlich gegen dieses Kind entscheiden wollte? Und ab wann ist ein Ungeborenes ein „richtiger“ Mensch? Wann steht das Wohl eines ungeborenen Kindes über das der Mutter? Das kann lediglich die Betroffene selbst entscheiden.

 

Quellen:

  • The white House – Remarks by President Biden on the Supreme Court Decision to Overturn Roe v. Wade.
  • National Geographic – Abtreibung in den USA: Die Geschichte von „Roe v. Wade“.
  • Tagesschau – Oberstes US-Gericht kippt Abtreibungsrecht.

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