„Für mich waren die Vorwürfe total unglaubhaft“. Ein Zeitzeuge erzählt: Pierre Boom zu Besuch in der Klasse 10b (15. April 2026)

„Für mich waren die Vorwürfe total unglaubhaft“. Ein Zeitzeuge erzählt: Pierre Boom zu Besuch in der Klasse 10b (15. April 2026)

Im Jahr 1974 wurden die Eltern des damals gerade einmal 17-jährigen Pierre Boom – ehemals Guillaume – wegen Spionageverdachts für die DDR in Bonn festgenommen.

Unsere Klasse hatte das Glück, ihm persönlich Fragen zu seiner Vergangenheit stellen zu dürfen, da er uns am 15. April 2026 besucht hat.

Pierres Familie, bestehend aus seinem Vater Günter Guillaume, seiner Mutter Christel Guillaume, seiner Großmutter Erna Boomund ihm lebte bis dato in der Bundesrepublik Deutschland und wirkte nach außen wie eine ganz gewöhnliche Familie. Dies änderte sich jedoch unerwarteterweise am 24. April 1974. Denn offiziell war sein Vater der engste Berater Willy Brandts, dem damaligen Bundeskanzler. Doch das Bild täuschte, sogar Pierre selbst ahnte bis zum Tag der Verhaftung nicht, dass seine Eltern Spione der Staatssicherheit waren. Diese Spionage fand im Auftrag der Stasi der DDR statt, mit dem Ziel, an sensible politische Daten der BRD zu kommen. Dies gelang ihnen, da sie das Vertrauen von Brandt so sehr gewannen, dass sie sogar einmalig mit dessen Familie in den Urlaub fuhren. Jedoch ahnte Pierre Boom nie, dass seine Eltern Spione waren. Dies brachte ihn in eine emotional schwierige Situation, was er uns sehr eindrucksvoll berichtete. Besonders schwer war, laut ihm, dass er nirgendwo Antworten bekam. Selbst bei seinen Eltern im Gefängnis bekam er keine, da sie nie alleine sprechen konnten und nicht über die Spionage sprechen durften. Selbst von seiner Großmutter, die seine letzte Bezugsperson war, konnte er anfangs keine Information erhalten, da sie wegen Verdachts zur Beihilfe ebenfalls inhaftiert wurde. In den Folgejahren besuchte er seine Eltern kaum, da die Belastung, im Unwissen zu sein, zu schwer auf ihm lastete. Zugleich musste er sich auf einer neuen Schule in der DDR zurechtfinden, wo, entgegen seiner persönlichen Empfindung, sein Vater als Staatsheld gefeiert wurde. Nachdem die Guillaumes im Jahre 1981 freigelassen wurden und in die DDR zurückkehrten, suchte Pierre das Gespräch mit seinen Eltern, um Antworten auf die Fragen zu bekommen, die ihm so lange vorenthalten wurden. Sein Vater sagte ihm allerdings, er solle das Geschehene auf sich beruhen lassen und verwehrte ihm die Informationen, auf die er jahrelang wartete. Daraufhin veröffentlichte Boom im Jahr 2004, ein Buch namens „Der fremde Vater“ darüber, wie sehr sich das Verhältnis zu seinem Vater dadurch verschlechtert hat.

Durch seine offene Art und seine lebendigen Erzählungen ermöglichte er uns einen Einblick in die BRD- und DDR-Geschichte, den wir aus keinem Geschichtsbuch kriegen konnten. Er hat unsere Fragen alle offen beantwortet, auch die Fragen, die persönlich waren.

Herr Boom war sehr gerührt über das von Anni Ludwigs gezeichnete Portrait, das wir ihm als Dankeschön überreichten.

Annika Wiethe, Amelie Kramer, 10b

Die Kommentare sind geschlossen.