Studienfahrt nach und Austausch mit Warschau 2022

Aufträge aus der Geschichte

Am 09. Oktober war es wieder soweit: die Hinbegegnung des Seminarfachs „Europe: united in diversity?“ mit der Partnerschule in Warschau im Rahmen der Studienfahrtswoche konnte stattfinden, nachdem der letzte Austausch Corona-bedingt entfiel. Viele Museen, ein Besuch im polnischen Parlament und zahlreiche weitere Eindrücke aus gleich zwei polnischen Großstädten, die sich in goldenem Oktoberwetter präsentierten, standen auf dem Programm.  

Zu Beginn stieg auf der scheinbar nie enden wollenden aber überraschend komplikationslosen Zugfahrt in Richtung Osten, bereichert durch das immer noch angebotene Freigetränk der polnischen Zuggesellschaft PKP im Warschau-Express, die Spannung auf die erste tatsächliche Begegnung mit den polnischen Gastgebern – eine Reise, die großzügig durch das Deutsch-Polnische Jugendwerk mitfinanziert wurde.

Nach einer kurzen Nacht ging es jedoch gleich wieder in den nächsten Zug, die Fahrt diesmal aufgelockert durch Kennenlernspiele. Früh am Morgen ging es zur gemeinsamen zweitägigen Exkursion nach Danzig, der Stadt von Günter Grass, der man die Vergangenheit als reiche Hansestadt noch immer ansieht, die aber auch durch ihre sichtbare Dynamik beeindruckt. Vor allem ist Danzig jedoch die Stadt, in der Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen hat und in der sich mit der ersten freien Gewerkschaft Osteuropas, der Solidarnosc, ab 1980 ein Ende der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa abzuzeichnen begann. An beides erinnern modernste und architektonisch aufregende Museen, die auf jeden Fall dazu einladen, sich mit der Geschichte beider Ereignisse intensiv zu beschäftigen. Vor allem das Museum zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs beeindruckte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, da viele verschiedene Aspekte eines scheinbar gut bekannten Ereignisses angeboten wurden, die dazu anregen, Sachverhalte neu zu verstehen und zu verknüpfen, und aus einer anderen Perspektive als der deutschen.

Zurück in Warschau hieß es dann noch einmal Geschichte satt mit dem Besuch des POLIN und einem Rundgang durch das Gebiet des ehemaligen Ghettos, das größte während der deutschen Besatzung und berühmt für den brutal niedergeschlagenen Aufstand gegen die menschenverachtende Naziherrschaft, an den später Willy Brandt mit seinem Kniefall vor dem Mahnmal im Jahre 1970 erinnerte. Der anschließende Gang durch die Altstadt ließ den Abend ahistorisch ausklingen, auch wenn hier mit aufgestellten Bildsäulen an die Zerstörung Warschaus nach dem Warschauer Aufstand im Jahr 1944 erinnert wird.

Nach so viel Geschichte und damit Klarheit über eine geteilte Grundlage der deutsch-polnischen Beziehungen wurde es dann doch Zeit, sich mit der gegenwärtigen Situation zu beschäftigen. Am Donnerstagmorgen stand ein Besuch im Sejm, dem polnischen Parlament, auf dem Programm. Bei der Führung wurde hier das politische System Polens und vor allem die Funktionsweise des Parlaments erklärt. Der Sitzungssaal – ebenfalls von den Deutschen zerstört und später wiederaufgebaut – ist dabei in der Struktur natürlich ähnlich wie der Bundestag, jedoch fehlt hier klar das Tageslicht. Nebenbei konnten wir einen polnischen Politiker beim Interview beobachten und es gab echte „Berühmtheiten“ zu sehen – der Abgeordnete Grzegorz Braun von der radikalen Rechten schlenderte unter missbilligendem Gemurmel der polnischen SchülerInnen vorbei.

Dass die Demokratie, wie zum Beispiel im Sejm verortet, nicht ohne Bedrohung ist, wurde später im Gespräch mit dem polnischen Journalisten Lukasz Pawlowski deutlich, der versuchte, eine Vielzahl von Problemen der Demokratien in den USA und in Polen aufzudecken. In der angeregten Diskussion wurde deutlich, dass Grundrechte bedingungslos sein müssen, dass man aber auch aufpassen muss, wer die Spieregeln wie gestaltet, denn dies sei das Einfallstor für Gefahren für die Demokratien. Gerade die Eindrücke des letzten Tages sollen dann bei der Rückbegegnung in Bad Nenndorf im November genutzt werden, um eine Vision für eine gemeinsame Zukunft in Europa zu gestalten.   

Neben den vielen Programmpunkten sind es dann aber auch die kleinen privaten Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben werden, sei es eine Diskussion über Abtreibungsregeln am Abendbrottisch der Gastfamilie, eine gemeinsame von Müdigkeit gezeichnete Party ohne LehrerInnen, der windige Blick vom Kulturpalast, dem Wahrzeichen Warschaus, oder die Begegnung mit einem überlebensgroßen Panda vor dem – wiederaufgebauten – Warschauer Schloss in dieser sympathischen und gegensätzlichen Stadt in Osteuropa.

Kay Tomhave

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